Gibt's hier irgendwo 'ne Kneipe?

Tatort Der Countdown läuft: "Im Namen des Vaters", die vorletzte Frankfurter Folge mit Conny Mey, führt vor, was wir bald vermissen werden - eine Figur, die Mittelmaß adelt

Mit Silvester hat das nichts zu tun: Beim Frankfurter Tatort muss heuer rückwärts gezählt werden, Im Namen des Vaters ist weniger die vierte als die vorletzte Folge mit Conny Mey (Nina Kunzendorf). Über die Gründe von Kunzendorfs Ausstieg ist schon spekuliert worden – ernster als irgendwelche Pressestatements würden wir grundsätzlich das komplexe System der Star-Politiken im Tatort nehmen, das erst unlängst am Beispiel Furtwängler skizziert worden ist.

Ohne das noch einmal vertiefen zu wollen, stellt sich gerade im bevorstehenden Ende eines neverending Darlings wie der feschen Conny ein eigenartiger Dämmer ein zwischen der Verlässlichkeit einer Fiktion, mit der wir leben, und der Realität von Privatleben, die selbst Schauspielerinnen führen: Man hat, ganz kindisch, das Gefühl, das einem was genommen wird, auf das man ein Recht zu haben glaubte – dass da noch eine Weile länger Kunzendorfs Conny zweimal im Jahr durchs eigene Wohnzimmer geschlenkert kommt, um einem das Gefühl zu geben, dass die Welt, diese ruchlose Sexarbeiterin, doch ein besserer Ort sein könnte.

Wenn alle nur so wären wie Conny Mey! Die finale Eloge heben wir uns fürs Frühjahr auf, aber die Begeisterung kennt so wenig Grenzen, dass schon jetzt was raus muss: Wenn es eine sinnvolle Erklärung für den Abgang der Figur gäbe, dann doch nur die, dass Conny Mey in the future UN-Sondergesandte in sämtlichen Krisengebieten dieser Welt werden muss. So vorwurfslos und gleichzeitig bestimmt kann niemand in hohen Tonlagen flöten ("Nö", "Stört Sie das?"), jeder "Prozess", wie die Daueroptimierung im Betriebsmanagement dieser Tage heißt, müsste dankbar sein über ein Mediatorin wie die fesche Conny – eine Autoritätsperson, die zu führen vermag durch die scheinbar naive Spielart ihrer großen Menschenfreundlichkeit.

Krabonkes Bekannte

Davon wird eine mittelmäßige Folge wie Im Namen des Vaters nach oben hin aufgehellt. Wieder führt der atmosphäreneinfühlsame Lars Kraume Regie und Armin Alker die Kamera, das Buch orientiert sich again an den Lebenserinnerungen des Real-Fallanalytikers Axel Petermann. Der Mörder heißt Krabonke, was, wie auch der SZ aufgefallen ist, an die Ästhetik des Namengebens beim Allergrößten  erinnert. Dort wäre, mit Händen in den Taschen, bestürzt, angewidert und miesepetrig auf das Milieu geschaut worden, in dem die Krabonkes (der große Rainer Bock) ihre Runden drehen. Der Frankfurter Tatort schaut nicht derart frivol-verdammend auf die Trinker vom Gallusviertel – dass er sich besonders für deren Verhältnisse interessierte, lässt sich allerdings auch nicht behaupten.

Um für ein Leben zu sensibilisieren, wie Agnes Brendel (Anna Böttcher) es geführt hat, ist die nicht-dünkelhafte Gerichtsreportage vermutlich das bessere Medium als Im Namen des Vaters. Der Tatort hält sich das Milieu durch schicken split screen immer auch ein wenig vom Leib. Spannung existiert, aber – und das meinen wir mit der Gerichtsreportage – die auflösende Erzählung ist dann doch etwas zu unterkomplex, um mehr als vorgeahnte Trostlosigkeit der Lebensumstände zwischen "Saufen, Bumsen" und Arbeiten performen zu können.

Die Besetzung des dem Beichtgeheimnis verpflichteten und seinen Beruf recht modern auslegenden Pastors ("Wissen Sie, als Pfarrer kann ich den Menschen nicht nur in der Kirche begegnen") mit Florian Lukas trägt zur Stärkung der Spannungs- und Komplexitätsflanke eher mittel bei – Lukas ist ein actor, der seinen Typ spielt, der ambivalente Pfarrer gehört nicht dazu.

So bestehen die größten Erfolge, die dieser Tatort feiert, aus der Trauerklosbelebung von Fränki "Balkonn" Steier (Joachim Król) durch die reizende Conny ("Ist doch klar, Mann, Sie sagen in letzter Zeit oft so Sachen, die eh klar sind") und ein wenig Look-alike-Memory: Paulus Manker macht als Viktor Kemper den Henryk M. Bröder vom Gallus, und wenn Vincent Redetzki als Sohn der Toten weiter so unversöhnt wächst, kann er noch einmal Michael Shannon werden. Nicht zu vergessen die Madeleine des Abends: Allein die Erwähnung der JVA Preungesheim öffnet weit die Tore in die politische Realität dieses Landes – von der Baader-Meinhof-Bank bis zum Deutsche-Bank-Komplex.

Ein Satz, mit dem man in jedem Zusammenhang als verständnisvoll reüssieren kann: "Das geht vielen Menschen in ähnlichen Situationen so"

Eine überzeugende Ausrede, die man sich für die kommende Woche zurechtlegen sollte: "Nein, aber es war Silvester"

Ein Wissensvorsprung, der einem im Baumarkt gut dastehen lässt: "Beize zieht ein und Lack macht Nasen"

21:45 26.12.2012
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