"Elegy" oder die Kunst zu leben

Kino Ob Elegy oder die Kunst zu lieben eine gelungene Literaturverfilmung ist, darüber kann man genauso streiten wie über die Frage, ob Elegy ein ...

Ob Elegy oder die Kunst zu lieben eine gelungene Literaturverfilmung ist, darüber kann man genauso streiten wie über die Frage, ob Elegy ein gelungener Film ist. Aber die Qualität, die man in Isabel Coixets Verfilmung von Philip Roths Roman Das sterbende Tier aus dem Jahre 2001 findet, verdankt sich unbestreitbar den Rückkopplungseffekten zwischen Film und Buch. Die Geschichte geht über den älteren Literaturprofessor David Kepesh, der dem aufmerksamen Roth-Leser schon aus anderen Büchern bekannt ist. Kepesh ist ein kultivierter Mensch, der so schlau über Literatur reden kann, dass er das nicht nur in Hörsälen, sondern auch im Fernsehen tut. In der Universität interessiert ihn neben der Lehre eine, wie so oft bei Roth, deutlich jüngere Studentin, hier mit kubanischem Migrationshintergrund, die ob ihrer vollkommenen Schönheit wunderbar in seine kultivierte Welt integrierbar scheint, ohne dort je aus dem Genuss verheißenden Status eines guten Essens, einer gelungenen Theateraufführung oder einer avancierten Inneneinrichtung nobilitiert zu werden. Für dramatischen Ausschlag sorgt gegen Ende die Bedrohung dieser Schönheit durch den Brustkrebs, der bei der Studentin diagnostiziert wird und der das getrennte Paar wieder vereint.

Was nun den Reiz des Films angeht, so entsteht der aus der subtilen, aber sturen Weise, in der es Isabel Coixet gelingt, dem Stoff seine Altmännerräudigkeit auszutreiben. Die Besetzung einer unbedarften Studentin, die durch erotisch klimpernden Akzent und naiven Rehaugenaufschlag den alten Mann seiner schwindenden Männlichkeit versichert, mit einer erwachsenen Frau wie Penelope Cruz ist ein Witz. Aber er verfremdet - an der Seite von Ben Kingsley als einsamem Genießer - das Obszöne an der Konstellation. Den tollsten Effekt besorgt allerdings Coixets introvertiert-fühliger Stil, der vor fünf Jahren in Mein Leben ohne mich Zuschauer zu stillen Tränen gerührt hat. Das Altmännergeifern, das bei Roth durch erzählerische Süffisanz und nicht uneitle Ironie abgefedert wird, packt Coixet in die pittoreske Watte ihres Impressionismus, zu dem ein angenehmer Rhythmus genauso gehört wie der nachdenkliche Off-Kommentar über rauen Coffee Table Book-Bildern von Ausflügen ans Meer.

Der Off-Kommentar, der vieles erzählen muss, was die Bilder nicht zeigen, ist das Manko eines Films als Versuch, Literatur auf die Leinwand zu bringen. Er funktioniert bei Coixet dennoch als Ausdruck einer sentimentalen Innerlichkeit, die die Grenze zum Kitsch nicht scheut. Es bleibt als Verdienst: Ein kuscheliger Film suspendiert ein dauererregtes Buch, indem er einfach alles, was ihm an der Vorlage nicht passt, in atmosphärische Gefälligkeit übersetzt.

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