Matthias Dell
20.10.2011 | 12:30 1

Freizeitbandarbeiter

Machenmüssen Drei Versuche, mit der Berliner Band Mutter und deren neuem Album "Mein kleiner Krieg" etwas über die Gegenwart der Popmusik zu sagen

Vor ein paar Tagen kam diese Meldung rein. Zitat (etwas länger, schon auch hart, da müssen Sie jetzt durch): „Die Popbüros Baden-Württembergs treten künftig geschlossen als Landesarbeitsgemeinschaft zur Förderung der Popkultur und Popularmusik e.V. auf. Mit der Gründung des Vereins sollen die Interessenvertretung optimiert, die Arbeitsbedingungen verbessert und eine Förderstruktur für Popularmusik beziehungsweise Musikschaffende in Baden-Württemberg auf- sowie ausgebaut werden. Dazu Peter James, Leiter des Popbüros Region Stuttgart und Gründungs-Vorsitzender: ... ‚Wer wäre besser geeignet, im Spannungsfeld von Kultur und Wirtschaft ein breites Bewusstsein für Popkultur und Popularmusik zu entwickeln und vermitteln, als die regionalen Popförderer, die täglich ‚on the job‘ in engem Kontakt mit Musikschaffenden stehen.‘“

Sind Sie noch da? Es ist hart, wie gesagt: „optimiert“, „verbessern“, „on the job“. Wenn man nur diese Wörter kennte – kein Mensch würde auf die Idee kommen, dass es dabei um Popmusik geht. Das klingt wie der alltägliche Beraterschwachsinn, applizierbar auf jede Branche, jedes Büro.

Dass heute so über Popmusik geredet wird, muss etwas zu bedeuten haben. Die Zeiten haben sich geändert. Es gibt Popakademien, Castingshows und einen Markt, der nicht mehr so funktioniert wie früher, weil durch die Digitalisierung das Geschäft mit den Speichermedien bedroht ist. Es gibt Lobbyisten, die Popmusik so fördern wollen, wie das bei Theater und Oper üblich ist. Gleichzeitig existieren unendliche Möglichkeiten, selbst Musik zu machen, zu veröffentlichen, zu suchen, zu finden.

Die Berliner Band Mutter veröffentlicht in diesen Tagen ein neues Album, Mein kleiner Krieg, und geht auf Tour. Mutter ist eine legendäre Band, wenn man das sagen darf, aus dem alten Westberlin, den Jahren vor dem Mauerfall, der Nähe zu dem, was erfolgreich (Die Ärzte) oder auch nur mythisch geworden ist (Geniale Dilettanten), sich selbst eigen und über eine Auflösung vor laufender Kamera (Wir waren niemals hier von Antonia Ganz, 2005) hinweg. Nach Jahren der Neusortierung ist Mutter seit letztem Jahr wieder da mit dem Album Trinken, Singen, Schießen. Und nun ist gleich noch eins erschienen.

Mutter ist ein Klassiker. Aber keiner, der in den Regalen steht und mit dem man ehrfurchtsvoll gelangweilte Schulkinder erschlagen kann. Eher so: zeitlos, stete, freie Arbeit an der eigenen Vervollkommnung. Das, was nach den Moden kommt: Gitarrenkrach, Schlagzeugwanken oder Klavierharmonie, unter, über, hinter, zu der Stimme von Max Müller, aus der etwas Kindlich-Selbstversonnen-Glückliches tönt. Mutter ist Max Müller, der Sänger, Frontmann, neben Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorf verbliebenes Gründungsmitglied. Max Müller ist ein freundlicher Mensch, „ultraliberal“, und nachdem man mit ihm gesprochen hat, kann man drei Geschichten darüber erzählen, wie Popmusik bleiben kann, was sie mal gewesen ist, uns zwar ohne, wie einst der Rentner hinter dem Zaun, mit Früher zu drohen als noch Krieg war.

Bildungsroman

Der Bildungsroman beginnt 1963 in Wolfsburg. Max Müller wird geboren, mit 17 geht er nach Berlin, und dazwischen wird er Musiker, als Autodidakt. Die Idee war nicht einmal Punk, die Idee war: „Mach mal einfach Musik, ist geil, kann jeder.“ Die Entfernung vom Leben, die Wolfsburg bedeutet, ist von Vorteil, weil alles selbst gebastelt werden muss, nicht nur der Verstärker, der Verzerrer, sondern auch der eigene Entwurf, eine Vorstellung von Welt und Gestaltungswille. In Wolfsburg gibt es nichts, man geht ins Werk oder weg. „Ich habe mir alles selber beigebracht, oder selber ausgedacht, wie es sein müsste und könnte oder wie ich’s gerne hätte.“ Wie ich’s gern hätte. Mehr ausdenken als beibringen. Es wird nicht gelernt, sondern geformt. Das führt zur zweiten Geschichte: einer Theorie der Kunst und des Künstlers inklusive seiner Freiheit.

Freiheit der Kunst

Max Müller sagt: „In dieser Zeit merke ich das viel stärker, dieses Erfolgsding und Anerkennung bekommen, und dann denke ich, da wird sich auf etwas verlassen, was nicht trägt – was machst du damit, wenn du das alles hast? Ist es das, worauf man hinaus wollte, das es zu erreichen galt, dass man irgendwie dasteht, seinen Platz in der Kunstwelt hat. Es ist gerade eine komische Zeit, wo nicht viel passiert, beziehungsweise es passiert eine Menge, aber das hat alles so eine Professionalität gekriegt, die sind ja alle gut, die können Instrumente, eine Kamera halten, aber da drin ist nichts. Von der Freiheit wird kein Gebrauch gemacht.“ Die Freiheit, das zu machen, was man will, was man muss, was in einem arbeitet. Sich nicht festzulegen auf ein Muster, ein Image, das dann immer nur reproduziert wird, weil keine Erwartungen enttäuscht werden dürfen. Keine Angst zu haben. Max Müller redet von Leidenschaft und Liebe und meint das auch so: „Ich glaube ans Machenmüssen, und dann musst du raus damit, eine Schule ist für die Kunst immer Scheiße, in jeder Form.“ Wovon er nicht reden will: „Was oft über uns geschrieben steht: Die haben so eine Verweigerungshaltung. Das stimmt nicht. Ich möchte so populär wie möglich sein, aber eben zu meinen Bedingungen. Wenn über mich jemand schreibt, dann ist mir das erstmal egal, in welcher Zeitung das ist, das kann ich eh’ nicht beeinflussen. Aber ein Interview zu geben, da würde ich dann bei manchen sagen: Darauf habe ich keinen Bock.“

Freizeitarbeit

Die Band Mutter kann machen, worauf sie Lust hat, mittlerweile mit einer eigenen Plattenfirma. „Da bleibt viel mehr hängen. Bei Alfred Hilsberg haben wir gar nichts gesehen, der hat die Platte bezahlt und dann, keine Ahnung, wo das gelandet ist.“ Hilsberg, auch legendär, ZickZack Records, das Label der Neuen Deutschen Welle. Von dem, was hängen bleibt, können die Bandmitglieder nicht leben, die anderen haben Brotberufe, Filme, Computer, Grafik, wobei das Wort Brotberufe falsch ist, weil es nach etwas Lästigem klingt, nach Ausweichen. Es ist aber so, dass das die normale selbstbestimmte Arbeit ist; und dass sie die Freiheit der Kunst garantiert, ist vielleicht das Ende vom Roman – und Freizeit heißt dann nicht Hobby, Rumklimpern, sondern immer noch Arbeit am Machenmüssen. Dass man aber auch die neue Platte mit dem Lied Schöner Schein beginnen kann, und es keine Plattenfirma gibt, die sagt, das kannst du nicht machen, da sind doch alle enttäuscht, das muss ein Kracher sein. „Das ist die Freiheit, die man als Künstler hat, das so vorgeben zu können, wie man es will“, sagt Max Müller. Die erste Zeile vom ersten Lied heißt: „Ich habe nichts zu sagen/mein Herz ist kalt und leer.“

Mein kleiner Krieg ist erhältlich über muttermusik.de. Dort finden sich auch die Termine der laufenden Tour

Kommentare (1)

rolf netzmann 22.10.2011 | 06:26

Wie viel Freiheit braucht ein Künstler, um seine kreativen Ideen verwirklichen zu können? Und wie viel Freiheit hat ein Künstler, wenn er von seiner Kunst leben möchte? Sobald er dies möchte, muss er seine Kunst verkaufen und sich damit von dem Geschmack des Publikums abhängig machen. Er reiht sich in den Mainstream ein und läuft damit Gefahr, austauschbar zu werden. Ein Beispiel dafür ist Rammstein. Ihre ersten Alben waren genial, die Stimme des Sängers und Frontmanns Till Lindemann, eine gigantische Bühnenshow und ins Extreme gehende Texte bescherten der Band enorme Verkaufszahlen, sie trafen den Nerv des Publikums, weil sie etwas Neues kreierten. Heute liefert Rammstein immer noch eine perfekte Show ab, keine Frage, nur sie haben ihre Schiene nicht mehr verlassen. Kommerziell sind sie erfolgreich, kreativ sind sie nicht mehr. Musik ist immer mehr ein Geschäft geworden, wer erfolgreich ist, bleibt es am ehesten dann, wenn er seinem Publikum das bietet, was es gewohnt ist und weiterhin hören möchte.

Doch damit schränkt er nicht nur seine künstlerische Freiheit ein, nein, er entwickelt sich künstlerisch auch nicht mehr weiter. Sicherlich gibt es auch Ausnahmen, Künstler, die ihren Weg gehen und dafür auch mal das Label wechseln. Marius Müller Westernhagen, Peter Maffay, der vom Schlagersänger zum Rocker wurde und mit Tabaluga etwas einmaliges kreierte oder auch Konstantin Wecker sind Beispiele für Künstler, die erfolgreich sind und sich trotzdem immer ihre Freiheit genommen haben, das zu tun, was sie machen mussten.

„ Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es Euch gefällt, ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil Ihr`s bei mir bestellt“, so hat es Konstantin Wecker einmal besungen. Nur sind Westernhagen, Maffay und Wecker etablierte Künstler. Ihnen erlauben die Labels auch einmal , etwas Neues auszuprobieren, weil sie wissen, dass es wegen der Bekanntheit und auch der Persönlichkeit der Künstler verkauft und das Label trotzdem seinen Reibach machen wird.

Nur was ist mit den vielen wenig bekannten Künstlern, denen ein Label vorschreiben kann, was herausgebracht wird? Es ist dieser Spagat, einerseits auf ein Label angewiesen zu sein, um bekannter zu werden und verkauft zu werden, andererseits aber eigene Ansprüche trotzdem umsetzen zu wollen.

Als Alternative bleibt das eigene Label und die künstlerische Unabhängigkeit. Erkauft wird diese mit weniger Bekanntheit, weniger verkauften Tonträgern und damit weniger Einnahmen. Wer damit leben kann, dass er nebenbei noch einen anderen Beruf ausübt, um seine Miete zahlen zu können, ist gut beraten, dies zu tun. Die deutsche Pop und Rockmusik lebt nicht nur von Maffay, Westernhagen und Wecker, diese stehen nur an der Spitze. Die deutsche Pop und Rockmusik lebt von den vielen Bands, die lokale oder regionale Bekanntheit erreicht und ein kleineres, aber immer anwesendes Stammpublikum haben. Sie lebt von Interpreten, die die Themen ihrer Songs auf der Straße und im täglichen Leben finden und vor 50 oder 100 Fans alles geben.

Authentizität ist ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal eines Künstlers. Diese erwächst aus der Freiheit der Kreativität. „Freiheit, das heißt, keine Angst haben, vor nix und niemand“, singt Konstantin Wecker in einem anderen Song. Künstlerische Freiheit bedeutet daher auch, sich keine Ketten anlegen zu lassen von Agenten, die kaufmännisch denken oder von Labels, die nur daran denken, was sich zur Zeit gut verkaufen lässt.

So ist die Berliner Band Mutter eben auch ein Beispiel dafür, wie eine künstlerische Existenz möglich ist, ohne sich einengen zu lassen. Authentische Musiker, die ihr Ding durchziehen, weil sie davon überzeugt sind, dass sie es machen müssen. Und sie sind ein Beispiel dafür, dass Popmusik eben nicht nur durchorganisiert sein muss, um erfolgreich zu sein.

Wie viel Freiheit ein Künstler hat, bestimmt er wesentlich selber. Es ist auch die Frage, was bedeutet ihm mehr, Geld und Ansehen, welche er möglicherweise mit einer Einschränkung seiner kreativen Gestaltungsmöglichkeiten bezahlt. Diese Entscheidung aber muss jeder Kreative für sich treffen.