Matthias Dell
04.04.2011 | 13:00 1

Es kommt nichts weg

Geschichtszeugwart Alles andere als ein Blockbuster-Naturpornograf: An Thomas Heises neuem Film „Sonnensystem“ lässt sich erzählen, wie der Filmemacher arbeitet

Wenn es nicht so blöd klänge, könnte man Thomas Heise einen ökologischen Filmemacher nennen, im ursprünglichen wie gebräuchlichen Sinn.

Ursprünglich meint Ökologie den Zusammenhang zwischen einer Umwelt und den in ihr lebenden Wesen. Auf ursprüngliche Ideen kommt man durch Heises neuen Film. Der heißt Sonnensystem und will nach allem, was man darüber wissen kann, so gar nicht zu Heises Werk passen. Die Filme des 1955 geborenen Dokumentarfilmers handeln von der Gegenwart der deutschen Geschichte – von jungen Neonazis (Stau, 1992) und deren Familie (Neustadt, 2000, Kinder. Wie die Zeit vergeht, 2007), von DDR-Institutionen (Das Haus, Volkspolizei, 1985), von Dörfern im Schatten von Wehrmacht und Roter Armee (Vaterland, 2003), von Heiner Müller (Der Ausländer, 1987/2004), von den Veränderungen, die sich um 1989 ereignet haben (Material, 2009), von der Stasi und der eigenen Familie (Mein Bruder, 2004), von den Schwierigkeiten einer Jugend in der sozialistischen Planstadt Eisenhüttenstadt (Eisenzeit, 1992), von manisch-flunkernden Doppelspionen (Barluschke, 1997).

Sonnensystem spielt im Norden von Argentinien. Auf dem Land, in den Bergen, in einer indigenen Gemeinde, die in ihrer Abgeschiedenheit von der marktwirtschaftlichen Zivilisation etwas Archaisches versprüht, das immer schon bedroht ist. Das wäre die gebrauchsökologische Perspektive. Heises Blick ist aber nicht der des Blockbuster-Naturpornografen, der sich an „atemberaubenden“ Aufnahmen von „bedrohten Paradiesen“ delektiert. Heises Blick ist ursprungsökologisch: Es geht um die Annäherung an eine Dorfgemeinschaft. „Weniges indigen gefärbtes Spanisch“, heißt es zur Sprache des Films, der – anders als die Blockbuster-Naturfilme, die alles, was Kultur ist, aus ihren Bildern heraushalten – den Standort des Filmemachers nicht verschweigt. Heise spricht kein Spanisch. Die Möglichkeit, den Film zu machen, hat sich kurzfristig ergeben (auf die Bedingungen, unter denen Heise arbeitet, wird zurückzukommen sein). Zugleich öffnet der Mangel aber der Geschichte einen Raum: Im Jahr des „Bicentenario“, der 200-jährigen Unabhängigkeit Lateinamerikas, entstanden, ist Sonnensystem die Arbeit eines europäischen Ankömmlings. „Kolumbus hat die Ureinwohner damals auch nicht verstanden“, sagt Heise.

Es geht um "production values"

Die Bescheidenheit der Mittel und die Entlegenheit des Sujets mögen in Widerspruch zu der Behauptung stehen, dass Thomas Heise zu den interessantesten und wichtigsten deutschen Dokumentarfilmemachern gehört. Dieser Widerspruch existiert freilich nur für jemanden, der glaubt, wichtig und bedeutend sei das, was außer Konkurrenz ins Wettbewerbsschaufenster der Berlinale gestellt wird wie Wim Wenders’ Großkunst-Gottesdienst Pina. Dieser Widerspruch sagt etwas über die Verhältnisse aus, unter denen hierzulande Filme produziert und bewertet werden. Es ist natürlich ein abwegiger – man könnte sagen: utopischer – Gedanke, dass ein Selfmadefilm wie Sonnensystem, der seine Premiere in der Berliner Volksbühne haben wird, groß auf der Berlinale gezeigt würde. Aber dass nicht einmal die Filmkunstnebenreihe des wichtigsten hiesigen Filmfestivals das Bewusstsein hat, die wenigen hiesigen großen Filmemacher zu pflegen, anstatt sie launenhaft wie Debütanten zu behandeln, stimmt nachdenklich.

Bei Pina, da wir einmal dabei sind, treffen sich zwei durchgesetzte Namen (Wenders, Bausch) mit den Mitteln einer durchzusetzenden Technik (3D). Es geht um ­production values, und dann ist es schon egal, ob es auch noch um Kunst geht. Auf der Ebene von production values sind Heises Filme schwer vermittelbar. Kinder. Wie die Zeit vergeht erzählt die Verhältnisse in der deindustrialisierten, ostdeutschen Schrumpflandschaft nach 1989 am Beispiel einer sich emanzipierenden Bus­fahrerin; Vaterland findet die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte im Spiegel eines Dorfs im toten Winkel von allem – solche Beschreibungen begeistern niemanden, der das Wort „Verkaufen“ im Munde führt.

Kein Blick von oben herab

Wozu denn über diese Leute einen Film heißt Thomas Heises erster Film von 1980. Er handelt von zwei kleinkriminellen Brüdern. Es geht, wie so oft bei Heise, um die Bedingungen von Erwachsenwerden und Gesellschaftsnormerfüllung, für deren Misslingen Kriminalität ein Indikator ist. Heises Blick auf „diese Leute“ ist keiner von oben herab und kein sozialtherapeutischer, sondern ein respektvoller. Was, da sich gegenüber „diesen Leuten“ selten Respekt gegönnt wird, ein Verstehenkönnen ohne Abwertung überhaupt erst möglich macht. „Wozu denn über diese Leute einen Film“, hat damals der Dozent an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg gesagt, die Heise bald darauf verlassen musste.

Die Pointe des Filmemachers, der Geschichte anders als das Fernsehen nicht als etwas Abgeschlossenes begreift, besteht nun darin, dass man sich heute zynische Produzenten, Redakteure und Zuschauer vorstellen kann, die genau diesen Satz sagen über die Dorfbewohner in Sonnensystem. Die Kontinuität in Heises Arbeitsbedingungen ist die Diskontinuität dieser Bedingungen in 30 Jahren und zwei Systemen. In dem Film Marmor, Stein und Eisen (1994) von Heises Kommilitonin Petra Tschörtner über die einstigen Mitstudenten, sagt Heise, er habe immer sein „Geschichtszeug“ gehabt, und wenn ein Projekt nicht zustande kam, „dann habe ich immer so jetzt-erst-recht gemacht“.

Nach dem Abgang von der Filmhochschule hat Heise sich auf Radioarbeiten verlegt, die, wo sie blinde Flecken der DDR-sozialistischen Realität berührten, erst im Zuge von 1989 öffentlich vorgeführt werden konnten. Für das Staatliche Filmarchiv hat er unter dem Vorwand der internen Nutzung die Arbeit von DDR-Institutionen auf seine Weise dokumentiert. In die Neunziger fallen Theaterarbeiten am Berliner Ensemble unter Heiner Müllers Intendanz. Heute ist Heise Professor am ZKM in Karlsruhe, Sonnensystem wurde möglich durch Geld vom Goethe-Instituts für einen künstlerischen Beitrag zum Bicentenario.

Interpretationsfrivole Gastgeber

Die Lehrtätigkeit hat auch dazu geführt, dass es mittlerweile so etwas wie Heise-Schüler gibt, die an einem Film wie Sonnensystem mitarbeiten. René Frölke etwa, dessen Kurzfilm Führung auf der Berlinale zu sehen war: Horst Köhler besucht das ZKM kurz nach der Lehman Brothers Pleite, wird von den interpretationsfrivolen Gastgebern Peter Weibel und Peter Sloterdijk begleitet – und Frölke filmt aus allen Lagen. Entstanden ist intellektueller Gossip als Gesellschaftsbild, das Einsichten in die Abläufe liefert, die hinter den Nachrichtenbildern passieren, und die Heise selbst etwa von der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz gefilmt hat: Darin begegnen sich Kunst und Macht noch in Gestalt von Heiner Müller und Günter Schabowski, haben sich aber genauso wenig zu sagen.

Eingeflossen sind diese Aufnahmen in Material, Heises fast dreistündiges Panoptikum über die Zeitenwende um 1989. Collage, Fragmente, das klingt immer so schwierig, tatsächlich ist Material bei aller Langsamkeit auch ein ungemein konkreter Film, den man jeder Schulklasse lieber in den Unterricht wünschen würde als Das Leben der Anderen oder Der rote Kakadu. Und hier können wir nun endlich gebrauchsökologisch über Heise reden: Es kommt nämlich nichts weg. Material ist ein Film aus Resten – von anderen Filmen, von laufend gemachten Aufnahmen. „Immer bleibt etwas übrig, ein Rest, der nicht aufgeht“, ist ein Credo Heises, das mehrere Filme begleitet. Weil Heise die Geschichte, wie es in Material heißt, nicht als Linie, sondern als Haufen denken will, kommen die Reste irgendwann zu ihrem Recht.

Eine Studie über Adoleszenz

Dieses Verfahren hat auch das Buch Spuren. Eine Archäologie der realen Existenz inspiriert, das Interviews aus oder zu Filmen genauso versammelt wie Gespräche mit Heise und Briefe an Behörden oder seinen Mentor, den DDR-Dokumentarfilmer Gerhard Scheumann. Die Triftigkeit eines solchen Umgangs mit Geschichte beweist sich noch in dem Kurzfilm Herr Berner und die Wolokolamsker Chaussee (2010) der Heise-Schülerin Serpil Turhan.

Die ist mit dem titelgebenden, abstrakten Heiner-Müller-Text in ein Karlsruher Seniorenheim gegangen, wo die schwergängige Lektüre eines alten Mannes die Worte Müllers plötzlich mit Leben und Konkretion füllt. Herr Berner stellt sich als SS-Mann heraus, dessen Selbstzufriedenheit nur von unterdrückten Zweifeln behelligt wird, die in der immer wieder aufgeworfenen rhetorischen Frage, ob man etwas hätte anders machen können, nicht zum Ausdruck kommen.

Thomas Heise ist nicht nur in seinen Material-Vorstellungen von Heiner Müller beeinflusst, man findet Verbindungen auch etwa in dem – mittlerweile unglücklich anachronistischen – Neger-Begriff aus Müllers Titus Andronicus-Bearbeitung, die Heise mit Jugendlichen inszeniert hat und aus deren Geschichten eine Studie über die Adoleszenz geworden ist unter dem Titel Im Glück (Neger) (1999-2005). „Was ist Zeit?“ steht da als Graffito jener Berliner Jahre zu lesen – und diese Frage führt direkt zu Sonnensystem, wo die Geschichte der Gegenwart vor allem im langsamen Wechsel von Winter und Sommer erzählt wird. Die Dauer der Zeit, in der irgendwann Geschichtshaufen herumliegen, kann man in Sonnensystem auf eine tiefe Weise erfahren. Man erwacht aus dem Film an einem Ende, wenn die Dorfalten in einer für Heise typischen, akustisch anschwellenden Montage in die Stadt fahren, wo der enge Rhythmus von Verkehr, Schrift und Häusern herrscht. Idealerweise, sagt Thomas Heise, ist Sonnensystem der Auftakt einer Trilogie. Für einen zweiten Film, der aus der Beobachtung in die verbale Begegnung wechselt, und einen dritten, der den Blick der Indigenen zurückwirft auf das Leben der Ankömmlinge. Was daraus wird, bleibt offen. Sicher ist: Es kommt nichts weg.

So vielschichtig das Werk Thomas Heises ist, so verstreut sind die Veröffentlichungen: Sonnensystem hat am 31. März in der Berliner Volksbühne Premiere und wird dann auf dem Filmfestival in Nyon gezeigt, bevor der Film auf DVD herauskommt (edition-filmmuseum.com). Bald soll Material erscheinen, die DVD umfasst auch die frühen DDR-Arbeiten Wozu denn über diese Leute einen Film, Das Haus und Volkspolizei. In der Edition Revolver der Filmgalerie 451 ist Vaterland zusammen mit Der Ausländer, Im Glück (Neger) sowie 7 Töne (filmgalerie451.de, 17,90 ) erhältlich. Kinder. Wie die Zeit vergeht erschien bei Good Movies (gmfilms.de, 12,99 ), das Buch Spuren. Eine Archäologie der realen Existenz im Verlag Vorwerk 8 (24 )

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