„Es braucht Zeit“

Interview Angela Haardt über Pro Quote Film und die Konjunkturen im Kampf um Gleichstellung

Ende Januar in Berlin: Aus der 2014 gegründeten Initiative Pro Quote Regie wird ein alle Gewerke umfassender Verband – Pro Quote Film will, dass Frauen künftig zu 50 Prozent am Filmemachen beteiligt sind. Die Stimmung war euphorisch, es ist etwas in Bewegung. Ende Mai hat etwa das Dokfilmfestival Leipzig entschieden, für zunächst zwei Jahre die Auswahl im Verhältnis der Einreichungen zu treffen: 40/60 – mit dem Ziel, „ein vollkommen ausgeglichenes“ Verhältnis zu erreichen.

Der Freitag: Frau Haardt, als wir uns bei der Pro Quote Film-Gründung begegneten, war Ihre Euphorie gedämpft. Sie gründeten 1979 den Verband der Filmarbeiterinnen mit. Der forderte damals schon Gleichstellung. Diese Geschichte schien vergessen.

Angela Haardt: Ich glaube nicht, dass Pro Quote Film die Geschichte vergisst. Erwähnt wird sie nicht. Das ist betrüblich für alle noch lebenden und sich immer noch einsetzenden Frauen, die damals dabei waren. Wenn heute gesagt wird, wir erfinden den Feminismus neu, versuchen die Benachteiligung der Frauen zu reduzieren, dann stimmt das nicht.

Kann es nicht sein, dass die Geschichte nicht vergessen, sondern einfach nicht gewusst wird? Das kennzeichnet Benachteiligung ja auch: dass die eigene Geschichte schwerer zu schreiben ist, dass es immer wieder Anfänge gibt, die dann wieder rekonstruiert, erforscht werden müssen.

Ich weiß nicht, ob Pro Quote von uns nicht wusste, da müsste man die Frauen vom Verband fragen. Aber sie wissen mit Sicherheit, dass vieles, was ihnen selbstverständlich ist, mit Frauen zu tun hat, die das früher erkämpft haben. Es geht also nicht um was Neues, sondern um weitere Schritte. Die Bezahlungsungleichheit ist in Deutschland zum Beispiel extrem. Wenn ich bei meinen polnischen Freunden das Thema aufgebracht habe, haben die das nicht verstanden. Da ist der Unterschied sechs Prozent. Das heißt, in vielen Bereichen ist gar kein Unterschied vorhanden. Bei uns sind es zwischen 22 und 26 Prozent.

Was sind Ihre Erfahrungen aus den Kämpfen um Gleichstellung der Geschlechter?

Wenn Gleichstellung für Männer von Vorteil ist, dann wird das mit Sicherheit durchgesetzt. Wenn es für die Frauen von Vorteil wäre, dann nicht. Ein Beispiel: Frauen machen wesentlich weniger Autounfälle, 80 Prozent werden durch Männer verursacht. Aber wir Frauen zahlen genauso viel bei der Versicherung. Anders als bei manchen Teilen der Krankenversicherung, wo ich als Frau mehr bezahle, ist das kein Kriterium.

Zur Person

Angela Haardt wurde in Dortmund geboren. Von 1978 bis 1981 sowie 1984 leitete sie Duisburger Filmwoche und von 1990 bis 1997 die Oberhausener Kurzfilmtage. 1979 gehörte sie zu den Mitgründerinnen des Verbands der Filmarbeiterinnen

Foto: Privat

Wie kam es zur Gründung des Verbands der Filmarbeiterinnen?

Das war 1979. Ich kriegte einen Anruf von Erika Gregor von den Freunden der Deutschen Kinemathek, und natürlich war ich einverstanden damit, einen solchen Verband zu gründen. Es ging darum, mehr Rechte für die Frauen zu erstreiten, dass Frauen im Regieberuf überhaupt anerkannt werden. Heute sind an den Hochschulen mehr als 50 Prozent Filmstudentinnen, das war damals nicht so. Da musste man Härte und Durchsetzungsvermögen haben, und das war nichts, was in der Erziehung von Mädchen seinerzeit gefördert wurde. Aus meiner Schulklasse wurden die meisten Frauen Lehrerinnen – weil das Studium für Lehrerinnen in Hessen damals umsonst war. Die Ausbildung der Frauen sollte nicht viel kosten, weil die später sowieso heirateten.

Was haben Sie damals gefordert?

50 Prozent Frauen in die Gremien. Pro Quote Regie hat ja mit 30 Prozent angefangen, da waren wir schon weiter. Und das war auch erfolgreich, auch wenn es Zeit brauchte. Ich war selbst lange die einzige Frau in solchen Runden, in der Filmbewertungsstelle etwa. Da wurde ich für Nordrhein-Westfalen reingewählt, allerdings ohne zu wissen, dass Christa Maerker vor mir raus ist aus Protest, weil sie die einzige Frau war. Es hat drei oder vier Jahre gedauert, bis die zweite Frau kam. Wenn man einmal drin war als Frau, saß man häufig in mehreren Gremien. Das ging mir auch so. Das Problem für viele Männer war, dass sie keine Frauen kannten. Ich hatte 1973 das Frauenfilmseminar in München gemacht und dafür von der Evangelischen Kirche Geld bekommen, daher kannte Walter Schobert, Leiter des Kommunalen Kinos in Frankfurt/Main mich, und der hat mich später nach Duisburg empfohlen. Im Kuratorium junger deutscher Film dauerte es bis Mitte der 80er Jahre, bis wir paritätisch besetzt waren. Was damals auch zu beobachten war bei den Filmbüros der Länder, die für die kulturelle Filmförderung zuständig waren, in NRW, in Hamburg: Anfangs waren da Frauen, und als es gut lief, übernahmen die Männer. Auf Helga Bähr in Hamburg folgte Kosslick.

Heute ist es so, dass in den Redaktionen der Sender, die für die Filmproduktion in Deutschland wichtig sind, viele Frauen sitzen. Die mächtigsten Förderer werden von Frauen geführt: die Filmstiftung NRW von Petra Müller, das Medienboard Berlin-Brandenburg von Kirsten Niehuus, Hamburg/Schleswig-Holstein von Maria Köpf. Das führt aber nicht dazu, dass Frauen nicht unterrepräsentiert wären. Warum?

Gute Frage. Es ist interessant, zu gucken, wie Frauen, die in solche Positionen kommen, dann entscheiden. Das ist ein spezifischer Menschenschlag, da schlägt das Leistungsprinzip durch.

Und das ist männlich definiert?

Frauen übernehmen ja auch gesellschaftliche Bilder. Das war für mich eine Schockerfahrung, zu bemerken, dass mein Gehabe auch männlich bestimmt war.

In einem Text haben Sie mal geschrieben, wie Sie zu der Zeit schon nach Sekunden am Telefon hören konnten, ob die Frau am anderen Ende eine Chefin war oder nicht. Um noch mal zur brüchigen Geschichte der Emanzipation zurückzukommen: Wann kam der Aufbruch der Verbandsgründung 1979 an sein Ende?

1989 gab es eine Podiumsdiskussion zum zehnjährigen Jubiläum. Und da saßen Filmemacherinnen auf dem Podium, die sagten: Für mich ist das mit den Frauen nicht so wichtig. Ich fühl mich Männern, die künstlerisch ähnlich arbeiten, näher als irgendeiner Frau.

Karola Gramann, Ihre Vorgängerin bei den Kurzfilmtagen Oberhausen, hat mal gesagt, dass es um 1989/90 einen Backlash gab.

Das Interesse der Deutschen verschob sich durch die Vereinigung auf Ost-West im eigenen Land. Da ist auch die Frauenfrage in den Hintergrund gerutscht. Seit 1983 war außerdem Kohl an der Macht, anfangs mit diesem Innenminister Zimmermann, was eine ziemliche Katastrophe war. Das gesellschaftliche Klima änderte sich, die Praxis war schwierig geworden in vielerlei Hinsicht. In den 90er Jahren herrschte eine Euphorie – dass man vom Ende der Geschichte gesprochen hat oder von einem Sieg der westlichen Demokratien. Das war ziemlicher Unsinn.

Wann kamen die Gleichstellungsbemühungen wieder zurück?

Mir ist 2004 bei einem Symposion zu Frauen in Filmberufen in Berlin aufgefallen, dass darüber wieder diskutiert wird. Da tauchten etwa die Golden Feminists auf, eine Gruppierung, die um 2002 an der DFFB entstanden war. Da war Katinka Feistl schon dabei, die vor ein paar Jahren Pro Quote Regie mitgegründet hat.

Zum Schluss ein Blick nach vorn: Glauben Sie, dass Pro Quote Film erfolgreich sein wird mit der 50-Prozent-Forderung?

Ich denke ja. Wenn die Fernsehsender sich jetzt dazu verpflichten, scheint das gesellschaftlich en vogue zu sein. Es wird aber immer noch einige Zeit dauern.

06:00 17.07.2018
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