Es wird nicht lange dauern

Tatort Alle Fernsehfilmpreise auf der Stelle nach Konstanz schicken: Die Folge "Todesspiel" hat es in sich, zieht alle Register, ist eine, die man so schnell nicht vergisst

Die Konstanzer Folge Todesspiel (SWR-Redaktion: Ulrich Herrmann, Manfred Hattendorf) legt bereits mit dem Titel alle ihre Ambitionen auf den Tisch: Todesspiel ist ja kein Name, den man eben mal dahinsagt, weil einem nichts Besseres einfällt, nein, nein, nein, Todesspiel ist eine totalbewusste Entscheidung, gerade weil die Paarung der beiden Abstrakta klingen könnte wie eben mal dahingesagt, weil einem nichts Besseres eingefallen ist.

Außerdem nimmt ein solcher Titel es durchaus mit der deutschen Fernsehgeschichte auf, mit Heinrich Breloers RAF-Deutscher-Herbst-Dokudrama. Es spricht für die breite Brust, das heiße Herz, den abgeputzten Mund dieser nicht anders als superklassisch zu nennenden Maran-Film-Produktion (verantwortlich: Uwe Franke), einfach mal davon auszugehen, dass die Google-Suche sich künftig zu den eigenen Gunsten optimiert durch den Fame, der diesem Film von nun an vorauseilen wird wie der schlechte Mundgeruch dem nüchtern kettenrauchenden Kaffeetrinker – dass bei der Eingabe Todesspiel im Suchschlitz zuerst der Tatort gefunden wird und dann erst Breloer.

Wohlan, unsern Segen hat die Folge, ein Feuerwerk der deutschen Fernsehfilmkunst, bei dem ein Kracher nach dem andern abgefackelt wird. Wenn jeder Spitzeneinfall dieser Folge (Regie: Jürgen Bretzinger, Buch: Birgit Grosz und Jürgen Pomorin aka Leo P. Ard) als Pfeil beim Dartwerfen in der Eckkneipe zum Einsatz käme – er träfe doch immer nur ins Schwärzeste. Schon der Auftakt macht ganz kribbelig (Verschämte Frage: Sind wir hier im falschen Film?): Prickelnd-knisternde Erotik zu verführerischer Musik, die aber umgehend sanft und entschieden aufs Kreuz der Gesellschafts-, ja, man muss es so sagen: Kapitalismuskritik gelegt wird.

Russisch Roulette ohne Kugeln

Denn der Schnösel, der alles haben kann (Frau Blum, gespielt von Eva Mattes, zurecht erbost: "32 Jahre alt und noch nie gearbeitet, was machen solche Leute den ganzen Tag?"), erweist sich als unsympathischer Liebhaber (Michael Pink), der mit zynischen Spielchen (Russisch Roulette ohne Kugeln) sich und seinen abhängig befreundeten Buddies den Tag vertreibt. Ein ganz dicker Pluspunkt auch für die Sonntagabendkrimi-Koordination, die nun schon drei Folgen lang Domino an die Zuschauererinnerungen anlegt: vom Torture Porn zum Torture Porn zu den Handschellenspielchen hier.

Das Schwierige bei diesem allerhöchsten Lob, das auf Todesspiel formuliert werden muss, ist die Frage: Wo anfangen? Ist es die ungemein clevere Idee des Buchs, bei der Suche nach dem Mörder des Unterdrücker-Schnösels durch den beträchtlichen Freundeskreis gleich mehrere (falsche) Fährten auszulegen? Oder geht's schon bei diesem Freundeskreis los, der doch nebenher ein äußerst beredtes, ja, fast dokumentarisch anmutendes Panorama des (leider!) verzogenen Wohlstands unserer Zeit entwirft: die "geparkte" Boutique-Besitzerin Nadine (Alexandra Fiedler), die kosmopolitische Architektin Alisa (Anna Bederke) in ihrer geschmackvoll inszenierten Wohnung, der Hedgefonds-Manager Marcus (Torsten Liebrecht) und last, but definitly not least Castingshow-Teilnehmer-Sänger-Star Daniel (Daniel Roesner), der von, welch' subtile Form der Medienkritik, von der hoffnungslos verknallten Beckchen (Justine Hauer) und zwei, drei autogrammwünschenden Beamten auf dem Flur bewundert wird (So leicht geben wir uns "falschen" Helden hin, statt die stillen Stars des Alltags zu schätzen!).

Die Schattenseiten des Castingshow-Ruhms werden allerdings nicht verschwiegen, ja, von Daniel selbst angesprochen im vertrauten Gespräch mit Perlmann (Sebastian Bezzel). Zu den Verdächtigen kommt dann noch der Geschädigtenvater Nobbe (Thomas Balou Martin) hinzu, der gleich zu Beginn mit seiner Entscheidung, zum Tatort zu fahren, obwohl der gar nicht im Einsatzgebiet liegt, feinsinnig Irritation beim Zuschauer bewirkt.

Undercovereinsatz vom Feinsten

Es ist nicht leicht zu sagen, wer sich die Verantwortung für die großen Erfolge gutschreiben kann, Filmdreh ist bekanntlich Teamarbeit. Besticht Todesspiel in unnachahmlicher Manier, weil Bretzinger sein Schauspieler so lebendig inszeniert? Auf unkonventionelle, noch nie gesehene Bilder verfällt, wie das plötzliche Auftauchen Frau Blums im Spiegel Frau Sanders'? Oder muss man das Autorengespann preisen, das nicht Dienst nach Vorschrift macht, sondern sich lauter funkelnde Kleinigkeiten einfallen lässt.

Wenn Perlmann etwa in die Boutique von der geparkten Nadine muss, dann verbindet er das mit einem humorvoll-witzigen Spruch: "Ich brauch eh mal ein neues Sakko." Um in der Boutique eine treffende Persiflage auf den typischen Verkaufsjargon von Sakkoverkäuferinnen zu liefern ("Dieses matte Petrol korrespondiert ganz wunderbar mit ihrer Augenfarbe"), den dann – so komplex ist die Erzählung dieser Folge – bei Gelegenheit die Verkäuferin Nadine tatsächlich mit einem Augenzwinkern anbringt. Treffer, versenkt. So geht Subversion heute.

Überhaupt Perlmann: Aus einem verspäteten Eintreffen wegen Urlaubs (virtuos: das Geschenkeannehmen von Beckchen/Frau Blum) wird hier ganz nebenbei ein Undercovereinsatz kreiert, der es in sich hat. Die 1120-Euro-Ausgaben, die Perlmann quasi als Eintritt in seine neue, dekadente Gesellschaft zahlen muss, erzeugen – und spätestens da ist die Wagner powered Vokabel vom Leitmotiv nicht mehr zu unterdrücken – eine Binnenspannung, die es ebenfalls in sich hat.

Alles, wirklich alles

Zum Glück bleibt der sympathische Kommissar am Ende nicht auf seinen, offensichtlich unter Zwang gezahlten Ausgaben (sonst wäre er doch gleich aufgeflogen) sitzen. Das einzig Traurige an der Geldzurückgebeszene, die Frau Blum und Beckchen mit großer Genugtuung zelebrieren, ist eigentlich nur, dass dieser Tatort der Spitzenklasse da schon vorbei ist.

Wenn die ARD die beliebte Reihe von heute auf morgen einstellen würde, uns müsste nicht bange sein, könnten wir doch beruhigt sagen: Dank Todesspiel haben wir alles gesehen, wirklich alles. Also wirklich alles.

Ein Satz, den man im wahren Leben auch gern einmal sagen würde: "Der Idiot hat gesungen, die Polizei will mit mir reden"

Etwas für den Grabstein: "Er wollt beweisen, dass er cooler und mutiger ist als wir alle zusammen"

Herausragende Distinktionsgewinnspiele der Gegenwart: "Hast du nicht gesagt, du gehst nicht ins Riff, weil die Leute hier so ätzend sind?"

21:45 19.01.2014
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