Hansen und Lewandowski

Polizeiruf Dynamische Folge mit prickelnden Männlichkeitsentwürfen: Blackjack Bukoff (Charly Hübner) muss in Rostock mal ohne LKA-Frau König ran - "Einer trage des anderen Last"

Zu den nicht unbedeutenden Schulen der hier performten Wahrnehmung gehört, die meisten werden es erkannt haben, naturgemäß Gert Prokops Kinderbuchklassiker Detektiv Pinky. In dem löst ein Waisenjunge Fälle klassischen Zuschnitts für zumeist reiche Leute im fiktiven amerikanischen Kittsburgh, die zur Entlohnung ein Tier für den örtlichen Zoo spenden. Pinky repräsentiert das Gesetz nicht, unterhält zu ihm aber gute Beziehungen (festnehmen kann immer nur die Polizei), weshalb sein Blick auf die Polizei dem des Tatort/Polizeiruf-Zuschauers vielleicht nicht unähnlich ist: Sympathie aus der Distanz.

In Fall 7 macht Pinky, dessen erster Ansprechpartner logischerweise der väterliche Polizei-Chef Captain Henderson ist, nun die Bekanntschaft von Sergeant Blackjack, der eigentlich einen anderen Namen trägt, wegen seines kanonischen Anscheißertums aber nach einem Totschläger genannt wird. Die erste Begegnung ist unangenehm. Bei der zweiten in Fall 8, wenn Pinky den Respekt von Blackjack gewonnen hat, geht das Treffen besser aus: Er begegnet dem Sergeant vor der Post, die ihm einen Brief nicht aushändigen will – bis eben der zufällig vorbeikommende Blackjack reingeht und den Laden mal eben zusammenfaltet.

Blackjack ist die vielleicht interessanteste Figur des Kittburgher Polizeiapparats, die kräftigste Abweichung vom Henderson-Standard: ein Choleriker, der zwar hier und da nicht den Amtsweg einhält (die Action auf der Post), dabei aber zweifellos in den Diensten der Ordnung steht, deren Uniform er trägt, ein Anschnauzer des Guten. Kategorisch ist solch eine Figur schwer zu verteidigen, weil man ihr immer zugestehen muss, allein zu wissen, wie weit sie für das Gute (die Aufklärung) gehen kann. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass in solcher Raubeinigkeit ein älteres Modell von Mann und Gesetz Eingang gefunden hat, nämlich der Cowboy, der in Fragen von Ordnung und Moral im Vorfeld der urbanen Institutionen agierte.

Ab hier ist Polizeiruf

Warum das alles erzählt werden muss, liegt auf der Hand: Charly Hübners Bukoff in Rostock ist naturgemäß genau solch eine Blackjack-Figur. Und das kann die Folge Einer trage des anderen Last (kein Titel, der sich mit Ruhm bekleckerte, was man schon daran sieht, dass er besser zu dem Lothar-Warneke-Film mit der großen Karin Gregorek passt, zu dem er gehört) mustergültigst vorführen, weil Frau König (Anneke Kim Sarnau) gleich am Anfang angeschossen und ins Koma versetzt wird.

Man hat es also ausschließlich mit Männern zu tun, wobei das Fallumfeld feat. le Knast bis auf die Bordsteinschwalbe Rita Kemper (Beate Prahl) und die resozialisierte Stressica (die große, letztes Jahr mit 26 Jahren verstorbene Maria Kwiatkowsky in ihrer vorletzten Rolle) daran einen nicht geringen Anteil hat. Eine Folge mit Testosteron, das auf Polizeiseite neben der elaborierten Haudrauf-Variante von Bukoffs übernächtigtem, fettfingrigem, strähnigem Hardcore-Bass auch Pöschels (Andreas Guenthers) hagestolzer Lumich, der formalpatriarchale Chief Röder (mit herrlicher Helmut-Kohl-Gedächtnisbrille in Gold: der große Uwe Preuss) und selbst noch der langhaarige, um Ausgleich bemühte Volker Thiesler (Josef Heynert) versprühen. Thiesler ist nicht nur wegen seiner fancy Gekippter-Bürostuhl-Sitzflächen-Kopfkissen-Schlaftechnik die Entdeckung dieser Folge.

Bukoff also faltet ein ums andere Mal zusammen, duzt grundsätzlich und erinnert ans Animalöse, wo er dem verduzten, Armani tragenden Kleinstadtzampano Fred Hansen (Hans Löw) ins Gesicht sagt, dass er ihn riechen könne, worauf Thiesler wie bei einem verbissenen Kampfhund "aus" rufen muss, um Bukoff loszueisen. Sichtbar am Vergleich mit Sergeant Blackjack wird aber, dass Bukoff trotz aller Bulligkeit ein krisenhafter Mann ist. Wo der ältere Blackjack zu Hause eine Frau hat, die man sich tendenziell die Hoheit übers Heim mit dem Nudelholz verteidigend vorstellen muss (ihm drohte Übles, wenn er die Briefmarken nicht wie aufgetragen mitbrächte, derentwegen er eigentlich zur Post gekommen war), steht die Beziehung selbst nie in Frage, hat Blackjack alle Freiheiten bei der Gestaltung seines Arbeitsaufkommens.

Hört bald die Ehe auf?

Bei Bukoff dagegen deutet sich an, dass dieses Modell weiblicher Pflichtschuldigkeit heute nicht mehr so funktioniert. Denn nebenher führt das König-Koma zu ein paar Schuldgefühlen (Bukoff hatte sie beim Einsatz nicht richtig gedeckt), die auch irgendwas mit Liebe zu tun haben. Und das schlägt dann auf die Beziehung zur eigentlichen Frau (Vivien: Fanny Staffa) und Familie. Als Vivien den auf dem Revier dauerübernachtenden Bukoff besucht, drückt der den Riesenstrauß für Frau König, der jeden Tag der Ermittlungsstand ins Unterbewusstsein geredet wird, Thiesler in die Hand ("Kannste mal halten"). Man muss kein Paartherapeut sein, um zu merken, dass der Haussegen schief hängt – und wer nicht der allerallergrößte Fan von Frau König ist (to confess: me), in deren Wohnung "Sprüche" wie "Fuck you you fucking fuck" rumhängen, wird bang darauf schauen, dass hier etwas den Bach runtergeht, was man lieber blühen sähe.

Gleichzeitig ist die Vivien-Figur zu selten und zu unterkomplex am Start, um wirkliche Sympathie wecken zu können beziehungsweise wird ihr Zurückstehen hinter dem Mann eben nicht mehr mit Distinktionsstolz im Häuslichen entlohnt, wie das in früheren Jahren der Fall war: Vivien will auch erzählt kriegen, was Bukoff Frau König erzählt hat (die daraufhin ihren Bericht zu seinen Gunsten formuliert wird, womit der Cliffhanger der Grundkonstellation – sie begutachtet ihn – ohne großes Aufheben gelöst wäre). Das wäre der Frau von Sgt. Blackjack schnurz gewesen, abgesehen davon, dass ihr Mann solche Mitteilungsgefühle vermutlich eh nicht aufgebracht hätte.

Der Fall in Einer trage des anderen Last (Buch: Eckhard Theophil, Regie: Christan von Castelberg, Head-Autor: Eoin Moore) verliert nach anfänglichem Powerwusel (Geldtransporterüberfall, König-Koma, Altfall, Verbrechensgenealogien) gegen Ende zwar etwas von seiner Dynamik, kann aber überzeugen. Am meisten in der Sprache, die in Bukoffs Sinne hier von einer Direktheit ist, wie das Gefängnis sie lehrt ("Hast du den Hirnschaden von Hause aus?", "Furzkoje", "Eierfeile"). Auch die einzelnen Rollen sind auf schöne Weise drüber: angefangen von diesem apathischen Kevin-Stressica-Vater Rudi (dass, wer im Fernsehen Fernsehen schaut, so häufig Tierdokumentationen schaut, wäre auch noch mal zu verfolgen) über diesen "kranken" (Bukoff) Vorstadtschläger Lewandowski (Gerdy Zint) bis zum kunstsinnigen Stronach und dem irgendwie auch melancholischen Mannheimer, die von Mitgliedern der ersten oder zumindest frühen Castorf-Generation gespielt werden, denm großen Hendrik Arnst und dem nicht minder großen Uwe Dag Berlin. Mit Sorge schauen wir, neben Bukoffs Baustellen, dagegen nur auf Pöschel. Der ist, anders als der Blackjack-Typus, ob seines überzogen eitlen Selbstentwurfs unfähig, Fehler zuzugeben, was für Ermittlungen in der Gruppe nicht die beste Voraussetzung ist.

Das wird noch mal bös' enden.

Christian Wulffs Vermächtnis: "Ich hab noch nie für Extras bezahlt" (Pöschel)

Ein Hinweis, der in nördlicheren Regionen an Aussagekraft verliert: "Wenn's dunkel ist, ist Nacht"

Eine Frage, die man sich viel zu selten stellt: "Was sieht jeder?"

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21:45 19.02.2012
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Ausgabe 38/2020

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