Guten Morgen, Deutschland

Polizeiruf Von hundert auf null: Marvellous Meuffels (Matthias Brandt) gibt im sendeplatzgedissten zweiten Polizeiruf aus München den Seelsorger der verlorenen Herzen

Papst in the house, und wenn ihn irgendjemand fragen sollte, wo waren Sie heute zwischen 22 und 23.30 Uhr, könnte er durchaus glaubhaft antworten: "Vor der Knipse." Es geht nämlich um Religion im zweiten Polizeiruf mit dem Neu-Münchner Kommissar Hanns von Meuffels aka Matthias Brandt. Und das nicht zu knapp. Das Vaterunser wird gleich zu Anfang performt (der große Alexander Beyer), wenn auch in einer eigenwilligen Variante ("Sünde" statt "Schuld"/"Sündern" statt "Schuldigern"). Später kommt wohl noch ein Gebet aus dem Umfeld des Koran hinzu – kann aber auch der Erlkönig in arabischer Übersetzung gewesen sein, da sind unsere Sprachkenntnisse leider nicht so entwickelt. Außerdem hängt marvellous Meuffels im Ausweichbüro nach Schuldsuizid (der große Alexander Beyer) erstmal das Kruzifix ab; kommt eher so mittel in Bayern, und der Papst dürfte an dieser Stelle zum zweiten Mal gestöhnt haben, Scheiß-Reformation.

Wer nach Dominik Grafs Mörder-Auftakt Cassandras Warnung noch druff sein sollte (waren ja leider eher nicht so viele in unserer lieblichen Arbeitsgemeinschaft) – bei Denn sie wissen nicht, was sie tun kommt jeder runter: Würde man die geschätzten Sonntagabendkrimis nach den Maßgaben des Apothekenbiz katalogisieren, Denn sie wissen nicht, was sie tun gehörte zweifelsfrei zur Familie der Sedativa. Was schon deshalb nachdenklich stimmt, weil der amerikanische Film, dessen deutscher Titel hier zitiert wird, doch eher hochtourig lief. Entschleunigung, ja, gut, aber.

Christian Jeltsch, auf dessen letztem Entwurf wir schon nicht so gut klargekommen waren, hat das Buch geschrieben, eine Geschichte so heiß, dass die Verbannung auf den späten Freitagabend durchgezogen wurde (bekanntlich war die Folge für den kommenden Sonntag vorgesehen, wo nun, wer auch sonst, never ending Köln einspringt). Kann man jetzt sagen, Freiheit der Kunst, feiges Fernsehen und so (was naturgemäß stimmt, mit der Begründung, "die durchgängig gehaltene Spannung, durch die Angst vor einem weiteren Attentat, sind für Kinder als problematisch anzusehen" könnte man den Krimi als solchen beerdigen; zumal es noch nicht mal stimmt, die Szenen im Tunnel sind keineswegs spannend, und wer in seinem Leben schon mal Fernsehen gesehen hat, weiß, dass weder Etat noch Moral einen zweiten Anschlag stemmen könnten).

Anarchie ist besser

Aber dass die Strafe einen Falschen trifft, würden wir dann auch nicht behaupten. Wer mit dem Teufel speist, braucht einen langen Löffel. Soll heißen: Wenn die Fiktion schon mit den hottesten Konjunktiven der Gegenwart spielt – Terroranschlag mit islamistischem Background! –, dann bitte nicht so. Zur Bevölkerungsberuhigung ist dieser Polizeiruf jedenfalls nicht gemacht: Da passiert, wovor alle Angst haben, und der Apparat spielt Kindergarten. Was schon deshalb blöde ist, weil so blöd, also auf diese spezifische Weise, sich kein Apparat anstellen würde.

Das im Sonntagskrimi – zum Dissen von denen da oben – beliebte Spiel des Kompetenzgehubers wird hier nämlich derart durchbuchstabiert, dass man sich gelangweilt fragen will, ob Anarchie nicht doch die beste aller Gesellschaftsformen ist. Wozu soll Hierarchie gut sein, wenn sie so jämmerlich Gestalt annimmt wie in diesen drei Pappnasen von Ministerium, LKA und Verfassungsschutz (die große Margarita Broich in undankbarer Rolle), die dumm rumsitzen und den PvD (Rainer Bock) die Arbeit machen lassen, der zufällig gerade auf dem Dienstplan steht? Im Fall des Falles würde man doch davon ausgehen, dass Krisenstäbe konferieren, Spezialeinheiten ausrücken, die Kavallerie unterwegs ist, Experten Szenarien aus den Schubladen holen. Aber hier? Dicke Hose, sonst nichts. Das dürfte auch dem Papst übel aufgestoßen sein.

Wo die Spezialisten versagen, schlägt die Stunde der Generalisten, wie Meuffels einer ist. Der betätigt sich die meiste Zeit als Seelsorger, weswegen wir das "marvellous" eigentlich schon wieder streichen können und besser von Pastor Brandt reden sollten. Stand kaum zu erwarten, dass er dauerhaft die lässig-dezente Position hinter den Spitzen und mit allen Freiheiten aus der Graf-Folge würde behaupten dürfen. Aber dass Meuffels so rasch an die vorderste Front des Emo-Quatschs überläuft, ist doch etwas arg. Der schnepfigen Einsatzleiterin zeigt er, was ne Harke ist (Sie: "Warum weiß ich das nicht?" – Er: "Weil sie nicht zuhören können"), den jungen Selbstmordattentäter, der seinen eigenen Anschlag zumindest fast über die quälende Länge dieses Polizeirufs überlebt, bearbeitet er abwechselnd mit väterlicher Güte ("Hänschen klein") und väterlicher Strenge.

Knallharte Parodie

Lustig daran ist nur, dass Brandt und Sebastian Urzendowsky, der den Peter "Mahmud" Nasiri spielt, schon mal Vater und Sohn waren in diesem Willy-Brandt-Guillaume-Affären-Zweiteiler, in dem Matthias Brandt den Verräter seines realen Vaters gespielt hatte und Urzendowsky dessen Sohn. Urzendowsky hat zwar lockig-schwarze Haare, aber passt er damit schon in das Bild islamistischen Attentäter, das hier zugrundeliegt?

Die Geschichte von "Denn sie wissen nicht, was sie tun" ist mit dieser Unschärfe recht gut beschrieben: Lass es nur so ähnlich aussehen, dann wird's schon stimmen. Dabei ist die Variation eines Themas, die den Sonntagsabendkrimi beherrscht, weil alle Kriminalfälle dieser Welt schon tausendfach erzählt sind, hier fehl am Platz: Bei einem solch outstanding Ansatz wie Terroranschlag sollte man vielleicht erstmal das Format definieren, damit spätere Bearbeitungen abweichen können. Also entweder knallharter Ernstfall (dann aber bitte mit Polizeiarbeit, wie sie Graf so schön gezeigt hat nebenher) oder ernsthafte Parodie (wie, zumindest im Ansatz, bei dem britischen Film Four Lions, der im Frühjahr im Kino lief).

So wie Peter "Mahmud" sich anstellt, wäre das eher ein Fall für die Parodie gewesen (ein liebloseres Bekennervideo hat man selten gesehen), aber da ist der pathetische Emo-Quatsch vor, den Hans Steinbichlers zähe Inszenierung dehnt: Jeder – von der Fernsehfrau bis zur Handys einsammelnden Polizistin –, der mit dem Anschlag in diesem lausigen Endzeitkulissentunnel (in dem viel weniger Leute rumliegen, als bei der Explosion drin waren – der Polizeiruf scheitert an seinem Großereignis auch wegen der Armut der Mittel) in Berührung kommt, ist umgehend kontaminiert von Gefühl. Der Attentäter zitiert irgendwann den Pastorenkommissar, und die Familie rückt an zum letzten Defilee. Die wahnhaften Überzeugungen, die einen Menschen zum Selbstmordanschlag treiben, hätten wir uns etwas wahnhaft-überzeugter vorgestellt – weshalb die Momente, in denen Peter "Mahmud" seine Überzeugungen loswerden will, sehr leichtfertig rüberkommen. Bei der Erwähnung des Kindermörders konstruiert er rasch das "Ihr", das das Motiv seiner Tat erklären soll, um dann eine Agenda von Sozialpolitik herunterzurasseln (Seniorenbetreuung, Hartz-IV-Sinnerfüllung), mit der SPD, Linke und ein Teil der Grünen bei der nächsten Bundestagswahl Angela Merkel feat. Philipp "Denkverbot" Rösler ablösen wollen.

Der Narr, der Narr

Das Hochamt der Gefühle, das dieser Polizeiruf zelebriert, wird am anschaulichsten in der pathetisch-philosophischen Pförtner-Figur (Sigi Zimmerschied), die eigentlich Potential hätte als bayrischster Bayer, in dieser Auslegung aber an gruseligste Vorstellungen vom Narren, der die Wahrheit spricht, erinnert. Sabine Sauer, die verdiente Fernsehfrau, führt überdies vor, wie schwer es fällt, vor der Filmkamera, das zu machen, was sie von der Fernsehkamera immer macht: In den Aufnahmen, die sie beim Drehen zeigen, redet sie etwas, bei dem man sich mit gutem Willen ausmalen kann, dass es ein Fernsehbericht sein soll ("Was ich zwischen den Zeilen raushören konnte"), während die Aufnahmen, die sie im Fernsehen zeigen, so aussehen wie im Fernsehen. Das ist die Lehre des Reinhold Beckmann: Method acting des eigenen Selbst geht nicht gut aus.

Sleep well in your Bettgestell, ol' Papst.

Ein Trick, den man sich merken sollte: das Wischmoppklemmen zur Ausschaltung des Rauchmelders

Ein Fantum, das gewisse Leser dieser Diskussionsgrundlagen freuen wird: "Liverpool FC" (Meuffels)

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23:30 23.09.2011
Geschrieben von

Ausgabe 41/2021

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