Gartenmöbel im Regen

Inventur Das Projekt "Deutschland 09" will ­„13 kurze Filme zur Lage der Nation“ zeigen. Womöglich ist das Kino-Land, in dem wir leben, aber sowieso nur eine "Männersache"

Die Kritik an Deutschland 09 ist rasch geäußert. Es handelt sich um einen so genannten Omnibusfilm, der 13 kurze Filme von verschiedenen Machern versammelt. Wie immer bei Omnibusfilmen gibt es unter den einzelnen Episoden solche und solche, wobei man sich über letztere damit hinwegtrösten kann, dass sie bald vorüber sind. Herausragend sind die Beiträge von Dominik Graf und Romuald Karmakar; der eine macht, mit spürbarer Wut, aus Fragen des Städtebaus eine Gesellschaftskritik, der andere lässt einen persischstämmigen Puffbesitzer, der gerne in Deutschland ist, aber jetzt, am Ende seines Lebens, auch Heimweh verspürt, in einer Mischung aus Bürokratismus und Machismo über die sexuellen Vorlieben seiner Kunden reden.

Dabei könnte man es belassen, wenn dieser Film nicht eben Deutschland 09 hieße und im Untertitel auch noch 13 kurze Filme zur Lage der Nation. Das ist halb ernst und halb ironisch gemeint, und schon daran kann man erkennen, was das Dilemma des von Tom Tykwer initiierten Unternehmens ist: Der Film weiß nicht so recht, was er eigentlich sein will. Er gibt sich selbst einen Anspruch auf Vollständigkeit auf, von dem er zugleich wieder lässt, indem er seinen Machern die Freiheit ihrer Subjektivität überantwortet. Das Vorbild für Deutschland 09 ist Deutschland im Herbst von 1978, aber im Unterschied zu dem Projekt aus der Spätzeit des Neuen Deutschen Films verbindet die Regisseure von heute weder ein ideeller Zusammenhang noch ein gemeinsames politisches Anliegen wie einst die Kritik an den Bildern vom Terrorismus, die das Fernsehen oder die Bild-Zeitung gezeichnet hat.

Es ist müßig, diesen Vorwurf einem Film zu machen, eben weil der Film diesen Vorwurf zu gut kennt. Das Projekt Deutschland 09 ist nicht so hypertroph, mit Deutschland im Herbst konkurrieren zu wollen. Aber sich im Bewusstsein seiner Bescheidenheit einer Form zu bedienen, die einmal dazu da war, Gegenöffentlichkeit herzustellen, betont heute lediglich eine Ratlosigkeit, die sich von der Ratlosigkeit der SPD kaum unterscheidet.

Was Til Schweiger beweist

Deutschland 09 geht aus von einem Unbehagen an einer Gegenwart, für das es nur mehr ein diffuses Bild gibt, aber kein klares Gegenüber. Das Unbehagen dennoch in Szene setzen zu wollen – so unscharf umrissen, wie es im Gesamteindruck dann bleibt – zeugt von einem Geist, der Kritik als etwas begreift, das nicht nur jammert, sondern auch mal etwas macht. Diese Form des Aktionismus gehört heute nicht zufällig ins Ressort der PR-Arbeit.

Zu bestaunen ist der etwa in den kurzen Werbefilmen, die die relative junge Deutsche Filmakademie neuerdings über das hiesige Filmschaffen macht und in großen wie kleinen Kinos als Werbung schaltet. Dort werden „Vorwürfe“ an den „Deutschen Film“ präsentiert (die wiederum so grob sind, dass sie das, was zu bemängeln wäre, weit verfehlen) und umgehend widerlegt. Was man sich so vorstellen muss: Es heißt, der deutsche Film sei trocken, und dann sehen wir Til Schweiger und Johanna Wokalek im künstlichen Regen des Til-Schweiger-Films Barfuß. Oder: Es heißt, der deutsche Film sei langsam, und dann sehen wir Moritz Bleibtreu, wie er am Anfang von Hans Weingartners Film Free Rainer rücksichtslos durch Berlin rast. Das Argument für den deutschen Film ist nicht die Qualität (die es seit einigen Jahren in vermehrten Maße durchaus gibt), sondern der Witz, der den zu widerlegenden Vorwurf erst stiftet: Wenn man Til Schweiger zeigen kann, wird sich damit schon irgendetwas beweisen lassen.

Aus einer ähnlichen Defensive agiert auch Deutschland 09, was sich am deutlichsten daran zeigt, dass gleich mehrere Filme mit ihrem Ende den politischen Furor, den sie anzuzetteln versuchen, geradewegs dementieren. In Hans Steinbichlers Episode Fraktur dient das Entsetzen eines bayrischen Unternehmers darüber, dass die FAZ ihre Kommentare seit dem 2007 nicht mehr in Frakturschrift betitelt, als Vorwand für einen Amoklauf, der sich nicht mit Zeitungsverbrennung begnügt. In der Satire Krankes Haus, in der Wolfgang Becker als tapferer Fährmann jeden, tatsächlich jeden Begriff aus der politischen Sphäre in den filmischen Hades seiner Krankenhausmetaphorik übersetzt (nein, auf die „Lohnnebenhöhlenentzündung“ wird nicht verzichtet), bringt Versöhnung in das als Bundesrepublik begriffenen Spital am Ende ausgerechnet das gemeinsame positivistische Volkslied-Absingen (Kein schöner Land). Und in Hans Weingartners Umsetzung des Falles Andrej Holm (Freitag 47/2007), in dem ein Berliner Stadtsoziologe des Terrorismus verdächtigt wird, weil er in seinen Arbeiten Begriffe wie „Gentrifizierung“ verwendete, die auch in den Bekennerschreiben einer militanten Gruppe auftauchten, wird der politische Skandal eingelullt von einer sich sorgenden Lebenspartnerin, die ihren wieder entlassenen Gatten im Stile eines Fünfziger-Jahre-Heimchens darum bittet, doch von der Politik zu lassen zugunsten des Privaten. Der kritische Ansatz, der eigentlich Grundlage des Projekts sein sollte, wird am Ende hereingeholt wie Gartenmöbel, die man nicht dem Regen aussetzen will.

Unsoziales Sozialdrama

Die gesellschaftspolitischen Interventionen, die Deutschland 09 übernimmt, bleiben also überschaubar. Zu begreifen ist der Film daher mehr noch als filmpolitischer Versuch, abgerissene Verbindungen zur (west)deutschen Filmgeschichte, aber auch innerhalb der aktuellen Filmlandschaft herstellen zu wollen. Weder gibt es heute einen zwingenden ökonomischen Zusammenhang (das Studio) noch einen politischen (ein Manifest). Das Deutschland, das in Deutschland 09 abgebildet wird, ist erkennbar als jene Landschaft, die hiesige Fördergremien entwerfen, wenn sie den Kunstaspekt am Filmemachen betonen wollen: das Spektrum der Teilnehmer reicht vom ans Weltkino delegierten Tom Tykwer über den politisch betörten Populismus der Weingartners und Beckers bis zur formalen Hermetik von Angela Schanelec und Christoph Hochhäusler.

Das ist ehrenwert, jedoch als Abbild deutschen Filmschaffens letztlich so begrenzt wie eine Oscar-Verleihung, die im Dünkel ihrer Weltgeltung zwar pittoresk die zum Teil indische Crew von Slumdog Millionär auf die Bühne bittet, bei der Wahl der besten Schauspieler aber doch nur zwischen Sean Penn und Brad Pitt entscheidet. Was fehlt, ist, wie übrigens auch in den Schnipseln der Filmakademie, nicht nur ein ostdeutscher Blick, sondern auch eine Verbindung zu dem, was die Filmakademie in ­ihren Werbefilmen mit übertriebener Til-Schweiger-Begeisterung heftig zu umarmen versucht: der Mainstream. Nun steht das deutsche Unterhaltungskino von Til Schweiger oder Bully Herbig hinter dem, was an Perfektion und Originalität mit populären Formen etwa in Amerika ­gemacht wird, weit zurück.

Aber es gibt ­Momente, in denen sich die unlustige, grobschlächtige deutsche Komödie dem einfühlsam-filmhochschulbiederen Sozialdrama überlegen zeigt: Der Migrationsdiskurs wird in Schweigers letztem Film 1 1/2 Ritter etwa weit differenzierter geführt, als Sylke Enders in ihrer Deutschland 09-Episode Vorstellungen davon entwickeln kann, wie die Realität eines Milieus aussieht, das auf Suppenküchen angewiesen ist. Das ist ein merkwürdiges Phänomen in der deutschen Filmlandschaft: Die Komödien sind nicht lustig, und die Sozialdramen verfehlen ihren Gegenstand – das Soziale.

Sieg des Fernsehens über das Kino

Hier entsteht eine Forderung nach Vermittlung, jedoch nicht in dem Sinne, wie Mario Barth sie versucht. Sein Star-Vehikel Männersache kombiniert nämlich beides: Der Film ist nicht lustig und er verortet ­seinen Hauptdarsteller, der in einer Tierhandlung arbeitet und sich abends als Kleinkünstler probiert, unpassenderweise ­mitten im Zentrum hauptstädtischen Hipstertums: in Berlin-Prenzlauer Berg. Dabei steckt in Barths Film durchaus eine erzählenswerter Kern: Dass sich Männersache aber eben nicht darauf konzentriert, eine Künstlerwerdungsgeschichte am Beispiel eines Vorstadtkomikers zu erzählen, sondern lieblos auf die schiere Präsenz eines Comedians setzt, dessen Erfolg in schierer Präsenz besteht, bedeutet den Sieg des Fernsehens über das Kino.

Gemessen an den Zuschauerzahlen (nach dem ersten Wochenende bereits 700.000), wird Barths Film aber wohl einer derjenigen sein, auf den sich im Deutschland des Jahres 2009 die meisten Menschen einigen können. Was immer das bedeutet.

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