Gute Nacht, Mutsch

Tatort Hat man so was schon gesehen? Dem Bremer "Tatort: Ordnung im Lot" gelingt mit Mira Partecke in der Hauptrolle die genaue Darstellung einer psychisch kranken Frau

Man erkennt die Welt nicht wieder. Brême macht, was man von Brême lange nicht gesehen hat: einen guten Tatort. Die Folge Ordnung im Lot wird für Diskussionen sorgen, das ist sicher, und die einen werden so sagen, die anderen so, und im Kern wird es dabei immer um Mira Parteckes Sylvia Lange gehen. Die steht gleich am Anfang in dieser Tankstelle bei Nacht, denn Tankstellen, in ihrem Leuchten, sehen vor allem nachts richtig gut aus, und sie hat die Pistole (eine tschechische Ceska, die nach Zwickau eine andere Geschichte erzählt) in der Hand, der Besitzer ist tot, und weil Sylvia Lange psychisch krank ist und Brass auf die Tankstelle hatte, ertappt man sich bei dem Gedanken, was das nur werden soll – wie beim Fußball mit frühem Treffer und gewusstem Ausgang, 1:0 in der 2. Minute, und dann fällt kein Tor mehr. Langweilig.

Und ja, die ersten Minuten, die erste halbe Stunde sind hart, weil man sich erstmal einstellen muss auf diese Sylvia Lange in ihrer unbehandelten Schizophrenie, in diesem Haus, in dem die Schuhe ausgezogen werden müssen (don't try this at bürgerliche Wohnung), die Zeitungen zum Ameisenverbrennen-im-Waschbecken sich neben der Tür stapeln, mit diesem armen Jungen (Vincent Göhre) und diesem rührenden Mann (der große Wolfram Koch), der sich die Schürze umbindet und Suppe kocht. Nach einer halben Stunde guckt Stedefreund (Oliver Mommsen), als habe er auch keinen Bock mehr.

Wenn man sich aber eingestellt hat auf diese Sylvia Lange, wenn man alle schlechten "Verrückten", die Fernsehfilme oder Tatorte bevölkern und zumeist nicht mehr sind als Eitelkeitsnachweise ihrer Verkörperer oder Drehbuchornamente, dann kann man nur so sagen: Wir gehören zu den einen. Ordnung im Lot schert sich um den Krimi, der dieser Film sein soll, relativ wenig. Die Mördervariation wirkt ein wenig wie drangeklatscht, und der Charakter des Toten, Jure Tomic (Mirsad Dzombic), "Mein Mann war ein Alleingänger", macht einen ziemlich mühsamen Eindruck, thank god, dass es um den nur am Rande geht, das wäre andernfalls ein Tatort geworden. Nach den Sveti-Tigern last week nun die Hunde-Jungfrauen-Gefährten der Höhle – im Wissen um die fehlende Gesamtredaktion des Tatort kann einem fast bange werden, welche balkanischen Subkulturen mit Tierbezug noch auszugraben sind. Immerhin ist der Damalto-Kroato-Pop von olle Tomic ("hatte für alles ein Lied") recht entzückend; diese Kulturleistung scheint uns durch das Wirken Dunja Rajters eher unterrepräsentiert zu sein.

500.000-Watt-Tageslichtscheinwerfer

Aber es geht ja nicht um Tomic. Es geht um Sylvia Lange und eine Krankheit, die, und da hauen wir mal einen raus, so noch nicht im deutschen Fernsehen abgebildet worden ist. Üblicherweise motivieren psychische Erkrankungen die Kamera immer zu allerlei wichtigtuerischem Schabernack, hier sind die Bilder klar, schön und subjektiv und nur ein klein wenig ästhetisiert (Kamera: Bella Halben) – wir sehen diesem Fall sogar die krassen Lichteinfälle ins Lange-Haus nach, bei denen die Tagessonne immer durch eine 500.000-Watt-Scheinwerfer-Batterie dargestellt werden muss, damit man im Drinnendunkel die Schattenrisse mit dem Bleistift auf Butterbrotpapier abpausen kann. Mit den Gesichten der Frau Lange wird es nicht übertrieben, der ARD-Nachrichtensprecher Michail Paweletz bekommt hier zwei Auftritte.

Das Buch von Claudia Prietzel und Peter Henning (die auch Regie geführt haben) findet die Krankheit vor allem in der Sprache, die wiederum nur ein Wesen wie Mira Partecke so sprechen kann, dass es weder nach Schultheateraufführung noch nach method "crazy" acting aussieht. Und man muss ausdrücklich die RB-Redakteurin Annette Strelow loben – ein Buch, dessen Dialoge sich lesen mussten wie Kinderquatsch mit Michael, als Film zu realisieren, will uns zumindest als Leistung erscheinen.

"Schizophrenie ist ein Verlust der Beziehung zur Realität", sagt der Psychologe irgendwann, und der Horrorrelativismus einer solchen Wahrnehmung, in der es keine Bedeutungsunterschiede mehr gibt, zeigt sich eben an der verrutschenden Grammatik und Wortwahl von Sylvia Lange. Diese Sätze könnte man hier jetzt endlos zitieren. "Ich fühle einen Art Zorn in mir aufsteigen, aber der Zorn ist einen halben Meter von mir entfernt." "Sie reden von Dingen, die Sie nicht benennen." "Ich sehe ihre blonden Haare oder ist da etwa eine Perücke im Spiel?" Weil sie immerzu schwanken zwischen einer Schönheit, die den Blick auf die Konstruktion der Sprache erst wieder eröffnet, und reinem Unsinn. Mira Partecke spricht eine Sprache, als spräche sie sie zum ersten Mal, und weil sie das so ernsthaft und genau tut, kommt man dauernd ins Grübeln, manchmal ist sie gar politisch: "Sonne, Wasser, Licht, ist alles vorhanden, aber die Menschen sind gierig." Und die Dialoge, das ist auch ein schöner Nebeneffekt, die sonst so effizienzgetrimmt auf Frage-Antwort hinauslaufen, als ob McKinsey das Drehbuch-Lektorat besorgte, sind hier sonderbar verzögert.

Woran der Ordnung im Lot scheitert, vielleicht sogar scheitern muss, ist die Dramaturgie. Es braucht sehr lange, um in die Psyche von Sylvia Lange einzführen, so dass die erschöpfte Abkopplung des Vaters und des Sohns von diesem Leben feat. das grausame "Aussetzen" auf der Autobahn, weil kein Gesetz sonst greifen würde, zu eilfertig erscheinen mag – in Wirklichkeit dauert dieser Prozess wohl Jahre und nicht 45 Minuten.

Einen Wunsch, den Peter Hacks hätte äußern können: "Für mich gern einen Tee."

Eine Beobachtung, die in Venedig und auf Hiddensee verdächtig machen würde: "Haben sie draußen ein Auto gesehen?"

Ein Bild, das die Einsamkeit des Menschen vor Augen führt: "Entschuldigung, Sie können nicht in mich rein."

21:45 12.02.2012
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