Etwas wird sichtbar

Volksbühne Hat man lang nicht gesehen: Menschen, die vom Grundsätzlichen träumen, besetzen ein Haus
Etwas wird sichtbar
Ob Chris Dercon das meinte, als er Partizipation propagiert hat?

Foto: Christian Thiel/Imago

Warum nicht mal die Machtfrage stellen? Wem die Stadt gehört, ist mittlerweile ein geläufiger Slogan, der immer mal wieder auf irgendwelchen Podien diskutiert wird. Ist der Veranstalter solcher Gespräche institutionalisiert, gibt’s für die eingeladenen Experten sogar Honorar und hinterher Wein und Laugengebäck. Damit können auch Journalistinnen umgehen, weil sie manchmal drüber berichten oder selbst auf dem Podium sitzen.

Was dagegen seit dem 22. September an der Berliner Volksbühne geschieht, ist schwerer zu fassen: Ein Netzwerk von Leuten – Künstler, Kulturarbeiter, Studentinnen, die sich auf Facebook als Gruppe „Staub zu Glitzer“ organisiert haben – hat die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besetzt. Einfach so. Mit dem Ziel, unter einer Kollektivintendanz (tägliches Plenum) die nächsten zwei Jahre das Haus zu bespielen. Am Montag ging das Programm etwa los mit: „13-17 Kinderschminken, 17-18 HADES, TLMEA – zwei experimentelle Kurzfilme des Künstlers Kevin Kopacka, um 24 Uhr endete es mit „Hexenhochzeit“ und anschließender Party.

Geht’s jetzt wirklich darum, Theaterhäuser zu besetzen? Ist das 1968, 1980 oder 1989 nicht viel besser und richtiger gemacht worden? Und darf man das überhaupt – dem zwar von vielen kritisierten, aber doch offiziellen Intendanten Chris Dercon (die Besetzerinnen bieten ihm einen Platz im Kollektiv an) das Haus wegbehaupten?

„Er (Dercon) liefert nur den Vorwand und die Gelegenheit, sich die Kontrolle über eine attraktive Immobilie anzueignen“, schreibt am putzigsten der Theaterimmobilienmakler Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung. An der 1A-City-Lage seiner Sprache wird erkennbar, wie wenig Fantasie in den Bereichen der Gesellschaft herrscht, in denen die Welt geordnet, die Eigentumswohnung abbezahlt und das Erbe in geschmackvollen Restaurants verfuttert wird. Die anderen, jemanden von den zwölf Millionen Deutschen unterhalb der Armutsgrenze, die kennt man nicht; auch deshalb sind sie einem suspekt.

Und deshalb macht die Volksbühnen-Besetzung etwas sichtbar: Wenn man die Machtfrage stellt, dann ist es nur konsequent, grundsätzlich zu werden (und nicht etwa drei Extra-Förderungen aus dem Hauptstadtkulturfonds zu erpressen). Dann redet man von allem. Was dabei herauskommt, hängt nicht davon ab, ob einem Leute, die den Gendergap sprechen, eh nie sympathisch waren oder man Basisdemokratie für überholt hält: Es geht allein um die Frage, ob es „VB61-12“ (so heißt die Aktion nach der aktuell kleinsten Atombombe) gelingt, den sich genommenen Raum mit Sinn zu füllen. Mit Menschen. Mit Gesellschaft.

Seit 26. September liegt ein Verhandlungsangebot vor, dass Kultursenator und Dercon-Intendanz gemacht haben – die Besetzer könnten den Grünen Salon und den Pavillon auf der Westseite des Hauses bespielen.

Möglich, also denkbar ist die Aktion erst geworden durch das Sinnvakuum, das Dercons Berufung zum Intendanten der Volksbühne aufgetan hat. Begleitet wird die Besetzung von Ironien – dass der Verhandlungspartner in der Politik der Linken-Kultursenator Klaus Lederer ist, der sich noch erinnern kann, wie seine Partei 1994 Asyl in dem Haus fand. Oder dass Dercon auf dem Tempelhofer Feld, wo seine Arbeit mit Boris Charmatz’ Massentanz begann, Partizipation propagiert. Und dann durch die Stadt hin zum Rosa-Luxemburg-Platz ziehen wollte. Nun ist die Stadt schon vor ihm da. Schauen wir, was bleibt.

12:24 27.09.2017
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