Er war sauer auf dich

Tatort Ein Folge aus einem Ton: Nicolai Rohde hat mit "Freunde bis in den Tod" in Ludwigshafen einen Konzeptfilm gedreht. Ein Bedienungsanleitungshörbuch mit bewegten Bildern

Hefte raus, Klassenarbeit! Lena Ödenthal am Start, Freunde bis in den Tod heißt die Folge, was aber eigentlich auch egal ist, weil das kein Titel, sondern ein Richtungsschuss ist, wie es bei der Bundeswehr heißt. Es geht um Freunde und es geht um Tod. Wenn man Fernsehen schaut, damit man Geschichten erzählt bekommt, in Welten hineinschaut und Entdeckungen machen kann, dann ist der Ludwigshafener Tatort kein Fernsehen, sondern ein Bildschirmschoner: Es ist da irgendein Bild in der Glotze, aber diese Bild will nicht gesehen werden, das ist nur da.

Die Geschichte wird erzählt wie ein Diktat (Buch: Harald Göckeritz). Der regionalisierende Spurensicherer Becker (Peter Espeloer) rasselt an der Leiche alle Informationen runter (Tatzeit, -hergang, -waffe), die er, wie man von richtigen Spurensicherern weiß, so schnell und so genau gar nicht wissen kann, und selbst wenn Filme nicht wie richtige Spurensicherer handeln müssen, dann könnte doch irgendjemandem, der für diesen Tatort verantwortlich ist, auffallen, wie humorlos und abtörnend das ist. Es ist aber nicht die Ausnahme, sondern die Regel, nach acht Minuten haben wir noch mal auf die Uhr geschaut, um zu gucken, wie lang dieses Informationshinundhergeschiebe nun dauert in der Hoffnung, dass irgendwann doch noch mal der Film anfängt, die Erzählung einsetzt.

Nothing there: Es geht immer so weiter, die Folge nimmt den Fuß nicht vom Gas, sie spielt die ganze Zeit Begriffsstutzigendomino. Wenn das Mädchen Julia (Leonie Benesch) sagt, "heute ist seine Beerdigung", kommt ein Schnitt, und dann ist seine Beerdigung. Wenn ein Gewehr gesucht wird, kommt Kopper (Andreas Hoppe) mit einem Einbruch von vor einem Jahr in einem Forsthaus in Oggersheim, bei dem eine "2.43er Winchester" entwendet wurde, woraufhin die Kollegin sagt: "Das könnte doch das Repetiergewehr sein, mit dem Ron erschossen wurde". Dann fällt noch ein Name, Frank Ösner (Simon Schwarz), und zack, stehen die Kommissare in der Wohnung von Frank Ösner, der natürlich der Täter ist, aber weil sich der Tatort in seinem ersten Drittel befindet, kommt er erst später wieder auf Frank Ösner zurück.

Ab und zu ein Schild

Davor klingeln die Kommissare bei ihm, und die Ösnerin erklärt via Gegensprechanlage, wo sich Fränki aufhält und dass er "so nervös" sei, was Kopper und Ödenthal zwar dazu bringt, Ösner beim Trödelmarktstuffbesorgen hopszunehmen, aber immer noch nicht zu Ende zu verdächtigen, weil der Tatort immer noch nicht in seinen letzten zehn Minuten angekommen ist. Dabei kommen dann Sätze für die Ewigkeit der deutschen Fernsehgeschichte heraus: "Okay, ich schraub' ab und zu mal ein Schild ab."

Freunde bis in den Tod ist im Grunde unerträglich, ein Film, der völlig mit seiner scheinbaren Innenlogik beschäftigt ist und einem nie in die Augen schaut. Die Kommissare sitzen auf dem Revier, der Lutz-Kollege kommt, sagt einen neuen Happen Info, die Kommissare stehen auf, ziehen einen Schluss und sich die Jacken an. Die Ermittlungen unter Verdächtigen bestehen darin, anderen Leuten auf den Kopf zuzusagen, was man weiß: "Dein Nachbar hat gesagt, dass Ron sogar noch, nach dem er's dir gesagt hat, in eurem Garten stand."

Weil das alles auch noch furchtbar oder gar nicht inszeniert ist beziehungsweise wegen der knappen Budgets nie mehr Zeit ist als für das eine Probe-Take (Regie: Nicolai Rohde), sieht Freunde bis in den Tod aus wie ein Film, in dem sich Schauspieler gegenseitig Texte aufsagen, die sie auswendig gelernt haben. Komischerweise sind auch prominente Schauspieler für Gastrollen gecastet worden (Schwarz, Wolfram Koch, Nina Kronjäger, Anian Zollner), aber diese Rollen kommen gar nicht vor, sie haben nichts zu tun und naturgemäß kein Leben. Wolfram Koch könnte genauso gut der Vater von diesem übellaunigen Manu (Joel Basman) sein, so wie es völlig wurscht ist, ob Nina Kronjägers Ron-Mutter einen Buchladen betreibt, Hausfrau oder Investmentbankerin ist. Die Folge sagt immer nur Sachen und zeigt sie nie, der Film spielt nicht, er schiebt nur Wörter hin und her und ist am Ende froh, dass angeblich Sinn bei rauskommt.

Die Kinder sind muffiger

Tatsächlich ist die Geschichte nicht zu begreifen. Man kriegt zwar die ganze Zeit etwas erzählt, aber man versteht nichts. Hat jetzt der Ösner selbst eingebrochen? Warum hat er den Ron erschossen? Was hat diese Julia für den Ronno empfunden? Das Allerfaszinierendste an diesen Fragen aber ist: Man will sie gar nicht beantwortet kriegen, obwohl das Buch sich permanent bemüht, alles irgendwie zu erklären. Man interessiert sich für keinen Charakter und für keinen Handlungsmove, weil da nur Abstraktionen und Aufträge rumlaufen, aber kein Leben stattfindet.

Es gibt, bis auf zwei unlustige Witze zwischen Kopper und Ödenthal, keinen Dialog, der nicht von der Pflicht zur Zuschauerinformation motiviert ist. Freund bis in den Tod ist völlig konturlos: eine Farbe, ein Rhythmus, ein Grundton, nur die Kinder sind noch etwas muffiger, Privileg der Jugend, aber sonst redet da alles gleich, guckt Folkerts endbetroffen, wenn sie vom "rosa Kaschmirpulli" erfährt, dessen Spuren unter den Fingernägeln des Toten waren (und der in der nächsten Szene verhaftet wird). Es ist wie beim Kotzen: Da kommt auch alles in einem Schwall raus.

Wenn einem solch eine animierte Tapete hingehalten wird, dann ist es praktisch unmöglich, sich für irgendwelche Nebenaspekte zu interessieren. Freunde bis in den Tod ist ein Film, der gelangweilt und routiniert zur Arbeit geht, sich freut, wenn um 17 Uhr der Stift fallen gelassen werden kann, und glaubt, seine gesellschaftspolitischen Hausaufgaben gemacht zu haben: Jugend, Computer, Internet, Freak, hochbegabt, Amoklauf – das sind doch alles Stichwörter, von denen man schon mal in der Zeitung gelesen hat. Wären wir von der Gleichförmigkeit dieses Films nicht so runtergeödet, würden wir noch aufmucken, wie verantwortungslos solch ein lausiger Umgang mit Brisanz ist.

Es ist nichts passiert

Wenn man es gut meint mit dem Tatort Ludwigshafen, könnte man sagen, Nicolai Rohde habe einen Konzeptfilm gedreht. Ein Bedienungsleitungshörbuch mit bewegten Bildern, durch die die Zombies einer Idee von Krimi laufen, die der Film lange unter sich begraben hat.

Bleibt einem als Zuschauer nur, Merkste-Selber-Bingo zu spielen, also bei all jenen Dialogzeilen aufzumerken, die man dem Film unter die Nase reiben kann, weil sie sich prima über ihn sagen lassen: "Ich versteh wirklich nicht, was sie wollen/ Reden ja nur Scheiße, die in der Glotze / Ich glaub dir einfach nicht, was du uns erzählst / Er hat Lügen gefilmt/ Es ist nichts passiert."

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Etwas für den Grabstein: "Er war ein beschissen arroganter Freak"

21:45 06.10.2013
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