Gibson gibt’s

Filmpolitik Am Freitag soll die Berliner DFFB nach mehr als einjähriger Hängepartie eine neue Leitung bekommen – es ist wieder die falsche
Gibson gibt’s
Seit rund einem Jahr wird bei der DFFB um die neue Leitung gestritten

Foto: Imago

Wird die 14-monatige Suche nach einer neuen Leitung für die Berliner Film- und Fernsehakademie (DFFB) im Jahr vor dem 50. Geburtstag zu einem versöhnlichen Ende finden? Am 23. Oktober soll das Kuratorium unter Vorsitz von Björn Böhning (SPD), dem Leiter der für Medienfragen zuständigen Berliner Senatskanzlei, nach zwei gescheiterten Versuchen (Julian Pölsler, Ralph Schwingel) abschließend tagen. Und durch eine gezielte Indiskretion weiß die interessierte Öffentlichkeit, welche Personalentscheidung dann gelingen soll: Ben Gibson, Leiter der Filmhochschule AFTRS in Sydney, der auch schon Leiter der London Film School (LFS) war, hat sich auf der Shortlist der Bewerber gegen seinen Prager Kollegen Pavel Jech, die Produzentin Dagmar Jacobsen sowie die Filmemacher Béla Tarr und Romuald Karmakar durchgesetzt.

Bekannt geworden ist die Präferenz durch eine Pressemeldung, die am 16. Oktober versendet worden war – und zwar, hier wird es unterhaltsam, nicht aus der Senatskanzlei, sondern von der DFFB, unterschrieben von elf Mitarbeitern und Dozenten. Da es sich dabei nicht ums gesamte Personal handelt, liegt der Gedanke nahe, dass der Rest nicht so dringend davon überzeugt war, dieser „herausragende(n) Persönlichkeit des europäischen Filmschaffens“ ein verfrühtes „Herzlich willkommen in Berlin und an der dffb, Ben Gibson!“ zuzurufen. Laut Jochen Brunow, Leitender Dozent Drehbuch und einer der Unterzeichner, habe es eine „klare Mehrheit“ für Gibson unter Dozenten und Mitarbeitern gegeben.

Bei den Studierenden, die durch ihre Proteste schon zwei Kuratoriumskandidaten verhindert hatten (Freitag vom 15. April und 7. Mai), verhält es sich andersrum: Gibson ist der mit Abstand unbeliebteste Kandidat; seine Probevorlesung hinterließ die Sorge, der in ihrer Liga einzigartigen Akademie drohe Verschulung, wo man sich Freiraum und Visionen wünscht.

Kein Vorgriff, ein Vorgriff

Die Enttäuschung geht so weit, dass eine „tiefe Spaltung“ der Akademie befürchtet wird, wie es in einer Pressemeldung der Studierenden vom letzten Freitag heißt. Für eine gewisse Konfrontation spricht, dass Dozent Brunow mit dem Schritt zur Pressemeldung den Studierenden zuvorkommen wollte: „Es war klar, dass sie keine Zurückhaltung üben.“ Möglich war die Meldung nur durch einen Bruch der Verschwiegenheitsvereinbarung innerhalb der sechsköpfigen Findungskommission (3 x Kuratorium, 1 x Dozenten/Mitarbeiter, 2 x Studierende).

Die Studierenden demonstrierten derweil ihre Unzufriedenheit gegenüber der Gibson-Entscheidung am Mittwochmittag vor dem Roten Rathaus, dem Amtssitz von Björn Böhning. Ihnen wird vorgeworfen, sich auf eine Person festgelegt zu haben (Béla Tarr), was Sprecherin Susanne Heinrich bestreitet. Tatsächlich zog sich die Entscheidung der Findungskommission; woran der Konsens scheiterte, ist nicht eindeutig zu sagen.

Was die Studierenden aber versäumt haben seit ihrem Erfolg, Anfang Mai die Findungskommission mit sechs gleichberechtigten Stimmen erzwungen zu haben, war: eine Öffentlichkeit für ihre Idee von der DFFB herzustellen. Wobei man diesen Vorwurf grundsätzlich Böhning und seinem Kuratorium machen muss. Statt ein Jahr mit drittklassiger Personalpolitik zu vertrödeln, hätte die schöne Zeit für ein Feuerwerk an Selbstbestimmung und Strukturreflexion draufgehen können. Am Ende hätte man womöglich gewusst, wie ein Studium aussehen soll, das Regisseure hervorbringt, die Besseres zu tun haben, als dem Fernsehen die Formate zu füllen und Redaktionsängste zu streicheln.

Aus der Senatskanzlei erklärte Sprecher Bernhard Schodrowski (CDU) in Sachen Gibson am 19. Oktober auf Nachfrage, dass Böhning der Kuratoriumssitzung vier Tage später nicht mit Erklärungen vorgreifen wolle – was offenbar nicht für alle Nachfragen gilt, mit Blick auf das elastische Verhältnis der Senatskanzlei zur Wahrheit (Highlight: die Vordatierung der Schwingel-Bewerbung) aber auch nicht überrascht. Schon am 16. Oktober hatte Böhning nämlich der Kuratoriumssitzung vorgegriffen, als er gegenüber Deutschlandradio Kultur erklärte: „Mir war wichtig, dass wir eine internationale Persönlichkeit bekommen.“ Präteritum Indikativ Aktiv.

06:00 22.10.2015
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