Hochzeit

Im Kino In Barbara Gräftners Film »Mein Russland« kommt der Osten in den Westen

Wäre das Kino eine Wetterkarte, dann ließe sich für den mitteleuropäischen Raum starker Wind aus östlichen Richtungen konstatieren. In Deutschland hatte Andreas Dresens Film Halbe Treppe 2002 nach Jahren des Berliner Produktions-Zentralismus als erster erfolgreich die Reise in das Grenzgebiet von Frankfurt/Oder angetreten. ORB und Das kleine Fernsehspiel des ZDF haben etwa zeitgleich die Kooperation Ostwind vereinbart. Hier sollen Filme unterstützt werden, die ihren Blick auf die Wirklichkeiten im Osten Deutschlands sowie Europas richten, derzeit werden die ersten Ergebnisse nach ihrer Kinoauswertung im Fernsehen präsentiert.

Eine zunehmende Neubestimmung der geographischen Lage ist auch in Österreich auszumachen. Im letzten Herbst schickte Andrea Maria Dusl in Blue Moon Josef Hader im Cadillac bis nach Odessa, nun hat Barbara Gräftner das Muster verkehrt. In ihrem Debütfilm Mein Russland kommt der Osten zu Besuch.

Der junge Wiener Gastwirt Hans (Holger Schober) will die Russin Anna (Natalia Baranova) heiraten, weshalb sich Mutter Olga, Onkel Sergej, Sohn Anton und die schwerhörige Großmutter aus der Ukraine auf den Weg nach Wien gemacht haben. Die Fäden bei der Familienfeier zieht allerdings die Mutter des Bräutigams: Die Bankangestellte Margit (Andrea Nürnberger) ist die stärkste Figur des Films - und die rätselhafteste. Ihre großen Augen wirken abwechselnd wahnhaft-leuchtend und offenherzig-strahlend. Sie trägt eine schwarze Perücke, die immer den Eindruck erweckt, als könnte unter ihr Margits Geheimnis versteckt sein. Gelüftet wird es nie.

Das erste öst-westliche Treffen ereignet sich als Neuauflage der Begrüßungsgeld-Wochen nach dem Mauerfall. Den Willen zur Freundlichkeit begleitet die Skepsis gegenüber dem Fremden. Sie ist ganz nett, die Verwandtschaft, aber muss der kleine Anton vor den Augen seiner künftigen Oma rohe Eier verspeisen? Es gibt eine Reihe solcher Szenen, ob im Baumarkt oder am Essenstisch, wo der entschieden geäußerte östliche Standpunkt auf die anscheinend politisch korrekte westliche Rücksicht trifft, die die tatsächlichen Vorurteile nur mangelhaft überdeckt. Als Annas Familie sich auf dem Prater mit exzessiven Büchsenwerfen begnügt, statt die Neuerungen des Jahrmarktwesens auszuprobieren, meint Margit: »Das kennen die von daheim.« Als sich Anna bei den Armaturen fürs eheliche Bad für Goldverzierung entscheidet, kommentiert wiederum Margit: »Dir gefällt alles, was Gold ist und glänzt.« Durch die blasiert wirkende Wiener Mundart scheint abschätzig, was genauso gut eine Feststellung sein könnte. Aber Zwischentöne sucht man Mein Russland vergeblich.

Dementsprechend schwingt sich die Handlung noch in dramatische Höhen auf. Margit, deren Lebensgefährte in der Mitte des Films verschwindet, fängt ein Techtelmechtel mit Sergej an, und Hans will seine Wirtschaft zum Nachtclub mit Go-Go-Tänzerinnen umfunktionieren. Damit trifft er bei Anna auf wenig Verständnis, die Hochzeit droht zu platzen, und die Familie will abreisen, was allerdings Margit durch einen inszenierten Unfall zu verhindern weiß.

Das Problem von Barbara Gräftners Film ist, dass er seine Geschichte unentschieden vorträgt. Der Ton der Inszenierung ist so disparat wie die Bilder der reißschwenkenden Digital-Kamera: Manchmal kann man nicht recht erkennen, worum es gehen soll. Mein Russland scheint einerseits Realismus heischendes Sozialdrama sein zu wollen und andererseits bitterböse Groteske, was leider zwei Genres sind, die sich schlecht miteinander vertragen. Die kulturellen Eigenheiten etwa wirken auf der realistischen Ebene viel zu grobschlächtig, während sie als groteske Parodie von gegenseitigen Vorurteilen durchaus funktionieren. So hemmt sich der Film selbst, indem er seine Figuren das Potenzial nicht ausleben lässt, das er ihnen zugesteht. Das gilt für Anna, die als Bindeglied zwischen ihrer Vergangenheit und Gegenwart balancieren muss; vor allem aber trifft es auf Margit zu. Wenn beim zweiten Abend in ihrem Haus die Gäste nicht mehr bereitgestellte Hausschuhe anziehen müssen, scheint tatsächliche Toleranz zu walten. Ihr Buhlen um den kleinen Anton, um den sie sich kümmern und dem sie eine teure Privatschule bezahlen will, lässt dagegen fast teuflische Pläne erahnen. Am Ende beschreibt sie mit flackernden Augen »ihr« Russland, das sich noch immer kein Stück von der Ivan-Rebroff-Doktor-Schiwago-Folklore entfernt hat. Was das außer dem offensichtlichen Affront besagen soll, bleibt offen.

00:00 21.03.2003
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