Forever normal

Die "Indurain-Methode" des Pop Depeche Mode demonstrieren mit ihrem neuen Album "Exciter" einmal mehr ihr Vermögen, die eigene Gewöhnlichkeit zu etwas Besonderem zu machen

In dem Film Fast berühmt, der in den frühen siebziger Jahren und damit, wenn man großzügig ist, der Jugendzeit des Pop spielt, gibt es eine interessante Bemerkung zur Dauer von Erfolg. Es geht in dem Film um den Aufstieg einer - fiktiven - Musikgruppe, die nach ihrem verheißungsvollem Start vom Manager die Notwendigkeit zur Professionalisierung mit den Worten erklärt bekommt: "Oder glaubt ihr, Mick Jagger steht mit 50 immer noch auf der Bühne und singt?"

Das Interessante an dieser Frage ist weniger der Witz, dass Mick Jagger, wie wir nun ja wissen, mit über 50 tatsächlich noch auf der Bühne steht und singt, sondern vielmehr die Tatsache, dass dieses Rentenmodell eines Rockstars die damalige Vorstellungskraft offensichtlich zu übersteigen schien. Deshalb lässt sich auch den frühen siebziger Jahren noch eine gewisse Naivität attestieren, wenngleich Pop seine Unschuld ja lange eingebüßt hatte.

Über Alterungsprozesse von Protagonisten einer Kultur, deren Selbstverständnis sich zu einem wesentlichen Teil aus Jugendhaftigkeit speist, musste noch nicht nachgedacht werden, wenn auch Elvis, erster und größter Exponent dieser Kultur, auf die vierzig zuging und damit für das bisherige Entsorgungsmodell "Live fast, die young", das Pop für die Unsterblichen vorsah, eigentlich nicht mehr in Frage kam. Andererseits ist es nur logisch, dass der zweite Weg in die relative Ewigkeit des Pop nichts mehr als Zeit brauchte, sich aufzutun, da er aus nichts anderem als Zeit besteht: Wenn man schon nicht früh genug stirbt, muss man nur lang genug dabei bleiben. Es verursacht nicht zwingend ein Glaubwürdigkeitsproblem, dass ein millionenschwerer sechzigjähriger Jazzliebhaber wie Charlie Watts Drummer in der größten Rock´n´Roll-Band aller Zeiten ist.

Vielleicht könnte man diesen zweiten Weg die "Indurain-Methode" nennen, nach Miguel Indurain, dem überragenden Radfahrer der neunziger Jahre. Denn des Spaniers Seriensiege bei der Tour de France verdankten sich weniger dem Umstand, besonders viele oder besonders schwierige Etappen gewonnen zu haben, sondern vielmehr einer unauffälligen Ökonomie. Indurain beschränkte sich darauf, in den beiden Einzelrennen, bei denen jeder allein gegen die Uhr anging, mit so deutlichem Vorsprung ins Ziel zu kommen, dass er den Rest der Tour getrost im Hauptfeld verbringen konnte. Seine Botschaft lautet also: Etappensiege, Bergwertungen und Punktesprints können sich die anderen teilen, es kommt allein auf das Zeitfahren an.

Depeche Mode hat gerade ein Zeitfahren gewonnen. Exciter, unlängst erschienen, ist das zehnte Studioalbum im zwanzigsten Jahr. Dieser Erfolg hat mehrere Gründe, von denen einer, ganz pragmatisch, sicher in dem freimütigen Verhältnis zwischen der Band und ihrer Plattenfirma Mute liegt, das erstmals im Juni 2000 schriftlich fixiert wurde. Das war eher unüblich im kurzlebigen Produzenten-Pop der achtziger Jahre, wo Dauer zu den Kategorien gehörte, die am Beginn dieser Dekade einer inhaltlichen Umwertung unterworfen waren. Ebenso das Selbstverständnis einer Popformation: Kamen die Rolling Stones noch aus einer Zeit, da Rock´n´Roll quasi natürlich war, weil unmittelbar mit Rebellion assoziiert, hatte spätestens Punk diese Definition mit einem Inferno obsolet gemacht. Oder durch ein Strohfeuer, wie man will. Die Entwicklung von Depeche Mode gründete sich also auf die gleiche Absurdität wie die Selbstbehauptungsversuche der Kinder von ´68, denen nur übrig blieb, konservativer als die eigenen Eltern zu sein.

Der achtziger-Jahre-Pop hat als Gegenentwurf zu dem glaubwürdigen Aufbegehren seiner Vorgänger die Schnelllebigkeit der Moden etabliert, hat der Innerlichkeit des Protests die Oberflächlichkeit, die Betonung von Äußerlichkeiten entgegengehalten. Depeche Mode hat sich in diesem Kontext allerdings anders gegeben, als es der Name glauben machen könnte. Kontinuierlich hat die Band in jedem Jahr ein Album veröffentlicht, und wenn es gerade kein aktuelles war, dann eine Best-Of-Zusammenstellung oder einen Live-Mitschnitt. So sicherte man sich eine treue Anhängerschaft, die sich auf regelmäßige Neuheiten verlassen konnte. Dass diese Neuheiten sich nicht wesentlich voneinander unterschieden, erweist sich im Rückblick als ein weiterer Grund für das Überleben der diskontinuierlichen achtziger Jahre. 1983, als Depeche Mode mit Constructing Time Again der wirkliche Durchbruch gelang, hat sich der typische und bis heute gültige Stil der Band manifestiert, der in der Folgezeit jeweils aktualisiert, perfektioniert wurde: ein vielschichtig-harmonisches Amalgam aus Industrial-Geräuschen und Elektronik-Sounds, in Moll und voller Pathos, über dem der melodiöse Gesang Gahans liegt und hinter dem das herkömmliche Vierer-Bandkonzept steht. Das war der Abschied vom unbeschwerten Synthie-Pop der ersten beiden Alben, von einer Zeit, in der man noch mit verschiedenen Stilen kokettierte, einer neo-romantischen Ausrichtung etwa, die Depeche Mode auch heute noch den Respekt der Dark und Gothic-Kreise sichert. Danach gab es praktisch kein Genre mehr, dem sich die Band so ohne weiteres hätte zuordnen lassen - Depeche Mode hatte seine eigene Schublade, seine eigene Bahn gefunden, die zwar, weil kommerziell überaus erfolgreich, mitten durch den Mainstream der Zeit verlief, gleichzeitig aber aufgrund ihrer Eigenartigkeit so kenntlich war wie Indurains gelbes Trikot im Peloton der Tour de France.

Festmachen lässt sich der Wandel an dem Ausscheiden von Vince Clarke schon nach dem Debüt Speak And Spell und seiner Ersetzung durch Martin Gore als musikalischem und textendem Mastermind. Man muss nur einmal Clarkes folgendes Schaffen gegen die Entwicklung von Depeche Mode halten, um zu sehen, was aus der Band nicht geworden ist. Clarke versuchte den wechselnden Strömungen der achtziger Jahre mit veränderten Formationen beizukommen: Nach Yazoo, The Assembly und Erasure ist dieser Tage ein neues Album gemeinsam mit Martyn Ware erschienen. In relativer Bedeutungslosigkeit. Kaum anders erging es den Bands, die neben Depeche Mode im Aufbruchsklima der frühen achtziger starteten und die einstmals allesamt wagemutiger, experimenteller oder schriller waren. Nur sprach recht bald niemand mehr von The Human League, Heaven 17, ABC, Soft Cell oder Spandau Ballet. Etappensiege und Bergwertungen.

Die Langzeit-Qualitäten von Depeche Mode speisten sich schließlich auch aus ihrem Image, das sich dadurch auszeichnete, blass zu sein. Ganz wie Indurain, der - statt sich durch waghalsige Alleinfahrten herauszuheben - einfach fünfmal in Folge die Tour gewann, um sich unauslöschlich ins Gedächtnis der Sporthistorie einzuschreiben. Zum einen hat die Konturlosigkeit nämlich den Vorteil, dass man Depeche Mode heute noch relativ unbelastet wahrnehmen kann; ein Umstand, den der kapriziöse Bono durch seine unzähligen Stilisierungen im Falle U2s unmöglich gemacht hat. Zum anderen gelang Gahan Co. ob ihrer Gewöhnlichkeit der Schulterschluss mit den Anhängern viel leichter und wirkungsvoller, als es sich Michael Stipe vermutlich je hätte träumen lassen, dem das Image des Alternativen steter Rechtfertigungszwang ist, seit R.E.M. einen der bestdotiertesten Plattenverträge überhaupt unterschrieben hat. Depeche Mode musste sich gar nicht verweigern, um Bodenständigkeit zu inszenieren, sondern war einfach durchschnittlich und normal. Er möchte die "Langeweile des Lebens" wiedergeben, hatte Gore einmal über seine Absichten gesagt, Extreme interessierten ihn nicht. So ließen sich die Musiker von den Einstürzenden Neubauten anregen, unkonventionelle Geräusche zu benutzen, hielten sich aber fern von deren künstlerischer Konsequenz. So spielten sie in ihren Texten zwar auf sexuelle und religiöse Themen an, waren aber nie am schonungslosen Tabubruch interessiert, sieht man einmal vom Radioverbot für Blasphemous Rumours ("But I think that God/´s got a sick sense of humour/And when I die/I expect him laughing") ab. Depeche Mode hat ausgerechnet aus Normalität eine Nische gemacht, in der sich die Fans als etwas Besonderes fühlen konnten, was auch der ewige Gleichklang der Musik förderte, die irgendwann hinter dem Zeitgeist zurückgeblieben war. Der Anhänger wurde noch unter 80.000 Gleichgesinnten das Gefühl nicht los, dass die Band auf der Stadionbühne keinem näher war als ihm, und dieses Gefühl war es, was er in Treue zurückbezahlt und Depeche Mode somit das Überleben in den anfangs fremden neunziger Jahren gesichert hat, als die Alben rarer wurden und die Selbst-Legitimation aufgrund einer veränderten Lage auf der Wetterkarte des Pop schwieriger.

Allerdings wird man mit Bravsein und kommerziellem Erfolg allein nicht wirklich groß. Die Rolling Stones hatten zeitlebens Exzesse, Brüche, was nichts anderes ist als dringend notwendiges Mythenmaterial. Den Punkt, an dem Band und Fans ihren Zusammenhang zum ersten Mal tatsächlich reflektierten, als die dauernde Hybris einer Revision unterzogen wurde, markierten bei Depeche Mode letztlich die beiden Minuten, in denen Sänger Dave Gahan 1996 aufgrund seines Heroinkonsums klinisch tot war. Gahan kam wieder zu Bewusstsein und ersparte seiner Band damit das Schicksal von Genesis, wo der zweifache Wechsel des Frontmanns geradezu exemplarisch zum Niedergang geführt hat. Aber danach war nichts mehr so wie vorher, das 97er-Album Ultra wurde zur Therapie, die anschließende Best-Of-Kompilation zementierte unwiderruflich die Anfangszeit - die achtziger Jahre, im Prinzip.

In gewisser Weise ist Depeche Mode heute also eine Band ohne Vergangenheit, stellt Ecxiter einen Neuanfang dar nach der Stunde Null, der erwartungsgemäß bedingt aufregend ausgefallen ist. Aber reifer, entspannter, eben im Bewusstsein dessen, was gewesen ist. Die Zukunft scheint offen für alles, auch wenn das nur bedeutet, dass Depeche Mode weiter spielt. Zeitfahren.

Hinter den Rolling Stones freilich, aber weiterhin um die Unsterblichkeit im Pop.

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00:00 22.06.2001
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Ausgabe 42/2021

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