Ich bin meine eigene Person

Überlebensfragen Die Soziologin Saskia Sassen erzählt erstmals eine Geschichte, die ihr ferner ist als die Welt: ihre eigene, als Tochter eines SS-Mannes, der Adolf Eichmann interviewte

Es ist natürlich überflüssig, Saskia Sassen in New York zu treffen. Saskia Sassen ist selten zu Hause, allein in Deutschland hat sie im Mai die Bielefelder Niklas-Luhmann-Gastprofessur angetreten und weilte zuletzt in Berlin auf einem Marxismus-Kongress. Zuhause ist bei der Soziologin, deren prominenter Name sich ihren Arbeiten zu den Effekten der Globalisierung verdankt, ein vager Begriff – schon weil es mindestens zwei davon gibt, eine Wohnung in London und die in New York. Wenn beider Reiseprogramme es ergeben, trifft sie zu Hause ihren Mann Richard Sennett, einen nicht minder prominenten Soziologen.

Es ist in diesem Fall vielleicht nicht unwichtig, Saskia Sassen in New York zu treffen, am Washington Square, an einem Samstag zwischen zwei Reisen und mit konstant hohem Arbeitspensum. Denn es soll nicht um die globale Stadt gehen oder das Paradox des Nationalen, sondern um ihre Geschichte als Tochter ihres Vaters: Willem Sassen, Anhänger von Hitlers Nationalsozialismus, Waffen-SS-Mitglied, Journalist, nach dem Krieg mit seiner Familie aus Holland nach Argentinien geflohen, von wo aus er berichtete über Diktatoren wie Stroessner und Peron, mit denen er Umgang hatte, etwa für den Stern seines SS-Kollegen Henri Nannen. Bekannt geworden ist Sassen, weil er Adolf Eichmann interviewt hat, und Eichmann ihm mehr von seinen Überzeugungen erzählte, als er später vor Gericht zugeben wollte.

Der deutsche Filmemacher Raymond Ley hat, basierend auf den Sassen-Interviews, ein Dokumentardrama gedreht, das letzten Dezember in der ARD zu sehen war; Saskia Sassen kommt als Zeitzeugin in Eichmanns Ende zu Wort. Die Recherchen von Ley haben eine Verbindung sichtbar gemacht, die nie verschwiegen wurde, die herzustellen selbst für jemanden, der beider Namen kannte, aber nicht nahe lag.

Saskia Sassen: „Ich habe ein eigenes Profil, ich werde wahrgenommen als diese Global-City-Soziologin, diese Migrationsforscherin, so dass ich nie als Tochter von jemandem assoziiert werden musste. Das ist selbst eine interessante kleine Story. Sie sagt etwas aus über image building."

Wegweiser zur eigenen Geschichte

Saskia Sassens Leben ist Teil des Feldes geworden, auf dem sie forscht. Sie ist eine globalisierte Person, mit keinem Ort verbunden, schon gar nicht mit dem fernen Fluchtpunkt einer Nazi-Biografie. Das Echo der niederländischen Herkunft, das man in ihrem Nachnamen hören kann, wird übertönt vom Sound der Zwangsläufigkeit einer akademischen Karriere, die sich nach den Adressen des Wissenschaftsbetriebs richtet.

„Manche Leute dachten, ich sei die Tochter eines Öl-Magnaten, weil Shell ein holländisches Unternehmen ist. Ich komme viel rum, bin überall, ich kann mich kaum erinnern, an welchen Orten ich im letzten halben Jahr gewesen bin.“

Fragen nach einem Nazi-Vater zu stellen, hat etwas Unangenehmes. Man begibt sich in einen Bereich, in dem man nichts zu suchen hat, auch wenn die Nazi-Vergangenheit monströs ist und der Name prominent. Saskia Sassen macht es einem leicht. Sie will gefragt werden. Sie ist nicht oft gefragt worden zu ihrem Vater; vor ein paar Jahren war sie in einer holländischen Fernsehsendung, dann in dem Film. Die Fragen, die ihr gestellt werden, sind die Fragen, die sie sich nicht gestellt hat, Wegweiser zur eigenen Geschichte.

„Da sind Leerstellen. Und jetzt denke ich manchmal, ich wünschte, ich hätte meinem Vater mehr von diesen Fragen gestellt, die ich gestellt bekomme. Wobei ‚wünschte‘ mehr eine rhetorische Formulierung ist als ein reales Gefühl.“

Der Satz sagt viel über das Verhältnis zur Vergangenheit, das Saskia Sassen unterhält. Die Vergangenheit ist etwas, das sie hinter sich gelassen hat, hinter sich lassen wollte, und dem sie sich nun so annähert wie der Welt: reflektierend, von außen.

„Mein Mann hat einmal bemerkt, ich sei an der Welt viel mehr interessiert als an meiner eigenen Psychologie. Mein Mann sagt, ich habe ein geistiges Leben, insofern ich mich mit Ideen beschäftige und starke moralische Überzeugungen habe, aber ich habe kein psychologisches Leben. Dabei müsste mein Hauptinteresse meine eigene Vergangenheit sein, gerade in den USA. Hier, wo so viele Biografien geschrieben wurden, in denen das für alle Zeit Prägende in der Kindheit passiert und nichts mehr danach.“

Der Zeitpunkt ist: jetzt

Zu spüren ist, dass Saskia Sassen nicht häufig geantwortet hat. Ihre Sprache sucht, die Beschreibungen wirken nicht routiniert, die Lautstärke wechselt vom lauten Lachen über stützendes Bekräftigen und dramatisches Schwelgen bis hin zu staunendem Flüstern, je nachdem, wie nah sie ihrer Geschichte kommt. Das Entscheidende scheint der Zeitpunkt zu sein, an dem Saskia Sassen Antworten gibt. Der Zeitpunkt konnte nicht viel früher sein als: jetzt.

„Ich habe mein eigenes Leben. Ich bin von zu Hause weggegangen, als ich 18 war, ich kam hierher als illegale Immigrantin. Ich spüre so sehr, dass ich mein eigener, autonomer Mensch bin.

Es ist nicht so, dass früher niemand etwas wissen wollte.

„Susan Sontag fragte mich einmal nach meiner Herkunft, und ich signalisierte ihr ein wenig: eine dieser komplizierten Geschichten. Diese Leute, Leute wie Susan Sontag, die forschten nicht neugierig nach: ‚Ach, ja, wirklich? Schießen Sie los!‘ Es ging darum, mich einzuordnen. Ich glaube, sie hat es verstanden.“

Davor die Angst, erkannt, nicht verstanden zu werden, am Anfang, in den USA.

„Ich war in Sorge, verstoßen zu werden. Der Kern von Rassismus: Du bist von anderem Blut! Die Beklemmung, dass sie wissen konnten, dass ich die Tochter von Willem Sassen bin. Ich fühle mich nicht schuldig, nur die Angst vor dem Gefühl, nicht dazugehören zu können, war sehr stark. Je mehr Jahre vergingen und ich das Subjekt wurde, das ich bin, um so sicherer fühlte ich mich.“

Image building. Nicht als Beschönigung, sondern als Sich-Wappnen gegen die Einsamkeit nach dem Schritt aus der Enge.

„Es gibt Leben, aus denen Sie rauswollen. Als ich fünf war, begann ich eine Fantasie zu entwickeln, einen Tagtraum: Was würde es bedeuten, zu gehen und zu überleben? Jedes Mal, wenn ich mit mir allein war, dachte ich darüber nach. Es ging um verschiedene Punkte: die Essensfrage, die Kleidungsfrage, wo würde ich leben, wie würde ich mich schützen? Das war meine Fantasie, ich hatte sie ausdefiniert bis ins Detail, und deshalb war ich bereit, als illegale Immigrantin nach New York zu kommen. Ich war bereit, nur auf mich gestellt zu überleben. Mein erstes Wort war nicht ‚Mama‘ oder ‚Papa‘, mein erstes Wort war ‚Mond‘.“

23 lange Tage

Der Abdruck, den die Biografie des Vaters, im Leben von Saskia Sassen hinterlassen hat, ist schemenhaft.

„Ich war nicht glücklich zu Hause. Meine Mutter wollte weg, sie wollte uns Kinder nach Europa bringen. Meine Mutter war eine Kritikerin meines Vaters, meine Mutter akzeptierte es niemals. Es wurde sichtbar in den Streits, die meine Eltern führten. Deswegen bin ich weg, bevor ich erwachsen war, weil ich wusste, das könnte so weiter gehen für immer.“

Die Eltern lassen sich später scheiden.

„Ich wollte weg. Ich war 16 und begann Geld zu sparen für ein One-Way-Ticket auf einem Schiff. Meine Eltern waren schockiert, aber sie wussten, dass ich es ernst meinte: Alles, was ich will, ist hier rauskommen! Auf dem Schiff log ich: Ich reise mit einer Tante, ihr gehe es nicht gut. 23 Tage lang bis nach Hamburg, von da den Zug nach Amsterdam, wo Verwandte mich abholten. 23 Tage lang, Lunch, Dinner, immer taktische Überlegungen, wo sitzen? Ich konnte nicht zu den jungen Leuten, weil ich zeigen musste, dass ich mit alten reiste. Die alten Leute dachten: So ein nettes, hübsches Mädchen. Niemandem fiel auf, dass ich allein reiste. Ich umgab mich mit einer unsichtbaren Mauer. Weil ich keine Verteidigung gehabt hätte.“

Ein Nachmittag ist zu kurz, um eine Geschichte zu hören. Hier: auch um sie zu verstehen. Vieles ist ungeordnet, nicht gestrafft von wiederholter Erzählung. Ihr Geburtsjahr nennt sie 1947, im Internet steht 1949. Die Frage, wann ihr Vater gestorben sei, macht Saskia Sassen verlegen. Nicht weil es ihr peinlich ist, dass sie es nicht weiß, sondern weil sie es nicht weiß.

„Ich war nicht da, als er starb. Meine Schwester hat ihn beerdigt. Lassen Sie uns überlegen, 2004, 2005, so in der Richtung, kann das sein?“

Vektoren einer Suche

2001, sagt die Wikipedia. Wenn man die Vektoren – ein Wort, dass Saskia Sassen häufig verwendet – ihrer Bewegungen aufzeichnete, käme ein wildes Bild heraus in den Jahren nach ihrer Flucht aus Buenos Aires. Sie reist nach Paris, arbeitet in einer Fabrik, kommt zu Verwandten nach Bayern, landet unter „Bataillonen von Adeligen“, eine Tante, Francisca von Tauffkirchen bemerkt, dass sie etwas anderes braucht, bringt sie nach Italien, dort wieder beste Gesellschaft, aus der sie flieht, Arbeit in der Fabrik, kaum Geld, ziemliche Verzweiflung. Dann New York. Die erste Anstellung in der Provinz, erste Heirat, einziger Sohn, später Karriere, Columbia University, Richard.

„Ich bin eine Wilde, meine Mutter sagte immer: Ich bin so froh, dass du Richard geheiratet hast, weil er dich zivilisiert. Ich bin wirklich ignorant, ungebildet, aber die Leute glauben mir das nicht. Sie nehmen an, dass die Person, die ich war, etwas mit der Person zu tun hat, die sie kennen und die wie alle Europäer gebildet ist. Mein Mann ist schrecklich zivilisiert, er hat schließlich akzeptiert, dass ich unzivilisiert bin. Sie denken vermutlich auch, dass ich übertreibe.“

Noch einmal der Vater. Saskia Sassen sagt, dass er mit keinen „kriminellen Aktivitäten“ in Zusammenhang gebracht worden sei. Sagt, dass er die lokalen Nazis in ­Buenos Aires gehasst habe, wie er Goebbels gehasst hat, der ihn einmal ins Gefängnis werfen ließ, weil er von der offiziellen Linie abgewichen war. Sagt, dass sie zu wenig weiß, dass es missing links gibt in ihrer Geschichte von ihm, etwa das Gerücht, dass er für den Mossad gearbeitet habe. Später entspannt sich das Verhältnis.

„Ich habe mit meinem Vater schließlich Frieden gefunden. Frieden heißt, dass ich an einem Tisch mit ihm zu Abend essen und es genießen konnte. Mein Vater war gut mit meinem Sohn, und mein Sohn liebte meinen Vater. Wir haben ein Haus auf dem Lande, mein Vater besuchte uns einmal im Jahr, er war eigentlich ein Künstler, mein Sohn ist Künstler, so waren sie sich nahe. Mit meinem Mann verband ihn die europäische Kultur, der Wein, gutes Essen. Es war ein Spaß für ihn, mit meinem Mann und meinem Sohn zu sein, gar nicht so sehr mit mir. Es war kompliziert zwischen uns und er wusste das, aber so war es in Ordnung.“

Rascher Abschied. Saskia Sassen ist wieder im Jetzt, also im Morgen, in der Arbeit, vor der Reise. Ihre Geschichte ist ihr etwas fremd. Auch weil sie so merkwürdig ist.

„Es gibt zuviel in dieser Geschichte. Das ist der Grund, warum ich nicht gern darüber spreche. Es ist kompliziert. Als Fiktion würde es bemüht klingen. Wenn ich einen Roman darüber schriebe, würde jeder sagen, das ist so ein unglaubwürdiger Charakter. Aber das bin ich.“

11:00 16.06.2011
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