Matthias Dell
29.01.2012 | 21:45 60

Europa ohne Grenzen

Tatort Der Bodensee-Tatort "Schmuggler" ist für die Bodensee-Verhältnisse recht spannend – und lässt die Lebensleistung Christian Wulffs schon jetzt deutlich hervortreten

Das also meinen die Leute, wenn sie von der Beschädigung des Amtes sprechen, nachdem sie "Christian Wulff" und "Bundespräsident" gesagt haben. Dass dieses Amt, das man doch eigentlich wie das gute Meißner nur zu sehr besonderen Anlässen rausholen wollte, mit einem Mal als Happy-Meal-Gimmick jeder Zwischenmahlzeit beiliegen kann – dass also der Bundespräsident als Referenz nicht nur in den glattgebügelten, rausgeputzten Leitartikeln auf den ersten Seiten auftaucht, wenn es um die großen Fragen eines richtigen Staatsbürgertums geht, sondern dass der Bundespräsident zu einer Referenz geworden ist, auf die nun mal eben so Texte wie der hier anspielen können. Der Bundespräsident als Witzfigur, das hat das Grundgesetz sich irgendwie anders vorgestellt

Warum nun Christian Wulff? Wenn wir nur ein wenig mehr Ehrgeiz aufbringen könnten, an dieses mediale Großsprechergedöns glauben zu wollen, das viele für Journalismus halten ("Was Europa jetzt tun muss"), dann müssten wir hier tremolösest deklamieren: Wulff-Affäre schon im Fernsehen! Der erste Tatort der Post-Wulff-Ära! Ein Tatort, der das Ansehen des Amtes des Bundespräsidenten in der Welt verändern wird! Was Sie über Perlmann jetzt wissen müssen!

Denn die Folge Schmuggler lässt die Lebensleistung des aktuellen Bundespräsidenten, die Nobilitierung der Schnäppchenjagd zu Staatsaffair und Realitätsmodell, gut erkennen. Man schaut die Folge, als wäre man Bettina "150 Euro" Schausten, und will bei jedem Fehlbetrag sofort eine Anfrage ans Bundespräsidialamt (cc: Gernot Lehr) losschicken. Die Vorteilsannahme im Amt betrifft im Tatort nicht nur das Zollfahndermilieu, das im Zentrum der Aufmerksamkeit steht – sie wird als Lebenspraxis aller erzählt ("Man ist auch Mensch"). Und dabei ist die Episode vom optimierungswütigen Schnösel-Politiker mit dem sprechenden Namen Müller-Allen (verdienstvoll, wie Perlmann die Spar-Propaganda dekodiert), der ebenfalls in der Schweiz versteuert, fast die lässlichste.

Perlmann als Gastrokritiker

Hübscher ist die etwas didaktische Szene, in der Perlmann (Sebastian Bezzel) nach den Ermittlungen in einem, man muss wohl sagen, Gourmettempel zum Neueste-Kreationen-Probieren (Rehterrine) eingeladen wird – aufs Haus, "selbstverständlich". Die Vordergründigkeit dieser Begebenheit gewinnt dadurch, dass sie nicht aufgelöst wird. Und zeigt, wie einfach der Schritt vom Wege fällt. Dem immer etwas ungeliebten Perlmann, der bislang nicht als Gastrokritiker hervorgetreten war, einmal ein bisschen Honig ums Maul schmieren, damit er der vorgesetzten Mutter-Frau Blum (Eva Mattes) seine Selbständigkeit beweisen kann ("Man legt dort Wert auf mein Urteil"), und schon ist's passiert.

Die grassierende Korruption beschreibt der Tatort (Drehbuch: Leo P. Ard, Birgit Grosz) als Ventil für den Druck, den die real existierenden Verhältnisse auf ihre Angestellten ausüben. Bemerkenswerterweise lässt sich dieser Druck nicht bis zur Quelle zurückverfolgen – selbst die Bösewichte, der waschzwanghafte Bankier Roettli (Urs Jucker) und der mafiese Fahrdienstleister Polzner (Thomas Bestvater), entpuppen sich nicht als große Strippenzieher, sondern sind selbst nur Getriebene in einem Spiel, dessen Regeln jemand anders diktiert. Wolfgang Neuerer, der verantwortliche Dienstleiter von Zollfahndung und -schmuggel (der große Falk Rockstroh), kann seiner Zermürbung durch Korruption und pressure schließlich nur durch Freitod Ausdruck verleihen.

Dass Pech-Marie Schreiber (Julia Koschitz), die von Frau Blums Mitgefühl umgehend adoptiert wird, ihr Credo ("Wer sich einmal erpressen lässt, bleibt sein Leben lang erpressbar") leider eher als angelerntes denn verinnerlichtes Wissen enttarnen muss, funkt zwar ein wenig in unsere Sympathieverteilung, ist aber in der skizzierten Welt durchaus konsequent. Zur Verteidigung der Pech-Marie könnte man die seit drei Wochen beliebte Tatort-Polizei ausrücken lassen – dass sich, wenn das Wasser so bis zum Hals steht wie bei der Pech-Marie, erpresstes Geld als einzige Lösung anbietet und eben nicht der nochmalige, wenn auch unangenehme Gang zur Mutter, die ihre Enkeltochter immerfort verwöhnen will, das erscheint als Motiv nicht so überzeugend.

Erbsenzählen vs. Attraktivität

Sonst erlebt besagte Tatort-Polizei in uns einen ruhigen Abend – sieht man vom drolligen Fluchtversuch von Koks-Kramer ab, der auf Kufen den Beamten zu entkommen versucht, was bei den herrschenden Temperaturen den Bewegungsspielraum doch arg einschränkt. Schmuggler ist recht spannend entworfen, wozu gehört, dass der Zuschauer bald abgelenkt wird von der Verdächtigenverdächtigung, weil er mit diesem Schmuggelgeschäft genug zu tun hat.

Eine herrliche Figur ist die aus Stuttgart ausgeliehene Tanja Kraft (die Scarlett Johansson ausm Hochtaunus: Alwara Höfels) - zumindest bis vor der verfrühten Verbrüderung mit Perlmann. Was wäre das für eine verführerische Vorstellung, in ein Tatort-Kommissariat tatsächlich einmal eine erbsenzählende, gutaussehende, leicht stullige Sesselpuperin reinzusetzen, die ihre Fantasie auf die Gesetzmäßigkeiten des Apparats herunterfährt ("Sie will nichts falsch machen"), anstatt irgendeine überkommene Idee von Individualität und Rebellentum zu performen, mit der sich das Fernsehen beim Zuschauer anwanzen will. Außerdem kann man an Tanja Kraft sehen, dass Erbsenzählen und Attraktivität nicht zusammenpassen – das Scheitern von Perlmann, der lässig anklampfern will und bald die Lust verliert (bis zu dieser blöden Versöhnung), ist eine schöne Geschichte.

Ein Satz, der einem Leipziger "Tatort" nicht so leicht von der Zunge ginge: "Unser altes System war perfekt, und das wollen wir wieder haben."

Eine Art der Techniknutzung, die sich noch nicht durchgesetzt hat: "Kann ich mal dein Handy haben, will nur ne SMS schreiben."

Eine traurige Realität, die man der Optimierungseffizienz übel nehmen muss: "Unsere Vorgesetzten sehen's nicht gerne, wenn was zwischen Kollegen läuft."

Kommentare (60)

arianamania 29.01.2012 | 23:22

Nachdem ich die Kritik dreimal gelesen habe und auf Ironie geprüft habe und mir immer noch nicht sicher bin... ;-) wage ich mich mal hervor und schreibe: mir hat der Tatort gut gefallen. Sehr "normal", und ja, für Konstanz sogar recht spannend. Ein bisschen genervt war ich auch von der Bäckchennachfolgerin und fand die Versöhnung tatsächlich auch unpassend (vor allem den allerletzten Satz...).

Das Motiv war für mich nachvollziehbar... da ich selbst in ähnlicher Lage bin/war (auch alleinerziehend und gerade dabei, den Hauskredit umzuschulden auf mich allein) ... man mag einfach auch nicht immer bei Mama nachfragen... und Oma hatte, das wurde ja erwähnt, eh nicht genügend Geld um wirklich zu helfen.

Wenn alle um einen herum bescheißen selbst redlich zu bleiben ist nicht einfach. Mir hat auch tatsächlich vor allem gefallen, dass die Grenze so aufgeweicht geschildert wurde. Rehterrine? 200 Euro für's Wegsehen? Kumpel gratis durchwinken? Cognac - so fing es an...

Keine "Tatortpolizei" von mir heute.

Magda 29.01.2012 | 23:58

"Denn die Folge Schmuggler lässt die Lebensleistung des aktuellen Bundespräsidenten, die Nobilitierung der Schnäppchenjagd zu Staatsaffair und Realitätsmodell, gut erkennen."

So ging mir das auch. Ich musste andauernd an Wulff denken. Allerdings dachte ich eher, dass dieser Tatort den BP entlastet. So ein "Bruder Wulff" Feeling. Ansonsten - ich war versucht, gleich am Anfang zu bloggen, dass diese junge Frau die Mörderin ist .Aber, dazwischen haben sie einen ganz schön um die Ecke denken lassen. Dieser Trick mit dem Bestechungstrick.

Ich wüsste auch gern, wer Leo P. Ard ist.

Und fand den Tatort ansonsten und dennoch ganz unterhaltsam. Der Bodensee zu etwas kahlen Zeiten. Wir waren mal dort und uns gefiel diese betuliche Bürgerlichkeit.

Sarah Rudolph 30.01.2012 | 00:30

Ich glaube mich dunkel zu erinnern, dass die Frage nach der Identität des Leo P. Ard schon vor geraumer Zeit (will sagen so ganz zu Beginn) an dieser Stelle beantwortet wurde. Da war irgendwie noch Doris JHeinze im Verdacht, war dann aber doch anders und ganz harmlos, da müsste man mal im Archiv graben.
Auf jeden Fall wunderbares Pseudonym, über das ich auch gleich stolperte, als ich es hier las.

Warum ich mich immer an so komische Details erinnere, aber nicht mehr weiß, was ich heute noch erledigen wollte, ist eine ganz andere Frage.

Sarah Rudolph 30.01.2012 | 00:37

Also irgendwie hält mich das schon im Teaser verwendete "spannend" davon ab, etwas handfestes zu sagen, weil der Tatort in meinen Augen eine Menge war, aber vor allem: zum Gähnen.
Dass selbst die Kommissare sich gegen Ende beim Würfeln langweilten hatte ja schon beinahe etwas von Selbstironie!
Ich verweise auf diesen Tweet des Community-Mitgliedes Kopfkompass.
Auf Facebook wurde vermutet, das habe "MD doch garantiert ironisch gemeint?" ... also das spannend.

Genug geschwafelt, ich glaube ich schlafe nochmal drüber.

miauxx 30.01.2012 | 01:14

Ooch, "unsere Sympathieverteilung" will doch nun aber auch mal wieder die als wahren Unsympathen vorgestellten, im feinen Zwirn und dunkler Limousine, abwandern sehen! :-)
Immer sind's die Kleinen und Getriebenen. Diese Verblüffung zieht nun auch bald nicht mehr - ist sie doch, nach meinem Eindruck, schon Tatort-Prinzip und somit eben keine mehr. Meine Tätervermutung schwankte nun so die ganze Zeit zwischen "Pechmarie" und dem Zoll-Dienststellenleiter.
Das muss dem Drehbuch bewußt gewesen sein - hat es uns doch vor der finalen "Wendung" noch zweimal aus dem Schrecken entlassen (Zusage an Polzner als Falle; Szene auf der Herren(!)-Toilette).

Kleine Anm. noch an den sonst wie immer hervorragend schreibenden M. Dell: "Der See zieht jeden in seinen Bann" sagt Pech-Marie Schreiber zur verständnisvollen Frau Blum (...)" (unter dem Bild). Wenn ich mich nicht gänzlich irre, sagte das Blum zur Marie, als diese den romantischen Abenden am Bodensee nachhing ("der Nebel und der Mond über dem See").

weinsztein 30.01.2012 | 04:38

@Matthias Dell

was Sie evtl. noch nicht wussten: ich mag Ihre Tatortkritiken sehr. Auch diese, würde aber gern noch was zu den Schauspielern sagen.

Ich mag dieses Kommissarepaar (Eva Mattes, Sebastian Bezzel), das Altersgefälle, dieses so gewollte Verhältnis von Mutti zu Schnulli, das jeder irgendwie kennt. Diese Nachsicht von Frau Blum mit dem jungen Kollegen Perlmann, von Mattes mit Bezzel.

Julia Koschitz beeindruckte mich mit ihrer Leistung als Pechmarie. (Siehe auch oben: arianamania schrieb am 29.01.2012 um 22:22). Sie sähe ich gern öfter.

Um Alwara Höfels (Tanja Kraft), ehemals Kleinohrhäsin, diesmal als Leihgabe der Stuttgarter Kripo, tut es mir ein wenig leid, hier irgendwie missbraucht als Slapsticknummer per running gag. Ich tippe, sie bleibt bei der Kripo Konstanz und an ihrem Profil wird noch gearbeitet.

Grundgütiger 30.01.2012 | 10:09

Hab einmal ausgesetzt, ist aber in dieser professionellen Runde nicht weiter tragisch.
Das der Fisch vom Kopf her stinkt, das die Jagt nach "anstrengunglosem Wohlstand" das eigentliche Lebenselixier dieser unser Gesellschaft ist, zeigt dieser Tatort in wie ich meine guter Manier.
Ach Gott hätt ich jetzt bald gesagt,wer tut dies nicht.
Das kann gut gehen, in dafür gut ausgebildeten Kreisen sogar meist, aber auch weniger gut, wenn man die Verbindung in diese Kreise nicht hat, respektive keine guten Freunde, bei den man auch mal übernachten kann.
Auch beruflich kommt es mir schon mal unter.
Da sitzen dann Leute in einem Zug, deren Äußeres eine klare Sprache spricht,zu alt zum fressen saufen vögeln, aber 200.000 in der Alditüte auf dem Schoß, erzählt mir der Zoll hinter der Luxemburgischen Grenze.
Und so ist dann Geld, das erotischste aller Tauschmittel, ein unberechenbares Wesen.
Jetzt rätseln nicht nur wir, wie man diesen Fluch wieder los wird.

ausbein 30.01.2012 | 11:46

Ein für Konschtanzer Verhältnisse sehr angenehmer Tatort. Spannend wohl eher für die, die auch die gestrige Präsentation des Themas "Korruption" spannend fanden; ich gehöre dazu.

Dass u. a. der Konschtanzer Zoll aber praktisch ausschließlich mit so extrem naiven Menschen besetzt sein soll - da musste halt drüber wegsehen können. (Volles Verständnis für den Kommentar von THX1138.)

Die Fälle von Korruption finde ich gut konstruiert und dadurch sogar lehrreich.

Der Dienststellenleiter machte sich einst (aus Naivität, d. h. nicht durch unmittelbar böse Taten) erpressbar und erhält seit dem die 200,- EUR im Grunde als Schmerzensgeld dafür, dass er um Informationen erpresst wird. Damit wird zugleich der Zustand der Erpressbarkeit konserviert.

Der den Dealerfreund durchwinkende Zöllner ist schlicht "durch Freundschaft" korrumpiert worden, und merkt es nicht einmal.

Bei Marie Schreiber ist es einfach: eine Notsituation. Da sie die Erpressung aber unter einem anderen Namen, den des späteren Mordopfers, durchziehen wollte, wäre sie danach nicht erpressbar ("Wer sich einmal erpressen lässt, bleibt sein Leben lang erpressbar" gilt dann genau nicht für sie!)

Am schillerndsten der Fall Rehterrine. Liegt da nicht vielleicht die "Vorteilsannahme im Amt" nur im Auge des Betrachters? Denn womöglich hat die Restaurantbesitzerin nur mit Kennerblick in Perlmann einen vor sich gesehen, der sich mit der netten Geste einer kostenlosen leckeren Vorspeise und etwas Honig ums Maul als neuer regelmäßiger (privater!) Gast gewinnen lässt?

Matthias Dell 30.01.2012 | 11:49

@sarah rudolph
das mit der müdigkeit zieht sich durch, kann man von einem leitmotiv sprechen? färbt zumindest auf die bewertungsmetaphorik ab: "zum gähnen".
das mit der ironie ist ja lustig, hier aber tatsächlich so gemeint, wie's da steht: für konstanz nicht verkehrt. man muss realistisch bleiben. für die utopie ist dann til schweiger zuständig (hier müsste dann ein emoticon hin)

Matthias Dell 30.01.2012 | 11:54

@weinszstein

"was Sie evtl. noch nicht wussten: ich mag Ihre Tatortkritiken sehr."

schöner hätten sie das nicht sagen können. aber wie sie vielleicht wissen, weiß ich das doch. das die schauspieler immer etwas kurz kommen, wird auch von anderer seite bemerkt. man ist auch mensch und wird dran arbeiten. man lernt noch.
fand die besetzung mit höwels gut, gerade in dieser beamtendumpfen direktheit ein hübscher charakter, nur die versöhnung nervt

Matthias Dell 30.01.2012 | 11:58

@ausbein
der hinweis auf perlmann ist sicherlich richtig, welche vorteile sollte sich die restaurantbesitzerin von kontakten zum kommissar versprechen - doch nur, dass der sein wahnsinnsgehalt bei ihr lässt. the thin line between pr, gefällig- und großzügigkeit. und deshalb umso schillernder.

dem gedanken mit dem inkognito-erpressen kann man auch was abgewinnen, so was lässt sich im persönlichkeitsmanagement vermutlich auch besser abspalten

lebowski 30.01.2012 | 12:05

"..selbst die Bösewichte, der waschzwanghafte Bankier Roettli (Urs Jucker) und der mafiese Fahrdienstleister Polzner (Thomas Bestvater), entpuppen sich nicht als große Strippenzieher, sondern sind selbst nur Getriebene in einem Spiel, dessen Regeln jemand anders diktiert."

Wenns denn bloß so wäre! Irgendein böses Mastermind, das man ausschalten muss, damit die Welt besser wird.

Leider nicht! Eher so wie Michael Scharang schreibt:

"Auch die Profiteure, die eigentlichen Kapitalisten, sind mehr denn je nur Anhängsel des Systems, auch sie erstarren vor Angst, wenn es infolge der unausweichlichen Konzentrationsprozesse im Apparat wieder rumpelt, denn sie wissen, etliche von ihnen werden diesmal auf der Strecke bleiben."

GeroSteiner 30.01.2012 | 12:18

Ich schätze diese Tatort-Kritiken von Matthias Dell sehr. Kurzweilige und gut zu lesende Kritiken sind ja eher selten und die Verbindung zum korrupten Präsidenten Wulff ist obendrein noch sehr treffend. Dabei kann zu der Zeit, als das Drehbuch entstand, noch nichts davon ruchbar gewesen sein.

Sind irgendjemandem die keinohrhasigen Schlusssätze zwischen Sebastian Bezzel und Tanja Kraft noch aufgefallen? Als der Bewegungsmelder das Licht ausschaltete? Ich dachte erst, ich höre nicht richtig. (-:
"Nehmen Sie die Hand von meiner Pistole!"
"Ach. Das ist Ihre Pistole?"

Sarah Rudolph 30.01.2012 | 12:48

@Matthias Dell
Tatsächlich, die Müdigkeit am Sonntagabend als Leitmotiv. Hier aber dennoch fehlt am Platze, da ich's gestern ja wirklich nicht war. Kein bisschen, nur gelangweilt.

Dass das "spannend" hier nicht ironisch gemeint war, habe ich mir auch so gedacht. (Hier funktioniert die Kommunikation: was ironisch gedacht ist, kommt bei mir an, was es nicht ist eben nicht. Schön, man muss das auch mal loben!)

Jetzt gehe ich aber doch mal ins Detail:
Ich fand den Film ja gar nicht schlecht, sondern eigentlich ganz schön angelegt, die Geschichte war gut, viele schöne Einfälle und die hübsche neue Assistentin eine Nebenhandlung die nicht nervt, sondern sogar das ein oder andere Schmunzeln entlockt.
Ein bisschen genervt hat mich dagegen, dass des Perlmanns Einwürfe zum Thema Sparzwang doch arg auswendig gelernt wirkten, wie man es sonst eher von Freddy Schenk kennt.
Was weniger mit dem Film, sondern Konschtanz im allgemeinen zusammenhängt: die Matthes und ihr immer gleicher Klara-Blum-Blick. Langsam bereitet es mir fast Schmerzen, diese so großartige Frau so limitiert spielen zu sehen. Das war aber gestern besser als sonst, oder? Also ging schon, ist mir dennoch wieder aufgefallen.

Soviel zum realistisch bleiben: der Film war schon okay, für Konstanz. Aber spannend war der nicht.

hanni 30.01.2012 | 15:20

Hihi, das kenn ich auch von meinen Schweizer Freunden. Sie wissen eigtl. genau um die 150 Mrd. die Deutschland an ihr Land rechtswidrig verliert und sind dennoch nur diffus (wenn überhaupt) dagegen und wenn man sie darauf anspricht sehr schnell beleidigt. Sicher war der putzfimmlige Urs ein wenig übertrieben karikaturesk, aber dennoch sollte ein wenig Selbsthumor doch drin sein. Ich darf mich ja auch allenthalben als nüschelnder Dunkeldeutscher aus der Angstzone beleidigen lassen und darf mich dagegen nicht wehren, ansonsten werden (wahlweise) meine ehrlich antifaschistische (siehe Debatte um Antinazikonzert Jena) oder Demokratie und
Individualität als höchstes Gut anerkennende Gesinnung in Frage gestellt.

Uwe Theel 30.01.2012 | 21:05

Leute, ihr redet hier zum Thema Vorteilsnahme genauso an der Realität vorbei, wie der Tatort es verfilmte:

Bei der Vorteilsnahme im Amt geht es weder darum, ob die Gegengabe erfolgt oder nicht, sondern nur dass der Beamte signalisiert, er könnte empfänglich sein.

Mehr als ein Kugelschreiber ist nicht drin: Rehterrine im Edelrestaurant ist von den Gestehungskosten zu teuer. Sowas ist nicht Leberwurst vom Discounter aus der Folie:

www.daskochrezept.de/rezepte/reh-terrine_40377.html

und es geht noch aufwendiger

Außer Rezepten sollte man eben noch einschlägige Erlasse und das Beamtenrecht lesen.

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Ehemaliger Nutzer 31.01.2012 | 04:12

Hübscher ist die etwas didaktische Szene, in der Perlmann (Sebastian Bezzel) nach den Ermittlungen in einem, man muss wohl sagen, Gourmettempel zum Neueste-Kreationen-Probieren (Rehterrine) eingeladen wird – aufs Haus, "selbstverständlich". Die Vordergründigkeit dieser Begebenheit gewinnt dadurch, dass sie nicht aufgelöst wird. Und zeigt, wie einfach der Schritt vom Wege fällt.

Diese Szene, so harmlos sie im Grunde war, ist mir auch aufgestoßen.
Harmlos war sie, weil der Gourmettempel nichts mit den Ermittlungen zu tun hatte, es hatten sich dort halt zwei eventuell Verdächtige dort regelmäßig getroffen. Es war die Art von Lokal, die nicht die Kriminalpolizei fürchtet, sondern allenfalls die Gewerbeaufsicht oder, schlimmer noch, den Testesser der Lokalzeitung. Bestechung war also nicht anzunehmen, verschwendetes Geld für die Lokalbetreiberin, sie wollte einfach nur freundlich sein.
Aufgestoßen ist sie mir, weil hier der Mechanismus der Vorteilsnahme deutlich wurde. In dem Moment, wo du von jemandem eine Gefälligkeit annimmst, ist deine Beißhemmung dem Spender gegenüber reduziert. Der Übergang ist fließend, im Prinzip fängt es bereits damit an, daß du eine angebotene Zigarette annimmst. Wessen Zigarette du eben geraucht hast, den wirst du beim Verhör ein Stückchen weniger konsequent rannehmen.
So funktioniert die stille Art der Korruption.

Ciao
Wolfram

ausbein 31.01.2012 | 10:46

Bei der Vorteilsnahme im Amt geht es weder darum, ob die Gegengabe erfolgt oder nicht, sondern nur dass der Beamte signalisiert, er könnte empfänglich sein.

Danke für die Information!

Etwas einschränkend dazu: Wenn ich eine Wurst klaue bin ich ein Dieb, definitiv. Wenn ich eine Terrine geschenkt annehme, bin ich deshalb nicht unbedingt korrumpiert. Tatsächlich kann es einfach irrelevant sein (= hat mit der beruflichen Tätigkeit gar nichts zu tun) oder im Gegenteil erhöhte Aufmerksamkeit hervorrufen.
Rein rechtlich gesehen ist das natürlich einfacher, bzw. klarer.

Und nebenbei: Jede Terrine aus nicht-industrieller Fertigung erzeugt höhere Gestehungskosten als eine Discounter-Leberwurst.

Uwe Theel 31.01.2012 | 12:44

@ ausbein am 31.01.2012 um 09:46

Ich verstehe nicht wirklich, wer oder was eingeschränkt wird, wenn Sie einen Ladendiebstahl im gegensatz zur Vorteilsnahme anführen. Was den Bezug zur "beruflichen Tätigkeit" betrifft, so hat der Staatsbediensteter eine besondere Treuepflicht dem Dienstherrn gegenüber, die nicht nach Dienststunden berechnet wird, sondern im Beamtenverhältnis dauerhaft selbst begründet liegt und auch in das so genannte Privatleben hineinreicht. Wenn, wie im Falle Wulf die "privaten" Kontaktpersonen plötzlich in der Entourage des Staatsoberhauptes auf Staatsbesuch auftauchen, dann sollte jeder Zweifel ausgeräumt sein.

Einschlägig: StGB § 331:

dejure.org/gesetze/StGB/331.html

Demnach hätte Wulf schon jedes Versprechen durch Dritte ihm eine L;eistung zu gewähren gegnüber dem Land Niedersachsen anzeigen müssen. Alles andere ist strafbar

Was Gesteheungskosten von nichtindustriell gefertigter Rehterrinen betrifft, können wir und einig sein.

ausbein 31.01.2012 | 14:46

Lieber Herr Theel,

Sie rennen offene Türen ein. Der Richtigkeit Ihren rechtlichen Ausführungen habe ich in keiner Weise widersprechen wollen.

Meine Einschränkung bezog sich allein auf das RL, bzw. das Funktionieren eines Krimis (außerhalb des Gerichtssaals) - da sind Ihre rechtlichen Ausführungen nur eingeschränkt hilfreich und sinnvoll.

Beispiel: Täter flieht mit klapprigem Lieferwagen auf die Autobahn. Kommissar folgt im Dienstwagen, bleibt aber liegen. Kein Sprit mehr. Frau Meier kommt dazu. "Ist das nicht der Kommissar?"

Sagts und hält und bietet ihren vollen Reserve-Kanister an. Der Kommissar: "Nein, das kann ich nicht annehmen, ich bin doch nicht korrupt. Wie, abkaufen? Ich habe doch kein geeichtes Litermaß dabei, um die Menge zu ermitteln! Auch ist eine korrekte Preisermittlung nahezu unmöglich angesichts der unklaren Qualität des in Ihrem Kanister enthaltenen Betriebsstoffes. Außerdem dürfen Sie da so nicht halten, und ich muss jetzt unverzüglich das Warndreieck aufstellen."

Das wäre ja ein toller Tatort! Und im echten Leben möchte ich sowas auch nicht, obwohl es womöglich dem Recht entspräche.

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Ehemaliger Nutzer 31.01.2012 | 16:21

@Uwe Theel
Ich fürchte nur, für den "putzfimmeligen Urs" wurde nur gedankenlos, um im Jargon zu bleiben, eine miese Anleihe bei der amerikamnischen Serie "Monk" und deren Titelhelden gemacht, ohne auch nur annähernd dessen Witz oder Tiefgang zu erreichen.

Ob es wirklich eine amerikanische TV-Serie braucht, um sich über den Sauberkeitsfimmel der Alemannen (diesseits und jenseits der Grenze) lustig zu machen? Die ewig schrubbenden Schweizer waren bereits in "Asterix bei den Schweizern" von anno seinerzeit ein running gag.

Ciao
Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 31.01.2012 | 16:23

@Gero Steiner und Sarah Rudolph
Sind irgendjemandem die keinohrhasigen Schlusssätze zwischen Sebastian Bezzel und Tanja Kraft noch aufgefallen? Als der Bewegungsmelder das Licht ausschaltete? Ich dachte erst, ich höre nicht richtig. (-:
"Nehmen Sie die Hand von meiner Pistole!"
"Ach. Das ist Ihre Pistole?"

War es nicht noch schlimmer und der letzte Satz kam von Frau Blum?
Also
T.K.: "Das ist meine Bluse"
S.P.: "Oh Entschuldigung"
K.B.: "Das ist jetzt meine Bluse"
S.P.: "Das ist meine Waffe! Finger weg!"
K.B.:"Wie? Das ist ihre Waffe?"

Ich war leicht... überfordert von der Zotigkeit.

Leute, ihr seid wirklich leicht zu unterhalten.

Ciao
Wolfram