Ich bin gut

Tatort Das Beste vom vorletzten und letzten Mal: Mit "Borowski und der stille Gast" fährt Kiel weiter im gelben Trikot des "Tatort"-Pulks. Nur Sarahs enthüllte Krankheit saugt

"Dieser Film ist der direkte Anschlussfilm an Borowski und der coole Hund, in dem ich ein paar Fragen offen lassen konnte, die ich nun beantworten darf. Dadurch konnte ich die Filme eng miteinander verknüpfen und ihnen eine größere innere Kontinuität geben, wie sie sonst nicht üblich ist." Erklärt Regisseur Christian Alvart im Presseheft zum jüngsten Kieler Fall Borowski und der stille Gast.

Und das ist natürlich ein schöner Schmarrn, den auch der Pleonasmus "direkter Anschlussfilm" nicht aus der Welt kriegt: Das Abenteuer mit dem alten Schweden lief vor neun Monaten im Fernsehen und nicht vor einer Woche, und welches Zuschauerhirn soll jetzt, bitteschön, Boros (Axel Milberg) Auftaktanfahrt via Brücke als Rückkehr aus Schweden von der Beerdigung Enbergs erinnern und nicht für irgendeine Auftaktfahrt in diesen Tatort hinein halten? Auch auf die Gefahr, sich zu wiederholen: Der Tatort ist eine Reihe, keine Serie.

Von der anderen offene Frage, die Alvart nun endlich beantworten kann, hätten wir uns gewünscht, dass sie nie gestellt worden wäre, allerdings aus anderen Gründen: die ominöse Krankheit von Boros Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die Samuel Finzis Gerichtsmediziner lexikalisch an einem Gehirn erklären darf. Es mag ja in Ordnung sein, dass Epilepsie einmal einer breiteren Öffentlichkeit dargelegt wird, und womöglich ist es allein unserer Ignoranz geschuldet, dass uns diese Breite nervt und pflichtschuldig vorkommt.

Problembärin vom Revier

But, wir sehen das Problem nicht. Soweit unser nicht übermäßiges Wissen reicht, ist Epilepsie in den meisten Fällen doch relativ gut zu handlen mit der richtigen Medikation (was ja auch nur eine Metapher für das Verhältnis des Einzelnen zum Leben en général ist). Warum trägt Sarah Brandt also nicht einfach ein kesses "Epileppi, aber happy" auf den Lippen, und fertig ist die Laube, statt sich hier großdramatisch-cliffhangerhaft pathologisieren zu lassen als die Problembärin vom Revier?

Zumal, und das wäre neben unserer möglichen und widerlegbaren Ignoranz, die eigentliche Kritik an diesem "Geheimnis", diesem Persönlichkeitstool, das die Komplexität der Figur erhöhen soll: Es ist doch eh' nur Drohung und Behauptung einer Achillesferse. Kaum vorstellbar, dass ein upcoming Tatort mit Sarah Brandt am Steuer Boro in einen verheerenden Autounfall führen würde, weil sie plötzlich einen Anfall bekommt. Oder dass Boro umkäme, weil Sarah aufgrund eines Anfalls ihn im Feuergefecht nicht decken kann. Vor solchen Kalamitäten schützt doch jedes Drehbuch, also braucht das Drehbuch hier auch nicht so zu tun, als ob von dieser Sarah Brandt irgendeine Gefahr ausgehen könnte.

Und so bleiben wir bei unserer genderpsychologischen Anamnese: Sarah Brandt hat die Krankheit vor allem, damit der Mann an ihrer Seite auch noch was zu tun haben darf, etwa über sie walten. Allein wie Sarahs Los hier in Boros Hand gegeben wird, um zu entscheiden, ob der den Daumen hebt (Schladitz nichts sagt) oder senkt (Schladitz was sagt), hat etwas unangenehm Schöpfer-Puppe-Haftes. Und wenn man gerade am Anfang sieht, wie Sarah Brandt abgeht bei ihren Ermittlungen in diesem Internet (ob oder wie das erlaubt sein kann, wäre vielleicht ein spannenderes Konfliktfeld) und der Rest vom Revier nur so staunend drumrum steht, dann hat doch keiner mehr Respekt vor Hierarchien oder Qualitäten wie Intuition, Erfahrung oder Spürsinn. In der Welt, in der Sarah Brandt ermittelt und die der unseren vielleicht nicht ganz unähnlich ist, geht es vor allem technisches Know-how. Also das Anzapfen der Überwachungsmöglichkeiten des digitalen Lebens für eigene Zwecke.

Mourinhos Mannschaft

Und dieses Know-how macht den Reiz von Borowski und der stille Gast zu einem Großteil aus, der, bevor hier ein falscher Eindruck entsteht, schon sehr weit vorne ist im Feld der aktuellen Tatort-Produktion. Um nicht zu sagen: Kiel ist momentan state of the art. Dass unsere Begeisterung nicht ganz so begeistert ausfällt, wie sie dem Niveau entsprechend ausfallen müsste, liegt vielleicht auch daran, dass es sich hier um die Klasse von Real Madrid und Chelsea London handelt, also so kraftmackernden Mourinho-Mannschaften, die die eigenen Muskeln spielen lassen.

Kombiniert wird in Borowski und der stille Gast nämlich der alten Privatradioformel folgend das Beste aus der canonicanonischen Folge Borowski und die Frau am Fenster (Drehbuch: Sascha Arango) und das Beste eben aus Borowski und der coole Hund (Regie: Christian Alvart, Kamera: Ngo The Chau) – den beiden Highlights der letzten Saison. Herausgekommen ist eine schöne Kraftmeierei, die weiß, was sie kann und der man den Perfektionismus in jedem Moment anmerkt. Und deren Stärke bei aller Wucht gerade in der Auslassung besteht, die einen schönen Rhythmus macht.

Schon die Einführung in die Wohnung der toten Carmen Kessler ist herrlich austariert – Wahnsinnsbetrieb, da nicht mit einer Streife, sondern gleich mit einem SEK anzurücken, gleichzeitig aber alles schlackenlos und in nüchterner Stille erzählt bis zu dem irren Moment, den Rollladen aufflexen zu müssen. Mit dieser nervösen Hochrüstung spielt der ganze Tatort, sie verschafft Lars Eidingers Korthals-Figur einen Fame, der so weit reicht, dass man ihr tatsächlich zutraute, durch Wände zu gehen. Vor solcher Anspannung schlägt ein Detail wie Boros Ignoranz gegenüber dem Postboten aka Paketdienstleiter vor Sarahs Haus (ist es nicht das aus der ländlichen Anteaserfolge mit Missjö Früchtetee?), wo schon klar ist, dass die Kollegin the next Carmen Kessler werden soll, fast als Fehler ins Gewicht; wird zum Glück umgehend von Sarah korrigiert.

Facebook auf zwei Beinen

Dass Spannung nicht immer mit Täterraten verbunden sein muss, demonstriert diese Folge eindrucksvoll. Wenngleich man eine gewisse Arango-Mechanik bemerken kann, und sei es nur an den Stellen, an denen alles noch viel scarier sein könnte, zugunsten von ARD, Sonntagabend und so aber rausgenommen wird (dass, nur zum Beispiel, Korthals am Ende den Marsch in die Institution abbläst zugunsten eines Dänemark-Urlaubs).

Für die Qualität der Geschichte spricht allerdings, dass sie auch lesbar wird als etwas, was über den Tatort und Krimifreuden hinausgeht. Im Paketdienstleister (sicco!) Korthals wäre dann der fleisch- aka analoggewordene "Datenkrake" zu erkennen, der im richtigen Leben auf den Namen "Facebook" oder "Google" hört und sich in die real Lifes seiner User einschleicht bis zum Schuhgeschmack, der Kinderbetreuung und einer Totalinfiltrierung, die vor Mord nicht zurückschreckt (als Symbol allergrößter Gefahr fürs eigene Leben), bis die Staatstrojanerin Sarah unterstützt von der Brückentechnologie Boro den Endkampf erfolgreich aufnimmt. Wobei das mit dem Endkampf ja noch nicht so richtig raus ist.

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21:45 09.09.2012
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