Matthias Dell
Ausgabe 0817 | 24.02.2017 | 06:00 6

„Er nimmt sich alles“

Interview Der Dokumentarfilmemacher Cem Kaya erklärt das popkulturelle Phämonen und Erfolgsmodell „Recep İvedik 5“

Parallel zum Start in der Türkei ist am 16. Februar Recep İvedik 5 in die deutschen Kinos gekommen. Der Komiker Şahan Gökbakar, der auch als Produzent auftritt und mit seinem Regie führenden Bruder Togan das Drehbuch geschrieben hat, reist als Titelheld diesmal mit einem türkischen Nachwuchsteam zu Euroasia-Spielen nach Skopje, wo Recep İvedik in gewohnter Manier die Wettkämpfe mit Mannschaften aus Griechenland, Russland, China oder Deutschland chaotisiert. Gökbakars Recep-İvedik-Filme sind ein popkulturelles Phänomen und kommerziell erfolgreich. In Deutschland sahen Teil 4 im Jahr 2014 über eine halbe Million Zuschauer, Teil 5 am ersten Wochenende 180.000.

der Freitag: Herr Kaya, für Leute, die trotz des Erfolgs nichts von ihm wissen – wer ist Recep İvedik?

Cem Kaya: Ein fiktionaler Charakter, erfunden vom Komiker Şahan Gökbakar für dessen TV-Show. Das war lustig damals, junges, frisches Fernsehen Anfang der 2000er Jahre. Recep İvedik ist fleischgewordene Karikatur eines Menschenschlags, der in der Türkei maganda heißt. Ein negatives Wort.

Wer ist da gemeint?

Landflüchtlinge, die sich an das Leben in der Metropole nicht anpassen konnten, ein Typ, der weder Landmensch, Provinzler ist noch richtiger Städter. Der frustriert ist über seine Verhältnisse und die Nichtakzeptanz durch die städtischen Eliten, die bürgerliche Mittelschicht, die „weißen Türken“. Recep İvedik stellt eigene Regeln auf, die er den Leuten oktroyiert. Er ist grob, chauvinistisch, homophob, menschenverachtend. Die maganda-Karikatur kommt aus den türkischen Satiremagazinen der 1980er Jahre. Wir haben ja eine große Satiremagazinkultur, ähnlich wie in Frankreich.

Recep İvedik steht also für eine gesellschaftliche Gruppe?

Kann ich kurz ausholen?

Nur zu.

Die Landflucht fängt in den 1950er Jahren an, als die Industrialisierung vorangetrieben wird unter der wirtschaftsliberalen Menderes-Regierung, aber nur die Metropolen und ihr Umland betraf. Politisch ging das einher mit Amerikanisierung, Paranoia vorm Kommunismus, als Partner der NATO wird mit in den Korea-Krieg gezogen. Die Türkei war wie Deutschland Nutznießer des Marshall-Plans, wegen der Nähe zur Sowjetunion eine Außengrenze des Westens in der bipolaren Weltordnung. Die ländlichen Regionen werden vernachlässigt, da wird, im Prinzip bis heute, nach feudalen Prinzipien gelebt. Also wanderten viele Leute in die Städte ab, manche weiter nach Deutschland. In der Türkei setzt eine Gettoisierung ein, es entstehen gecekondular, wörtlich: über Nacht Hingebautes; die türkischen Favelas, Banlieues, die zur städtischen Infrastruktur nicht richtig dazugehören und erst später legitimiert werden.

Zur Person

Cem Kaya, Jahrgang 1976, ist ein Kenner des Kinos. Sein Film Remake, Remix, Rip-off würdigte das „Yeşilçam-Kino“, die nerdige Filmindustrie der 1960er und 1970er Jahre, die unermüdlich Blockbuster in Besitz nahm. In Arabesk (2010) erinnerte Kaya mit Gökhan Bulut an die erste genuine türkische Popmusik

Foto: Queryzo/Wikipedia

Es findet schon stadtplanerisch keine Integration statt.

Genau. Die Migranten werden auf Abstand gehalten, machen aber die Drecksarbeit. Das sind die Leute, die drei Stunden zur Arbeit fahren und zurück, aber deren Wünsche und Begehren unerfüllt bleiben. Auf der Suche nach einer Lebensphilosophie entsteht in den 1950er, 1960er Jahren eine Musikkultur, die wir arabesk nennen. Die Eliten, Arrivierten mochten das nicht; die türkische klassische Musik werde dadurch pervertiert. Arabesk ist die erste Popkultur des Landes, die in den Studios in den Istanbul produziert wird. Sänger haben ägyptische, arabische Songs interpretiert und gleichzeitig westliche Instrumente benutzt. Die Lieder erzählten Leidensstorys, gesungen wurde von den Dingen, die man nicht kriegen konnte, unerfüllte Liebe, aber auch Armut, Perspektivlosigkeit. Und da tun sich verschiedene Wege auf. In den 1970er Jahren gibt es einerseits einen Star wie Orhan Gencebay. Der sagt so peacig-buddhistisch: Lebt damit, versucht euch anzupassen und das Beste draus zu machen.

Seid demütig?

Demut trifft es ganz gut. Und dann ist da andererseits İbrahim Tatlıses, der sagt: Moment mal, hier gibt es alles, wir können alles haben, warum sollen wir schlechter sein als die Mittelschicht? Wir wollen alles und wir wollen es jetzt. Das war Ende der 1970er Jahre, zur Zeit der Sexfilmwelle in den Kinos. Orhan Gencebay ist eine Vaterfigur, İbrahim Tatlıses eher der hässliche Junge, der die Leute anstachelt. Passend zum gesellschaftlichen Wandel um 1980, als nach dem Militärputsch Tür und Tor geöffnet wurden für den globalen Kapitalismus in der Türkei. Es findet eine Vulgarisierung der Gesellschaft statt über die Zeitungen, Magazine, Fernsehen. Die politische Linke wird mundtot gemacht; da war auf einmal Stille. Und auf der anderen Seite herrscht Lärm durch Populärkultur, Konsum, Individualisierung.

Der Neoliberalismus, wo Selbstverwirklichung Karriere machen bedeutet.

Genau. Und Recep İvedik ist die 2010er-Version der Entwicklung.

Das Ventil einer Zurücksetzung, durch das hemmungslos Begehren rausgeblasen wird.

Gleichzeitig ist Recep İvedik eine Verniedlichung, eine liebenswertere Variante der Leute, die als maganda karikiert werden. Das sieht man an den Lkw-Fahrern, die er in Teil 5 herbeiruft, um das Team für die Spiele zu bilden. Das ist the muscle, das sind die Leute, die nach Ärger aussehen, die Angst der Mittelschicht. Im US-amerikanischen Kino wären das Schwarze, Latinos. Das Problematische ist das Bild, das Recep İvedik entwirft: Alle Leute, die behaart sind, die die und die Klamotten tragen – die sind so. Seinen Willen setzt Recep İvedik durch die Androhung von Gewalt durch, Backpfeifen und Kopfnüsse verteilt er nebenbei. Andere Formen von Gewalt kommen in den Filmen nicht vor, alle Gewalt geht immer nur von diesen nicht integrierten Halbaffen aus. Das ist die Stigmatisierung.

Zugleich ist Recep İvedik aber der Protagonist, der jede Szene, jedes Bild dominiert.

Das ist das Zweite: Es findet eine Heroisierung dieses Typen statt, was die nächsten Generationen prägt. Kids machen den nach, es gab Filme, die versucht haben, den Erfolg zu kopieren. Recep İvedik ist eine ambivalente Figur.

Ist es Satire? Oder ein Identifikationsangebot?

Dass Komiker Typen karikieren, kommt überall vor. Im deutschen Fernsehen hatten wir Ekel Alfred.

Ein westdeutscher Revanchist in den 1970er Jahren.

Da wurde auch überzeichnet, aber die Figur wurde nicht heroisiert, es gab etwa den von Diether Krebs gespielten Schwiegersohn, der gegen politische Ansichten opponierte. Ekel Alfred hat sich diskreditiert durch das, was er gemacht hat. Recep İvedik diskreditiert sich nicht, er macht einfach alles und kommt damit durch. Ich will mich nicht einreihen in die Schlange der Kritiker, die sagen: Oh, da wird die Jugend verführt. Mich interessiert auch das ganze Rülpsen, Furzen, Scheißen nicht. Ich komme vom Trashfilm, ich bin vieles gewohnt.

Geschmacklosigkeit könnte auch ein Zeichen von Dissidenz sein.

Es steckt ein anarchisches Potenzial in der Figur, gegen ihren Ausschluss aufzubegehren. Im ersten Film findet Recep İvedik einen Geldbeutel, den er seinem Besitzer zurückbringt; zur Belohnung wird er in ein Ressorthotel in Antalya eingeladen, wo er unter den „weißen Türken“ als einziger „schwarzer Türke“ Abenteuer erlebt. Es ist nicht seine Welt, in dieser Verortung findet die Komödie statt. Er begegnet Leuten, die opportunistisch sind, Arschkriecher. Recep İvedik ist kein Arschkriecher. Die Chance, die Teil 1 bot, wurde verpasst, die Frage, ob die Figur affirmativ oder subversiv ist. Recep İvedik ist affirmativ. Weil Gökbakar gesehen hat, dass anstatt derer, die die Satire verstehen, eine andere Klientel in Massen kommt.

Welche Klientel ist das?

Die Leute, über die er sich zum einen lustig macht und denen er zum Heldentum verhilft. Die mögen das. Ich will hier nicht als Snob sitzen und überheblich über Leute reden, ich bin selber Arbeiterkind, mein Vater war so ein Typ, aber er war nicht so drauf – am Erfolg von Recep İvedik zeigt sich, wie die Bildungspolitik in der Türkei rasiert worden ist. Die Fans von Recep İvedik, auch hier in Deutschland, sind Leute, die 24 Stunden türkischem Fernsehen ausgesetzt sind, das zu 90 Prozent aus Schrott besteht: RTL-Sat.1-Pro7 hoch 20. Die Nachrichten immer pro AKP, Dreistundenserien, bei denen zwei Stunden der Recap von der Folge davor ist: Das prägt. Die lachen über platte Witze und gehen glücklich raus. Das Niveau muss Gökbakar nicht übertreffen.

Und am Ende des Films wird „Türkiye“ gesungen.

Mich hat gewundert, dass Teil 5 so einen nationalistischen Unterton hat, das gab es vorher nicht.

Der Nationalismus zeigt sich vor allem in der Konkurrenz mit der die griechischen Mannschaft.

Vieles in unserer Welt ist durch die griechische Minderheit beeinflusst, auch das Essen. Oder die Tavernenkultur, die wir haben, die meyhane-Kultur, die wurde von den Griechen geprägt, weil Muslime im Osmanischen Reich keinen Alkohol ausschenken durften. Aus der geografischen Nähe resultieren historisch Austausch und Modifizierung – das ist es, was das kulturelle Miteinander schön macht. Recep İvedik reduziert solche Sachen auf den Dualismus: Griechen gegen Türken, Cacık gegen Tsatsiki. Was für ein Quatsch! Das stimmt einfach nicht, passt aber zur politischen Agenda der Türkei – mit allen Nachbarn im Streit. Alles wird auf einen Nationalismus reduziert, den es nicht gibt. Diese Leute sind geschichtsvergessen, haben keine Ahnung davon, wie es gewesen ist. Şahan Gökbakar inklusive.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/17.

Kommentare (6)

denkzone8 26.02.2017 | 10:28

nölen, herum-prollen, anpassungs-konflikte haben

muß nicht kristallisieren, muß sich nicht zu bewußtem

widerstand auswachsen.

aus dem kraft-kerl muß nicht das subversive,

sozial-treibende entstehen,

es kann auch das trieb-starke, knorrig-klotzige

an ihm gefeiert werden.

in diesem fall bleibt er als ikone des vitalismus

für gesellschaftliche entwicklungen: unterentwickelt.