„Günther Jauch“ als Diskussionsmodell

Fernsehgespräche Die Talkshowschwemme im Fernsehen findet jenseits der Bildschirme ihr Pendant in den kritischen Runden übers Fernsehen
Matthias Dell | Ausgabe 17/2014 8

Kleines Quiz gefällig? Ordnen Sie die beiden folgenden Zitate richtig zu. Nummer eins: „Borgen hat ja auch in Deutschland, glaube ich, nicht die dollsten Quoten gehabt. Das ist wie bei allen Sachen, die man in Berlin super findet – guckt halt in Bielefeld keiner.“ Zitat Nummer zwei: „Die öffentlich-rechtlichen Sender sind prinzipiell frei von Quotendruck. Die Quote ist kein Naturgesetz, der Druck kommt aus dem selbst erbrüteten Umfeld von Medien und Politik. Wenn man ein wenig was von Statistik versteht, ist die Quotenmessung äußerst fragwürdig.“

Es wird, Sie ahnen es, lustig, denn: Das zweite Zitat stammt von Andreas Schreitmüller, der bei Arte festangestellt arbeitet. Das erste dagegen von Ralf Husmann, dem Autor und Produzenten von Stromberg, einer der wenigen deutschen Serien, die, wenn auch oder gerade weil bei einem englischen Original abgeschaut, als einigermaßen anschlussfähig an das gilt, was ambitioniertes Fernsehen anderswo (Dänemark, USA, Großbritannien) heute macht.

Mit der Auflösung könnten wir’s eigentlich bewenden lassen. Genauer lässt sich die Krise im Selbstverständnis von ARD und ZDF nicht beschreiben: Der einflussreiche Arte-Redakteur verkleidet sich als desillusionierter Systemkritiker, wenn er auf einem Podium sitzt, während einer der wenigen, denen zugetraut würde, deutsches Fernsehen anders, besser zu machen, von sich aus die Leier der öffentlich-rechtlichen Entscheider singt: Schön und gut, aber guckt doch keiner, „die Leute wollen das nicht sehen“. „Bielefeld“.

Noch lustiger wird es, wenn man weiß, dass beide Äußerungen an aufeinanderfolgenden Tagen gemacht worden sind: Husmann saß gemeinsam mit dem Politikberater, Werber und Bestsellerautor Frank Stauss in Lutz Hachmeisters Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), um über Serienpolitik zu sprechen („Ein deutsches Borgen?“). Schreitmüller bildete 24 Stunden später mit fünf anderen Diskutanten eine Runde in der Berliner Akademie der Künste („Qualität über Gebühr – unter Niveau?“). Wem nach Trends ist: Die kritischen Begleitgespräche zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen orientieren sich mittlerweile am Takt der Talkshowschwemme (Jauch, Plasberg, Will, Maischberger, Beckmann) und deren thematischer Vielfalt.

Kaffeesatzleser des Diskurses könnten als Gewinn verbuchen, dass in die Hauptstadt-Routine von Anlässen, bei denen vor dem Sekt noch ein bisschen geredet wird, das problematisch gewordene deutsche Fernsehsystem als Thema eingespeist ist. Denn naturgemäß sind die Gespräche quälend: Wie sich in der Akademie die anstehende Digitalisierung, die durch Konkurrenz von Streamingdiensten wie Netflix (das angeblich ab Herbst in Deutschland starten will) forciert werden müsste, in den Auskünften von Senderhierarchen zur quasi unlösbaren Herkulesaufgabe türmte, hatte etwas Absurdes.

Am allerlustigsten ist aber, dass schon die Anordnung in der Akademie, allem Furor von Präsident Klaus Staeck und einem guten Moderator zum Trotz, auf die trostlose Erwartbarkeitsperformance hinauslief, in der bei Günther Jauch Streit verwaltet wird: Warum sechs Teilnehmer und davon dann drei Fernsehredakteure? Wenn es eines Beweises bedürfte, dass zuviel schlechtes Fernsehen die Fantasie tötet: voilà. Selbst die Metadiskussion zum Fernsehen geschieht im Modus der Talkshow.

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06:00 24.04.2014
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