Matthias Dell
27.07.2011 | 11:55 5

Heimlichkeitsmanager

Filmkritik "Portraits deutscher Alkoholiker": Das klingt nach Menschen mit aufgeschwemmten Gesichtern, die aus ihrem Leben erzählen. Carolin Schmitz zeigt etwas ganz anderes

Und schließlich sagt einer: „’89 habe ich mit der Therapie angefangen.“ Und das ist ein wenig irritierend, weil man „1989“ gewöhnlich nicht sagen kann, ohne irgendetwas zu den politischen Ereignissen von 1989 zu sagen. In Carolin Schmitzens Film Portraits deutscher Alkoholiker steht dieses „’89“ aber einfach so da – als Wegmarke in einer Lebensgeschichte, über die der Zuschauer wenig weiß.

Das ist ein Effekt, der den Stil von Portraits deutscher Alkoholiker gut beschreibt. Anders als der Titel nahelegt, kriegt man die sechs Protagonisten des Films nicht zu sehen, im Abspann sind ihre Namen anonymisiert. Carolin Schmitz kombiniert die Erzählungen der Süchtigen stattdessen mit Bildern deutscher Wirklichkeit: Landschaftsaufnahmen, Flughafenaufnahmen, Krankenhausaufnahmen, Kleinstadtaufnahmen.


Portraits deutscher Alkoholiker ließe sich einem, wenn man das so sagen kann, Subgenre des Dokumentarfilms zurechnen, das Birgit Kohler vom Berliner Arsenal kürzlich „Performing Documentary“ genannt hat; definiert worden wäre es von dem Film Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? (2004), einer detailversessenen Wirtschaftswunderschattengeschichte des früh verstorbenen Gerhard Friedl.

„Performing Documentary“ heißt, die Zweifel an der Abbildbarkeit der Welt in Abstraktion und Fragment zu verwandeln. Es geht darum, den alten Geschichten zu entkommen, den Bildern nicht zu glauben, die man immer schon vor sich sieht, wenn man nur einen Titel hört. Portraits deutscher Alkoholiker klänge dann nach Menschen, die auf Couches oder vor Bücherregalen sitzen und aus ihrem Leben erzählen. Es wäre diesen Menschen anzusehen, was die Sucht mit ihnen gemacht hat, aufgeschwemmte Gesichter, gerötete Nasenspitzen, und gleichzeitig würden sie alle von einem Standpunkt des Geläutertseins aus sprechen: das eigene Leben als Geschichte eines tiefen Falls und später Rettung oder wenigstens Stabilisierung.

Eine faszinierende Orangenentsaftungsmaschine

Carolin Schmitz verweigert sich in ihrem Film diesen Anforderungen. Die Geschichten der Sucht werden nicht personalisiert und psychologisiert – entgegen der massenmedialen Lehrmeinung, dass man die Welt über Personen und Psychologien am Besten verstehen kann. Der Film fokussiert auf die Sucht selbst, die als eine Sucht nach der Sucht erscheint: Der Großteil der Erzählungen handelt vom Heimlichkeitsmanagement, das die Trinker betrieben haben, um trinken zu können. Von Flaschen, die in Akten oder Eisenbahnplattentunneln versteckt wurden. Ein einstiger Ladenbesitzer beschreibt, wie er auf seiner Kasse immer einen Stapel Briefe liegen hatte für den Fall, dass kurz vor Ladenschluss ein Kunde käme, der ihn davon abhalten könnte, noch Alkohol zu besorgen – in diesem Fall habe er sich kurz verabschiedet unter dem Vorwand, die Geschäftspost noch einwerfen zu müssen und gleich zurück zu sein. Dass es viel einfacher gewesen wäre, den Alkohol bereits vorrätig zu haben, lässt die absurde Komplexität von Sucht erkennen.

Es ist nicht leicht, Portraits deutscher Alkoholiker zu schauen, weil Bild und Ton scheinbar eigene Sache machen. Sich dieser Zumutung auszusetzen, ist aber ein lohnendes Unterfangen, schon weil das einzige Bild, das zweimal zu sehen ist, so eindrucksvoll ist: eine faszinierende Orangenentsaftungsmaschine, die beim zweiten Mal leer läuft, weil keine Orangen mehr zur Verfügung stehen.

Kommentare (5)

Columbus 27.07.2011 | 21:44

Den Film Schau´ ich mir unbedingt an. Prima Hinweis. Für mein Gefühl, auch sehr schön geschrieben, bzw. kunstvoll dem Film abgeschaut. Grüße Christoph Leusch

PS: Manche Nachtaufnahme in eine Klinik erfolgt, wenn die umständliche und unmögliche Zeit, noch irgendwie an Sprit zu kommen, abgelaufen ist und selbst der Fußweg zur Tanke nicht mehr gefunden wird.

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Ehemaliger Nutzer 27.07.2011 | 23:43

Man muss nicht nur den Film sich anschauen, die Wirklichkeit dieser Tragödie sieht man in diesem Land überall.
Ich bin der Meinung, dass Deutschland zu den Ländern mit dem meisten Alkoholkonsum gehört.
Es ist erschreckend, was die Menschen an Kästen und Flaschen aus den Läden schleppen.
Auch die Kontrolle der Jugendlich hinsichtlich Alkoholkonsum ist mangelhaft, weil jeder an dieser Droge verdienen will.
Und so liegt es auf der Hand, dass die Droge Alkohol in diesem Land immer höher wird.

attika62 28.07.2011 | 08:58

Das ist ein gelungener Artikel, der auf einen gewiss sehenswerten Film hinweist. Vielleicht nur eine Ergänzung: Der Ladenbesitzer konnte den Alkohol nicht vorrätig haben, weil er dann getrunken, statt gearbeitet hätte. Kaum ein Süchtiger steht acht Stunden neben einer Flasche Schnaps, ohne zu trinken. Der Mann hat also "nur" seine Sucht so kontrolliert, dass ein soziales Leben noch möglich war. Was hier geschildert wird, ist nicht die absurde Komplexität, sondern die bittere Logik der Sucht.

LuGr 30.07.2011 | 20:51

Die Geschichten der Sucht werden nicht personalisiert und psychologisiert – entgegen der massenmedialen Lehrmeinung, dass man die Welt über Personen und Psychologien am Besten verstehen kann. Der Film fokussiert auf die Sucht selbst, die als eine Sucht nach der Sucht erscheint

Ich kenne den Film (noch) nicht, aber wird das Problem damit nicht "entmenschlicht" und verkommt zu beliebig ausgewählten Daten/Einzelfällen einer Studie? Ich finde es problematisch, einen Dokumentarfilm, also eine "filmische Reportage" um ein Menschen betreffendes Problem nur anhand abstrakter Bilder zu präsentieren. Reportagen leben gerade von den Menschen, dokumentierten und porträtierten Einzelfällen, nicht von den Bildern, die analog Metaphern von Sucht perpetuieren.