"Full Metal Village" von Sung-Hyung Cho

DVD "Kuh erst, wenn Kalb geboren hat", erklärt Bauer Plähn die Familienverhältnisse des Rinds. Bauer Plähn ist eine eindrucksvolle Erscheinung: ein groß ...

"Kuh erst, wenn Kalb geboren hat", erklärt Bauer Plähn die Familienverhältnisse des Rinds. Bauer Plähn ist eine eindrucksvolle Erscheinung: ein groß gewachsener Mann mit langsamen Bewegungen, schwerem Atem und gemütlichem Platt. Die Szene zu Beginn des Dokumentarfilms Full Metal Village hat etwas Sprödes und Rührendes zugleich: Die Regisseurin will eigentlich nur ihren Kameramann (Marcus Winterbauer) die Kühe filmen lassen, aber Bauer Plähn will unbedingt ins Gespräch kommen. Also geht es ums Rind. "Kühe, Kälber, was gibt es noch", fragt Sung-Hyung Cho in einer Art, die verschmitzt und ernsthaft, respektvoll und interessiert ist. "Jungtiere, Bulle, Ochse." "Was ist ein Ochse?" "Ein entmannter Bulle." "Oh", staunt die Regisseurin, und Bauer Plähn kann das kurze Erschrecken souverän nachvollziehen, das seine Auskunft bereitet.

In Full Metal Village geht es um Rinder. Um Landwirtschaft, Vertreibung, Motorräder und Träume. Und ein wenig auch um Heavy Metal. Full Metal Village spielt in Wacken, einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, der es zu Bekanntheit gebracht hat durch ein Heavy-Metal-Festival, das alljährlich auf den brachen Wiesen stattfindet. Das "Wacken Open Air" bildet das Gerüst des Films. Am Anfang sehen wir die freiwilligen Helfer, die von dem umtriebigen, kettenrauchenden Bauer Trede koordiniert werden, den Abfall des letzten Festivals beseitigen. Durch den Film ziehen sich die Vorbereitungsmaßnahmen für den jährlichen Höhepunkt des dörflichen Lebens: Bühnenaufbau, Straßenverbreiterung, Ortsschilderentfernung (um Souvenirjägern vorzubeugen). Am Ende dann der Einfall der schwarzgekleideten, langbehaarten Schwermetaller in den Ort, die Schlange vor dem Lebensmittelgeschäft, das Headbangen zur Blasmusik.

Der Film zeigt auch den Kontrast zwischen der Feier einer musikalischen Subkultur und dem Alltag in Wacken. Zuerst erzählt die Dokumentation aber von der Identifikation der Dorfbewohner mit dem Leben auf dem Lande. Da ist Bauer Trede, der wie ein großer Junge auf seinem Quad durch den Ort fährt, nach dem Frühstück aufspringt, um seine Börsenkurse zu kontrollieren, und nach dem Mittagessen, um seinen Schlaf zu halten, und dessen Frau Lore trotz gesteigerten Esstempos in gut 50 Jahren Ehe den Anschluss nicht geschafft hat. Da ist Oma Irmchen, die mit ihrer Schwester vor allem von Kindheit in und Flucht aus Ostpreußen spricht, während sich Enkelin Ann-Kathrin durch Rumpfheben gemeinsam mit der Cousine für den Tag fit hält, an dem sie den leeren, weiten Horizont von Wacken hinter sich lassen wird. Da ist der arbeitslose Norbert, der fortwährend an seinem Motorrad rumschraubt und einst das "Wacken Open Air" mitbegründet hatte, just in dem Moment, als es kommerziell erfolgreich zu werden drohte, aus finanzieller Verlustangst aber ausgestiegen ist.

Full Metal Village ist, wie es im Untertitel heißt, "ein Heimatfilm von Sung-Hyung Cho", also eine doppelte Anverwandlung. Es geht darum, das Verhältnis der Wackener zu ihrem Lebensumfeld zu zeigen, und darum, wie die in Südkorea geborene und aufgewachsene Regisseurin Deutschland lieben lernte. In dem reichhaltigen Bonusmaterial der DVD findet sich neben dem nicht übermäßig informativen Audio-Kommentar auch ein Interview mit Cho, in dem sie erklärt, wenn nicht anordnet, dass die Deutschen mit ihrer Heimat zurechtkommen müssten. Denn wie soll das Fremde lieben, wer schon das Eigene nicht mag. Das gelingt Full Metal Village: Der Film nimmt in seinem gemächlichen Tempo und schönen Tableaus für die deutsche Provinz ein.

Full Metal Village, 90 Minuten. Bonusmaterial (u.a. Outtakes, Audio-Kommentar mit Mille von der Band Kreator), Sprachen: Deutsch, Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Kastilisch (Spanisch), Ländercode: 0, GMfilms, 17,90 EUR

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