Heute Held, morgen Zensor

Rassismus Kevin-Prince Boateng verlässt aus Protest das Feld und der Thienemann Verlag ersetzt diffamierende Wörter – das gleiche Thema, und doch sind die Reaktionen verschieden

Zwei Geschichten sind in der letzten Woche öffentlich geworden. Beide handeln vom selben Problem, und obwohl das so ist, waren die Reaktionen höchst verschieden. Die eine Geschichte wurde als Erfolg gefeiert, die andere als Niederlage gegeißelt. Wie geht so etwas? Vermutlich hat das mit dem Problem zu tun, von dem die Geschichten handeln: Rassismus.

Die erste Geschichte ist die von Kevin-Prince Boateng, einem Berliner Fußballer in Diensten des AC Mailand. In einem Freundschaftsspiel gegen einen italienischen Viertligisten hatte der afrodeutsche Fußballer von rassistischen Beleidigungen genug. Er stoppte mitten im Spiel, griff den Ball und schoß ihn in Richtung der Ränge, von denen die Verunglimpfungen kamen. Dann verließ er das Feld und mit ihm seine Mitspieler. Danach gab es überall Unterstützungsbekundungen, auch von Leuten wie Klubeigner Silvio Berlusconi, den man bislang, vorsichtig gesagt, nicht als antirassistischen Aktivisten wahrgenommen hatte.

In der zweiten Geschichte fehlt diese Zustimmung, dabei geht es auch um ein Zeichen gegen Rassismus. Die taz hatte am Wochenende verkündet, dass der Thienemann Verlag, der die Bücher Ottfried Preußlers verlegt, eine Neuausgabe von Die kleine Hexe plant, in der mit Einverständnis der Familie des Autors rassistische Begriffe wie „Neger“ nicht mehr vorkommen.

Das übliche Arsenal

Die Reaktion? Ein Shitstorm. 200 Mails seien am Wochenende eingetroffen, sagte Geschäftsführer Klaus Willberg, davon über 90 Prozent harsch ablehnend. „Politische Korrektheit“, DDR, Zensur, Orwell, kurz vor der Bücherverbrennung – das übliche Arsenal an scheinbaren Argumenten gegen solche „Säuberungen“, wie Irmtraud Gutschke im Neuen Deutschland allen Ernstes meinte schreiben zu müssen.

Boateng finden alle gut, den Thienemann Verlag die meisten doof. Wie geht so was? Die Erklärung für die Zustimmung für Boateng hat viele Gründe. Der wichtigste ist vielleicht, dass sich das Problem auf eine Gruppe Fans abwälzen lässt, „Idioten“, wie sich das Fernsehen in anderen Fällen distanzieren würde. Es ist in diesem Fall so leicht und klar, Boatengs Aktion beizupflichten, dass selbst Berlusconi darauf kommt.

Bei Preußlers Büchern kann man den Rassismus dagegen nicht so leicht verorten und isolieren. Er betrifft quasi jeden Fan, und von denen gibt es bei Preußler – nicht zu Unrecht – nicht wenige. Deshalb fühlt sich auch Irmtraud Gutschke angegriffen, anstatt eine Erfolgsgeschichte zu vermelden. Eine Frage, die es auszuhalten gilt, lautet also: Kann jemand ein toller Kinderbuchautor sein und trotzdem diffamierende Begriffe verwenden? Ja, das geht. Es hat vor allem mit der Zeit zu tun, in der die tollen Kinderbücher geschrieben wurden, weshalb eine überarbeitete Neuausgabe nur konsequent ist. Im literarischen Geschäft ist das alles andere als unüblich.

Der in diesem Zusammenhang gern geäußerten Sorge, dass nur hermetische Werktreue den Kindern von heute die schlimme Welt von gestern nicht vorenthalte, kann beruhigend entgegnet werden: So schön, wie die einzelnen Aktionen sind – es wird noch viele Boatengs und Thienemann Verlage brauchen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie stark unsere Kultur, unsere Geschichte und unser Alltag von Rassismen geprägt sind. Auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen, weil es unangenehme Gefühle produziert: Wer ist schon gern ein Idiot?

09:41 12.01.2013

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