Fieber, Kotzen

Tatort Das volle Programm: Im Wiener "Tatort: Kein Entkommen" geht's hoch her. Serbische Nationalisten, die das Kriegsende nicht verkraftet haben, verbreiten Ungemach

Ein historischer Moment, die Chroniken der Tatort-Geschichte müssen neu geschrieben werden, denn die Wiener Folge Kein Entkommen entthront als Roger Federer (16 Grand-Slam-Titel) des Sonntagabends den bisherigen Rekordhalter Pete Sampras (14) aus Bremen (Abschaum, 2004) – 15 Leute kommen binnen 90 Minuten in Wien zu Tode, in Bremen waren es seinerzeit nur 14. Und weil Tennis ein für statistische Überlegungen empfänglicher Sport ist, sichert sich Kein Entkommen noch im Vorbeigehen den Subrekord der meisten Toten in einem Satz aka einer Nacht: 13 Leute sterben allein rund um den Showdown am Ausweichquartier der Familie von Josef Müller the Sveti Tiger formerly known as Mirko Gradic (Christoph Bach).

Klingt grausam, und das ist es auch auf eine Weise, die Brummbär Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) nicht mehr als ein totaldesillusioniertes "Scheiß mich an" entlockt. Und dennoch ist Kein Entkommen keine Folge, derentwegen man den Magd-Alert betätigen müsste: Man kann diesen Tatort durchaus gucken, ohne Schaden zu nehmen am Gemüt. Die Szenen etwa im Ausweichquartier der Familie, in denen Gradic den Eindringlingen zeigt, was er bei ihnen gelernt hat, verzichten auf ein dramtischst-emotionalisiertes Geballer zugunsten einer stillen, videospielknifflignüchternen Problemlösungsversion, die man fast elegant nennen könnte. Müller-Frau Elisabeth (Monica Reyes) muss beim Zähneputzen im Obergeschoss nur ein paar Mal aufmerken, ohne dass der schallgedämpfte Thrill im Parterre tatsächlich an die Tür klopfen würde.

Eleganz ist überhaupt ein Wort, das man mit dieser Folge in Verbindung bringen kann. Kein Entkommen (Regie: Fabian Eder) hat einen schönen Rhythmus. Die Flucht von Jovanovic (Marco Pustisek) aus der Straßenkontrolle, das Abstoppen an der roten Ampel, der Auswurf des angeschossenen und in diesen feudalen, nicht sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen der High-End-Kriminalität daher nutzlos gewordenen jungen Stutzers, das erneute Anfahren und Wegbrausen – das ist eine Synkope, mit der man sich als Komponist nicht verstecken müsste. Und noch das Halsumdrehen, mit dem Gradic im Ausweichquartier den ersten Angreifer aus dem Weg räumt, hat in seiner geschmeidigen Kürze eher Stil, als dass damit übermäßiger Grusel verbreitet würde.

Bibis Hausmittelchen

Das Gegengewicht zur düsteren Anlage dieses Falls (Drehbuch: Eder und Lukas Sturm) bildet die Grippe, die in Wien grassiert und die dem Film immer wieder heiter Entlastung verschafft. Das Tempotaschentuch als Leitmotiv: Eisner legt ein paar posaunöse Schnäuzsalven hin, und die Bibi (Adele Neuhauser) profiliert sich mit Hausmitteltipps, von denen sich nie wirklich sagen lässt, ob sie kruder Wald-und-Wiesen-Hokuspokus oder lässig-alternatives Herrschaftswissen in Zeiten einer pharmalobbyunterjochten Schulmedizin sind. Was von Bedeutung ist, insofern die Ahnung, dass der weihnachtsmanneske Hausarzt Slavic (Michael König) des Müller-Jungen in Wirklichkeit der Königs-Sveti-Tiger ist, in der Konkurrenz von Bibis Mittelchen und Slavicens schulmedizinischem Vollprogramm zum Zweifel reift.

Wie hier die Grippe im Heiteren und Dramaturgischen – ohne Grippe hätte Müller-Gradic bei der Lieferwagenfahrt nicht ersetzt werden müssen – beiläufig Akzente setzt und Erklärung stiftet, ist ein Lehrbeispiel für jedes Tatort-Drehbuch. Und wie gelungen die Grundierung der Folge mit dem Rotz ausfällt, wird man merken, wenn morgen der Kollege im Büro fehlt und man ohne zu fragen davon ausgehen will, dass auch er Opfer einer Grippewelle geworden ist, die man im Fernsehen gesehen hat: "Steck mich nur an, dann kann auch ich gleich heimgehen."

Fein, wenn nicht sardonisch ist der Humor da, wo die Momente von Verzweiflung (etwa die Wohnungsverwüstung bei Müllers) von unschuldigen Klavieretüden begleitet werde (Musik: Roman Kariolou). Für die Qualität von Buch und Regie sprechen die Schauspielerleistungen. Der anfangs gebeutelte Eisner driftet mit seiner von der Pudelmütze geformten Frisur phasenweise ins Großkomponistenhafte und der Bibi glückt hier der zeitlich klug gewählte Durchbruch aus ihrer Insuffizienz in die Normalität einer, dank Mantel und Tasche, immer noch spezifisch behänden Ermittlerin. Sie haucht in dieser Folge auch manchmal so verschmitzt, was nur noch stärker für sie einnimmt.

Schnepfigkeitsalternative

Christoph Bach, der als Dutschke im gleichnamigen Fernsehbiopic bereits Zeugnis abgelegt hat von dem Vermögen, sich Sprechweisen anzuverwandeln, ohne sie in die Karikatur zu treiben, stattet seinen Müller-Gradic mit einem Idiom aus, in dem sich das schärfere slawische "R" noch nicht zur Gänze ausgeschlichen hat. Die Figur ist aber weit davon entfernt, den Radebrecher zu geben, als der in schlichteren Tatort-Folgen jeder Akteur erscheinen muss, der keinen Arier-Nachweis bis ins Mittelalter erbringen kann. Monica Reyes, die Sorge in subtiles Lippenbeißen und Fürsorge in entschiedenes Stiefelklackern beziehungsweise einen stolzen Gang übersetzt, der sich gegen Kränkung durch Enttäuschung schützen will, verschafft Kein Auskommen ein paar hübsche Austriazismen ("er schlaft", Sakkó), wie ja überhaupt im österreichischen Tatort der Dialekt mehr sein darf als die pflichtschuldige Regionalfolklore, die er north of Inn ist.

Therese Affolter differenziert den Schnepfism der Karrieretrine Schiemer von eine Etage höher (Interpol) bühnengroß, Alexander Strömer als ihr Kollege wirbt für eine zeitgemäße Auffassung des Migrationsdiskurses. Wenn vom Schnepfism die Rede ist, dieser verbreiteten soziokommunikativen Figur, bei der Insuffizienz und Unsicherheit durch Kompetenzgehuber überdeckt werden sollen – in Kein Entkommen findet sich endlich einmal eine Alternative dazu. Nämlich zu Beginn, als Eisner auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum angewidert vom Einkaufszentrumsbesitzerfrisör ("Ja, ned die Dulcineas wegschicken!"), eben nicht darauf verweist (oder, wie er sagen würde, "Quartett spielen" will), wie wichtig er als Polizist und überhaupt ist, sondern kurzerhand halbwirsch die Sperrung des gesamten Areals anordnet. Gerade weil der Schnepfism sich immer so auf die Zehenspitzen stellt auf der Suche nach seiner Bedeutung, bietet sich das Tunneln als Kontervariante hier an (das Kinderzitat von der Bibi vor der Bürotür ist allerdings auch allerliebst).

In gewisser Weise ließe sich zur Schnepfigkeitsalternative auch der Schluss zählen, bei dem Eisner den megaholy Königs-Sveti-Tiger Slavic allein mit seinen mentalen Superkräften in die Knie zwingt, weil er nicht auf dessen Erpressungsversuch eingeht (wir mussten ja die ganze Zeit an die verletztgespritzte Müller-Frau im Krankenzimmer denken; dass also beim Showdown jetzt doch bitte nicht Laberskat gespielt werden kann, während die Frau dahinten womöglich mit dem Leben ringt – unfreiwilliger, zumindest ausgelassener Suspense). Einfach mal keine Angst zu haben – eine Option, die in unserer Leistungsgesellschaft selten gewählt wird, sich aber, wie man hier sehen kann, als recht wirkungsvoll empfiehlt. Vielleicht sollte man das demnächst mal geschlossen bei Gegenspielern ausprobieren, die ähnlich wie das mafiöse Verbrechen vor allem mit dem ihnen vorauseilenden Fame zu beeindrucken glauben ("Blöd"-Zeitung, FDP, die Märkte).

Ex-Ju-Hotspot

Gelesen werden muss Eisners Mental Power Move als Antwort auf die ewige Häme vor allen Dingen des jungen Sveti-Stutzers, der mit einem im Krieg geschulten Männlichkeitsideal im zivilisierten Wien immer nur Weicheicher ausmachen kann. Law-and-Order-Politiker mögen sofort feuchte Finger kriegen und nach härteren Gesetzen schreien, weil sie sich in dem getroffen fühlen, was sie für ihre Ehre halten. Dabei liegt der junge Stutzer naturgemäß falsch: Nicht Wien ist verweichlicht, sondern die Sveti-Raubkatzen-Family verhärtet. Außerhalb von Krieg, Nationalismus oder den angrenzenden Bereichen des Elenden kann man mit so einem mühsamen Männerbild doch auch nichts mehr reißen. Das taugt allenfalls für erotische Träume, wie die Bardame im Ex-Ju-Hotspot Maxi umgehend demonstriert.

Zu bemängeln ist lediglich, dass man in so einen Laden wie dieses Maxi vielleicht nicht zu zweit durch die Vordertür schlendert, sondern mit Cobra und Interpol einreitet. Daran anschließen könnte sich eine Grundsatzdiskussion, ein Fall solchen Formats ist freilich viel zu groß für Eisner und die Bibi. Die wird hier aber nicht geführt. Genauso wie der Linienrichter in uns beim offenen Schluss mit den Lederjackenträgern, die Kurs aufs Krankenzimmer nehmen, nicht auf Grusel, sondern auf Metapher entscheidet: Es hört halt nie auf.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Du bist frech und dumm, und das ist eine gefährliche Mischung"

Ein Dilemma, das Theologen diskutieren sollten: "Wenn der Heilige in Wien ist, und wir ihn nicht finden, dann haben wir ein Problem"

Eine Frage, die man sich viel zu selten stellt: "Was ist alles?"

21:45 05.02.2012
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