Europa ohne Grenzen

Tatort Der Bodensee-Tatort "Schmuggler" ist für die Bodensee-Verhältnisse recht spannend – und lässt die Lebensleistung Christian Wulffs schon jetzt deutlich hervortreten

Das also meinen die Leute, wenn sie von der Beschädigung des Amtes sprechen, nachdem sie "Christian Wulff" und "Bundespräsident" gesagt haben. Dass dieses Amt, das man doch eigentlich wie das gute Meißner nur zu sehr besonderen Anlässen rausholen wollte, mit einem Mal als Happy-Meal-Gimmick jeder Zwischenmahlzeit beiliegen kann – dass also der Bundespräsident als Referenz nicht nur in den glattgebügelten, rausgeputzten Leitartikeln auf den ersten Seiten auftaucht, wenn es um die großen Fragen eines richtigen Staatsbürgertums geht, sondern dass der Bundespräsident zu einer Referenz geworden ist, auf die nun mal eben so Texte wie der hier anspielen können. Der Bundespräsident als Witzfigur, das hat das Grundgesetz sich irgendwie anders vorgestellt

Warum nun Christian Wulff? Wenn wir nur ein wenig mehr Ehrgeiz aufbringen könnten, an dieses mediale Großsprechergedöns glauben zu wollen, das viele für Journalismus halten ("Was Europa jetzt tun muss"), dann müssten wir hier tremolösest deklamieren: Wulff-Affäre schon im Fernsehen! Der erste Tatort der Post-Wulff-Ära! Ein Tatort, der das Ansehen des Amtes des Bundespräsidenten in der Welt verändern wird! Was Sie über Perlmann jetzt wissen müssen!

Denn die Folge Schmuggler lässt die Lebensleistung des aktuellen Bundespräsidenten, die Nobilitierung der Schnäppchenjagd zu Staatsaffair und Realitätsmodell, gut erkennen. Man schaut die Folge, als wäre man Bettina "150 Euro" Schausten, und will bei jedem Fehlbetrag sofort eine Anfrage ans Bundespräsidialamt (cc: Gernot Lehr) losschicken. Die Vorteilsannahme im Amt betrifft im Tatort nicht nur das Zollfahndermilieu, das im Zentrum der Aufmerksamkeit steht – sie wird als Lebenspraxis aller erzählt ("Man ist auch Mensch"). Und dabei ist die Episode vom optimierungswütigen Schnösel-Politiker mit dem sprechenden Namen Müller-Allen (verdienstvoll, wie Perlmann die Spar-Propaganda dekodiert), der ebenfalls in der Schweiz versteuert, fast die lässlichste.

Perlmann als Gastrokritiker

Hübscher ist die etwas didaktische Szene, in der Perlmann (Sebastian Bezzel) nach den Ermittlungen in einem, man muss wohl sagen, Gourmettempel zum Neueste-Kreationen-Probieren (Rehterrine) eingeladen wird – aufs Haus, "selbstverständlich". Die Vordergründigkeit dieser Begebenheit gewinnt dadurch, dass sie nicht aufgelöst wird. Und zeigt, wie einfach der Schritt vom Wege fällt. Dem immer etwas ungeliebten Perlmann, der bislang nicht als Gastrokritiker hervorgetreten war, einmal ein bisschen Honig ums Maul schmieren, damit er der vorgesetzten Mutter-Frau Blum (Eva Mattes) seine Selbständigkeit beweisen kann ("Man legt dort Wert auf mein Urteil"), und schon ist's passiert.

Die grassierende Korruption beschreibt der Tatort (Drehbuch: Leo P. Ard, Birgit Grosz) als Ventil für den Druck, den die real existierenden Verhältnisse auf ihre Angestellten ausüben. Bemerkenswerterweise lässt sich dieser Druck nicht bis zur Quelle zurückverfolgen – selbst die Bösewichte, der waschzwanghafte Bankier Roettli (Urs Jucker) und der mafiese Fahrdienstleister Polzner (Thomas Bestvater), entpuppen sich nicht als große Strippenzieher, sondern sind selbst nur Getriebene in einem Spiel, dessen Regeln jemand anders diktiert. Wolfgang Neuerer, der verantwortliche Dienstleiter von Zollfahndung und -schmuggel (der große Falk Rockstroh), kann seiner Zermürbung durch Korruption und pressure schließlich nur durch Freitod Ausdruck verleihen.

Dass Pech-Marie Schreiber (Julia Koschitz), die von Frau Blums Mitgefühl umgehend adoptiert wird, ihr Credo ("Wer sich einmal erpressen lässt, bleibt sein Leben lang erpressbar") leider eher als angelerntes denn verinnerlichtes Wissen enttarnen muss, funkt zwar ein wenig in unsere Sympathieverteilung, ist aber in der skizzierten Welt durchaus konsequent. Zur Verteidigung der Pech-Marie könnte man die seit drei Wochen beliebte Tatort-Polizei ausrücken lassen – dass sich, wenn das Wasser so bis zum Hals steht wie bei der Pech-Marie, erpresstes Geld als einzige Lösung anbietet und eben nicht der nochmalige, wenn auch unangenehme Gang zur Mutter, die ihre Enkeltochter immerfort verwöhnen will, das erscheint als Motiv nicht so überzeugend.

Erbsenzählen vs. Attraktivität

Sonst erlebt besagte Tatort-Polizei in uns einen ruhigen Abend – sieht man vom drolligen Fluchtversuch von Koks-Kramer ab, der auf Kufen den Beamten zu entkommen versucht, was bei den herrschenden Temperaturen den Bewegungsspielraum doch arg einschränkt. Schmuggler ist recht spannend entworfen, wozu gehört, dass der Zuschauer bald abgelenkt wird von der Verdächtigenverdächtigung, weil er mit diesem Schmuggelgeschäft genug zu tun hat.

Eine herrliche Figur ist die aus Stuttgart ausgeliehene Tanja Kraft (die Scarlett Johansson ausm Hochtaunus: Alwara Höfels) - zumindest bis vor der verfrühten Verbrüderung mit Perlmann. Was wäre das für eine verführerische Vorstellung, in ein Tatort-Kommissariat tatsächlich einmal eine erbsenzählende, gutaussehende, leicht stullige Sesselpuperin reinzusetzen, die ihre Fantasie auf die Gesetzmäßigkeiten des Apparats herunterfährt ("Sie will nichts falsch machen"), anstatt irgendeine überkommene Idee von Individualität und Rebellentum zu performen, mit der sich das Fernsehen beim Zuschauer anwanzen will. Außerdem kann man an Tanja Kraft sehen, dass Erbsenzählen und Attraktivität nicht zusammenpassen – das Scheitern von Perlmann, der lässig anklampfern will und bald die Lust verliert (bis zu dieser blöden Versöhnung), ist eine schöne Geschichte.

Ein Satz, der einem Leipziger "Tatort" nicht so leicht von der Zunge ginge: "Unser altes System war perfekt, und das wollen wir wieder haben."

Eine Art der Techniknutzung, die sich noch nicht durchgesetzt hat: "Kann ich mal dein Handy haben, will nur ne SMS schreiben."

Eine traurige Realität, die man der Optimierungseffizienz übel nehmen muss: "Unsere Vorgesetzten sehen's nicht gerne, wenn was zwischen Kollegen läuft."

21:45 29.01.2012

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