„Es muss jetzt mal losgehen“

Im Gespräch Niemand beobachtet die deutsche Filmförderung so hartnäckig wie Ellen Wietstock. Die Regisseurinnenquote ist eines ihrer großen Themen
Matthias Dell | Ausgabe 42/2014 3

In dieser Woche hat sich in Berlin die Initiative „Pro Quote Regie“ vorgestellt (proquote-regie.de), mit der Filmemacherinnen eine gerechtere Verteilung von Fördergeldern fordern. Während 42 Prozent der Absolventen von Regieklassen an den Filmhochschulen weiblich sind, werden weniger als 15 Prozent der deutschen Kino- und Fernsehfilme von Frauen verantwortet. Wir haben darüber mit Ellen Wietstock gesprochen, die in ihrem filmpolitischen Informationsheft black box Zahlen von jeher genau betrachtet.

Der Freitag: Was halten Sie von dem Vorstoß, Frau Wietstock?

Ellen Wietstock: Es gab 1979 schon mal eine Initiative vom Verband der Filmarbeiterinnen. Da wurde eine paritätische Besetzung aller Gremien gefordert: 50 Prozent aller Sitze für Frauen und 50 Prozent aller Fördermittel. Das ist mehr als das, was die ProQuote-Leute fordern. Jetzt gibt es das Stufenmodell, bei dem sich der Anteil allmählich steigern soll. Das ist vermutlich besser zum Überprüfen.

Der Hinweis auf 1979 macht die Marginalisierung deutlicher als jede Zahl: Bedeutung tradiert sich als Geschichte. Wer keine Geschichte hat, muss immer wieder bei null anfangen.

Das ist auch anderswo zu beobachten. In der Vergabekommission der nationalen Filmförderung FFA ist von zwölf Mitgliedern aktuell eines weiblich. Dieses Verhältnis hatten wir 1982 schon, da war die einzige Frau Gesine Strempel, wem der Name noch was sagt. Ich hab mich kürzlich mit einer Filmfrau unterhalten, die Jutta Brückner nicht kannte. Da geht es schon los.

Die Quote in einem Bereich, der als künstlerisch gilt – geht es da nicht um Qualität?

Es geht natürlich nicht um Qualität. Sonst würden wir bessere Filme sehen. So einfach ist das.

Ein Spaßvogel könnte sagen: Die meisten deutschen Filme sehen sich so ähnlich, dass man würfeln könnte, welchen eine Frau und welchen ein Mann macht. Woher kommt denn der geringe Anteil an Regisseurinnen?

Es geht bei der Filmförderung darum, wem etwas zugetraut wird. Heißt: Welche Regisseurin findet für ihr Projekt eine potente Produktionsfirma? Ich glaube, dass Frauen da nicht so leicht rankommen. Ausnahmen sind Doris Dörrie und Hermine Huntgeburth, die zeitweise mit Constantin gearbeitet haben.

Also sollten Frauen zusehen, dass sie eine große Produktionsfirma aufbauen. Dabei sitzen Frauen an potenten Stellen der Förderlandschaft. Kirsten Niehuus, die Chefin des Medienboard Berlin-Brandenburg, einer Länderförderung, konnte im Deutschlandradio Kultur erste Erfolge bei der Planerfüllung vermelden: einen Frauenanteil von 30 Prozent.

Das kommt vielleicht hin, wenn man die Anzahl der geförderten Projekte zählt, nicht aber bei den Fördersummen. Ich habe das in meiner Datenbank nachgesehen, da sind viele Frauen dabei, die im Artcore-Bereich Geld gekriegt haben: 10.000, 50.000 Euro. Das große Geld geht an den Mainstream.

Aber bemerkenswert ist doch, dass in drei Länderförderungen – neben Berlin in NRW und Hamburg – Frauen an der Spitze stehen. In den Fernsehredaktionen ist der Anteil ebenfalls hoch. Ich war im Januar beim Max-Ophüls-Preis auf einem öffentlichen Pitch: ein Redakteur, sieben Redakteurinnen. Wieso übersetzt sich das nicht?

Die Förderer scouten nicht, sie gehen nicht offensiv auf die Talente zu. Niehuus hat recht, wenn sie sagt: Wir können nur reagieren, wir fördern nur nach Antragslage. Es ist sicher richtig, dass weniger Frauen Filmförderung beantragen. Was die Fernsehredakteurinnen angeht, kenne ich nur Gerüchte.

Ellen Wietstock studiert die Filmförderindustrie schon lange. Seit 1984 gibt sie im Eigenverlag black box heraus (blackbox-filminfo.de). Das Heft sieht schlicht aus, hat es aber in sich: Die Initiatorinnen von ProQuote fanden darin Zahlen für ihr Unbehagen

Im „Missy“-Magazin wurde im Mai gesagt, dass die Kinder kommen, wenn der zweite oder dritte Film anstünde. Dabei sind Karrieren, die sich über konsistente Filmografien erstrecken, im deutschen Film eh selten.

Ich erhoffe mir von der Initiative, dass man einmal grundsätzlich über das Fördersystem nachdenkt. Was wird da gefördert? Welche Filme wollen wir überhaupt? Der Produzent Martin Hagemann sagt: So geht das nicht weiter. Wir produzieren viel zu viele Filme, die sich nie amortisieren. Und trotz der immens hohen Fördermittel spielen wir im Weltkino keine Rolle. Und wenn, gibt’s einen schlechten Film von Fatih Akin in Venedig. Also muss man sich fragen: Wie funktioniert das System eigentlich? Ökonomisch ist es wie überall: Die Verluste werden sozialisiert, die Gewinne privatisiert. Es fließt kaum Geld zurück.

Aber es gibt doch dauernd Bilder in Branchenmagazinen, bei denen großzügig Schecks an Förderer zurückgegeben werden.

Ich habe mir einmal von einer Politikerin eine Liste über die Rückflüsse bei der FFA machen lassen. Das habe ich vor ein paar Jahren veröffentlicht, es ist lächerlich wenig. Das Fördergeld wird in der Vertikalstruktur zwischen Produktion und Verleih verrechnet. Da kann doch etwas nicht stimmen. Darüber muss man nachdenken.

Mit welchem Ziel?

Hagemann schlägt vor: Große kommerzielle Filme werden nur mit echten Darlehen gefördert. Und im Erfolgsfall wird alles zurückgeführt. Arthouse-Filme müssen sich anders beweisen, durch Festivals, Preise, solche Kriterien. Aktuell wird alles vermuschelt.

Und wie ermöglicht man bessere Filmkunst?

Ein Modell könnte sein, dass eine Person für drei, vier Jahre als Scout arbeitet. Das gab es mal in England. Diese Person muss sich auskennen und dann entscheiden, wer von den Leuten, die sie für begabt hält, einreicht. Damit ginge eine Verantwortung einher, man müsste begründen, warum etwas gefördert werden soll. Heute findet ja keine Debatte über die Ergebnisse statt. Da fragt man sich bei dem neuen Film von Fatih Akin, wie so etwas passieren kann: Es wird mit 6,8 Millionen Euro ein Riesenprojekt gefördert, aber wenn man den Film sieht, hat man den Eindruck, der hat das Regieführen verlernt. Man würde auch den Filmemachern einen Gefallen tun, da etwas zu öffnen in der Diskussion.

Jetzt sind wir scheinbar weit weg von der ProQuote-Initiative.

Das gehört schon dazu. Keiner von den Leuten, die jetzt an der Macht sind im deutschen Fördersystem, will über Schieflagen nachdenken. Deshalb ist der Vorschlag gut.

Glauben Sie an einen Erfolg?

Es ist wichtig dranzubleiben. Es muss jetzt mal losgehen. Ich will nicht in zehn Jahren noch einmal so eine Initiative erleben.

Das Gespräch führte Matthias Dell

06:00 20.10.2014
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