Matthias Dell
06.08.2009 | 05:00

Gute Gesellschaft

Fußball leben Der Sportverein als Gegenmodell einer auseinanderbrechenden Gesellschaft. Oder was man vom Fußball für das Leben lernen kann. Das Beispiel - Union Berlin

Die beste Geschichte oder genauer die Geschichte, die am besten zeigt, was Fußball für das Leben bedeuten kann, wurde beim 1. FC Union Berlin im Laufe des letzten Jahres geschrieben: Die Fans bauen sich selbst das Stadion um. Das gibt es in Zeiten, in denen öffentliche Gelder für die Arenen von Profivereinen wie selbstverständlich gezahlt werden, nicht alle Tage. Christian Arbeit, der seit 23 Jahren Union-Fan und seit vier Jahren Stadionsprecher ist, amtiert deshalb seit 1. Januar auch als Pressesprecher des Vereins in Berlin-Köpenick. Im ersten halben Jahr bedeutete das, Kamerateams aus Italien, Holland oder von der BBC über die Baustelle zu führen, auf der sich jeden Morgen, auch im Winter, im Schnitt 70 Leute meldeten, um sich zur Arbeit einteilen zu lassen. Den großen Zeitungen, bei denen Union Berlin sonst in der kleingedruckten Statistik vorkommt, buchstabierte Arbeit die Zahlen dieser Unternehmung in die Notizblöcke: 2.300 Menschen, 140.000 Arbeitsstunden, Gegenwert in Euro – 3 Millionen.

Heute ist das eine Erfolgsgeschichte, vor über einem Jahr war daran nicht zu denken. Damals war die Ausnahmeregelung für das in die Jahre gekommene Stadion an der Alten Försterei, ausgelaufen, und weil das notorisch klamme Berlin den profiligatauglichen Ausbau nicht finanzieren konnte und außerdem über ungenutzte, intakte Sportstätten verfügte, wurde als Ausweichspielstätte der Jahnsportpark im Prenzlauer Berg vorgeschlagen. Tatsächlich hat Union sein erstes Jahr in der neu geschaffenen dritten Bundesliga dort absolviert – und den Aufstieg in die zweite geschafft –, aber als Dauerlösung musste diese Variante die Unioner schrecken. Zu DDR-Zeiten spielte im Jahnsportpark der BFC Dynamo, der ungeliebte Vorzeigeklub der Stadt und des Landes, das Lieblingskind von Stasi-Chef Erich Mielke.

Respekt und Mitbestimmung

Unions Seele hängt an der Alten Försterei, wo die Vorgängervereine des 1966 unter heutigem Namen gegründeten Klubs seit 1920 spielen. Die Atmosphäre im kleinen, engen Stadion, ohne Aschenbahn und mit Stehplätzen – auch durch den Umbau sind nur so viele Sitzplätze dazugekommen, wie für die 2. Liga unbedingt erforderlich sind –, wird selbst von Gästen geschätzt. „Man hat’s gelesen, hat’s gehört, hier wird Fußballkult zerstört“, war auf einem Transparent zu lesen, dass die Fans des gastierenden FC Rot-Weiß Erfurt zu Beginn einer Partie in der Alten Försterei im Frühjahr 2008 entrollten. So viel Bewusstsein nötigt Respekt ab, auch wenn die Erfurter Fans danach fast einen Spielabbruch provozierten.

Dabei ist Fußballkult eigentlich das falsche Wort. Es greift zu kurz. Union ist ein Lebensmodell, eine Mikrogesellschaft. Ein Musterbeispiel für gemeinschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten, in denen die ARD Themenwochen übers „Ehrenamt“ veranstaltet, Bildungsexperten den Verlust von Partizipation beklagen und Gesellschaftskritiker auseinanderbrechende Milieus diagnostizieren. Union ist deshalb exemplarisch, weil der Klub den Spagat hält zwischen einem Vereinsleben, das schon immer Bindemittel einer heterogenen Gesellschaft gewesen ist, und den Ansprüchen, die eine Kommerzialisierung an den Sport richtet. Nüchtern betrachtet, meint Christian Arbeit, konkurriert der Verein mit anderen Anbietern in der Freizeitindustrie. In dieser Sphäre würde man bei Union allerdings von einer starken Marke sprechen, die sich von verwechselbaren Vergnügungen wie Holiday on Ice oder Britney Spears durch die Konzentration auf den Fußball in möglichst reiner Form unterscheidet. Aufmerksam beobachtet die FuMA, die Fan- und Mitgliederabteilung, die seit der letzten Krise 2004 neben Profi- und Nachwuchsabteilung als dritte Säule zum Verein gehört, über die Reinhaltung des Sports von Momenten der Eventisierung. Willkürliche Party-Schlager-Medleys, wie sie nach dem letzten Pokalfinale im Olympiastadion gespielt wurden, hört man in der Alten Försterei ebenso wenig, wie Eckenverhältnisse oder Zuschauerzahlen, die von Werbepartnern präsentiert werden. Dafür sind die so genannten Ultras, die in anderen Vereinen nicht selten die Gegenposition zur Vereinsführung einnehmen, hier in Gremien und Gespräch eingebunden.

Verbote und Streitkultur

In der Wuhlheide machen die Fans sich die Stimmung selbst, was für ein Bewusstsein gegenüber einer Konsumentenhaltung spricht, die mit dem Popularitätsgewinn des Fußballs durch die Erschließung neuer, bürgerlicher Zuschauerschichten verbunden ist. Eine Erklärung ist die bislang bescheidene Größe: 5.500 Mitglieder, 7.000 bis 8.000 Zuschauer in der Regel. In das ausgebaute Stadion passen nun 19.000, und für Christian Arbeit verbindet sich mit der Wirkung, die vom Stadionbau ausgeht, die Hoffnung auf Zuwachs. Gegen Hertha zur Eröffnung und Bremen im Pokal war die Alte Försterei zum ersten Mal seit zehn Jahren ausverkauft, was nicht allein den namhaften Gegnern geschuldet sein kann, denn solche gab es zwischendurch auch. Arbeit kann sich vorstellen, dass der Verein weiter wächst, wenngleich immer in dem Maß, das Union ausmacht. Für den Fall, dass man eines Tages in der 1. Bundesliga spielen sollte – ein größeres Stadion in der Alten Försterei wäre möglich. Sagt Arbeit. Klingt wie die auf Fußball gemünzte Version des Attac-Slogans.

Union besteht darauf, unpolitisch zu sein. Das hängt mit der Mentalität zusammen, die in den DDR-Jahren ausgeprägt wurde. Während Mielkes BFC sich die besten Spieler des Landes zusammendelegierte, reifte das Selbstbewusstsein bei Union durch Nicht-Dazugehören. Union war damals schon kein alternativer Klub im Sinne zielstrebigen Dissidententums, auch wenn es hier vielleicht mehr langhaarige Fans und solche mit bunten Haaren gab als anderswo. Und Union will auch heute keine Ausnahme, kein Gegenmodell sein, so wie St. Pauli, der linke Kiezklub aus Hamburg, oder Freiburg mit seinem Image als sozialverträgliche Variante eines Ökobürgertums im bösen Fußball-Kapitalismus. Union ist wie die Gesellschaft. Nur besser.

„Wenn Du in das Union-Forum guckst, dann findest Du alles, was die Gesellschaft beschäftigt“, sagt Olaf Forner. Forner ist bekannt als der Taz-Unioner, ein rühriger Zeitschriftenverkäufer, der seine abendliche Verkaufstour durch die Bars und Restaurants der Berliner Innenstadtbezirke im Union-Dress absolviert. Ein Marketing-Gag, aber auch Überzeugung, nebenher verkauft er Tickets für die Spiele. Früher wurde er belächelt, nun fragen die Leute: „Haste Karten?“ Forner gehört zu den linken Fans, die Mitte der neunziger Jahre zurückgekehrt sind. Er schätzt die Kommunikationskultur im Verein. Zwar gibt es ideologische Differenzen quer durch alle sozialen Schichten und politischen Milieus, aber man setzt sich auseinander, gewaltlos.

Etwa in der Frage von „Thor Steinar“, einer Kleidermarke, die von Rechten bevorzugt wird. Verbieten, ja oder nein? Der Verein hat sich dagegen entschieden, im Forum wurde heftig diskutiert. Christian Arbeit sagt, dass man sich gegen ein Verbot entschieden habe, weil das symbolisches Handeln wäre statt einer wirklichen Auseinandersetzung: „Da läuft man Äußerlichkeiten hinterher, ohne sich dem Problem zu nähern.“ Das Problem macht die Gemeinschaft unter sich aus, der Verein interveniert nur, wenn es gravierend wird. Die Flyerverteiler von der NPD, die einen Steinwurf von der Alten Försterei entfernt seit nicht allzu langer Zeit ihre Parteizentrale hat, haben rasch gemerkt, dass sie im Umfeld des Klubs keinen Platz haben. Als es in der Diskussion unter den Fans um eine Demonstration gegen die neu errichtete NPD-Zentrale ging und die Stimmung zu kippen drohte, beschloss der Verein: Wir nehmen teil. Präsident Dirk Zingler sitzt in der Anti-Rassismus-Kommission des DFB, Sportchef Christian Beeck wirbt für Maneo, ein schwules Anti-Gewalt-Projekt. Unpolitisch heißt bei Union nicht, was die Vokabel häufig zur Schutzbehauptung von Ignoranz macht. Unpolitisch heißt hier, dass es keine Direktiven gibt, sondern dass eine Gemeinschaft ihre Wertvorstellungen unter sich ausmacht.

Dass aus Westdeutschland zugezogene 11-Freunde-Leser den Verein für zu ostig halten, sagt mehr über die Vorurteile der Zugezogenen als über den Verein, der anders etwa als der BFC oder die Berliner Eisbären nicht mit der Herkunft aus dem Ostteil der Hauptstadt kokettiert; er wirbt noch nicht mal damit, ein Berliner Klub zu sein, weil das doch selbstverständlich sei. So wie Forner die zahllosen Aktivitäten beschreibt – das Drachenbootrennen, die jährlichen Feiern für die Exil-Unioner in der Republik, die Jobbörse auf der Internetseite, bei der Fans Arbeit für Fans anbieten, das vereinseigene Branchenbuch, das Rauchverbot, gegen das eine Kneipenwirtin in Karlsruhe erfolgreich geklagt hatte, „natürlich Unionerin“ – hört sich das an, wie eine gute DDR von unten. Aber DDR darf man nicht sagen.

Spenden und Lernen

Vielleicht sollte man von einer funktionierenden Gesellschaft sprechen. Das beste Beispiel dafür liefert die Arbeitsgruppe Soziales in der FuMA. Conny Laudamus, die als Dozentin in der Erwachsenenbildung arbeitet, leitet die Gruppe, in der sich 15 Ehrenamtliche engagieren. Sie sammeln Spenden für Fans, die sich die Eintrittskarte nicht leisten können; zur Stadion-Eröffnung kamen 1.681 Euro zusammen. Mit Vereinen wie der Treberhilfe werden Projekte organisiert, beim Weltkindertag oder dem Europatag im ebenfalls in der Wuhlheide gelegenen Kinderfreizeitzentrum FEZ macht die AG Soziales Öffentlichkeitsarbeit, stellt Integrationskitas vor. Ein Teil der Arbeit bildet das Lernzentrun, das es auch bei Borussia Dortmund und dem VfL Bochum gibt: In Schulen bietet man Projekttage zu Themen an, die durch Fußball anschaulich gemacht werden wie Alltagsrassismus oder Teambildung. Die Idee dafür stammt aus England und macht recht plastisch, was man vom Fußball fürs Leben lernen kann. Der Verein dient hier als Plattform, um über den Fußball gesellschaftliche Probleme zu vermitteln.

Conny Laudamus kommt übrigens aus dem Westteil der Stadt und ist Union-Fan durch ihren Mann geworden. Olaf Forner sagt: „Der Verein ist wie eine Religionsgemeinschaft, die dazu kommen, sind die Schlimmsten.“ Im Fall von Union Berlin ist das ein Lob.