Ich bring' die Kiste um!

Tatort Rasant geht's los, rasant geht's weiter: In dem Kölner Tatort "Kaltes Herz" über Kinderwohl und Jugendamtsarbeit wird zur Freude des Zuschauers ohne Unterlass ermittelt

Der WDR-Tatort ist vielleicht der pädagogisch wertvollste von allen. Hier werden gesellschaftliche Themen heruntergebrochen auf Erklärungsmuster, Handlungstipps und Diskurssplitter und zwischen den die Ermittlung vorantreibenden Dialogen platziert. Auch in Kaltes Herz fehlt diese Form der politischen Bildung nicht, wenn etwa ein Experte den Kommissaren Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) erklärt: "Kinder werden oft benutzt, um Leerstellen im eigenen Leben zu füllen."

Solche wissenswerten Informationen über den Zustand unserer Lebenswelt bleiben aber randständig in Kaltes Herz. Denn ermittelt wird mit Hochdruck: Von Beginn an sind die Kommissare mit Fall relevanten Fragen beschäftigt, suchen nach dem Mörder des Jugendamtmitarbeiters Steinbrück und der vierjährigen Clara Karstmann, in deren Wohnung Steinbrück erstochen aufgefunden wird, derweil die selbst noch spätpubertierende Mutter Stefanie (Miriram Horwitz) eine flotte Sohle aufs Parkett legte.

Für uns als Apologeten der reinen Lehre (Spannung! Spannung! Spannung!) ist diese Tatort-Folge ein Vergnügen: Statt auf Psychologie, Filmkunst oder derartigen Schmonzes zu setzen, geht es tatsächlich um Ermittlung. Es werden falsche Fährten gelegt und Nebenverdächtige aufgesucht (das drogenabhängige Hascherl, mit dem Steinbrück eine Zeitlang abgehangen hat, ehe ihm das mit der Beschaffungskriminalität zu bunt wurde), aber das Tempo stimmt (Regie: Thomas Jauch). Manchmal ist das Tempo auch zu hoch, um die geschilderten Konfliktverläufe (das Pflegeelternproblem der Familie Küppers, wer sind all die Kinder, wie hat das Hascherl dem Steinbrück Handy und Schlüssel geklaut) sofort zu verstehen, und bei so viel Action kommt es zwangsläufig zu Angaben, die sich überschneiden beziehungsweise widersprechen könnten (wir haben irgendwann aufgehört zu zählen, wann wer am Abend vor der Ermordung Steinbrücks alles vor seiner Wohnung gewartet hat: Hellwig, das Hascherl, Küppers).

Auch scheint uns – es ging so schnell –, dass manche Namen nicht allen Beteiligten geläufig sind: Hellwig (Charly Hübner) meldet sich, wenn das Gehör nicht täuscht, einmal mit Klar am Telefon, Steinbrück, der Marco heißen soll, wird Mario genannt. Aber das nehmen wir hin genauso wie den Umstand, dass der biedere Jugendamtsmitarbeiter Hellwig durch die Art und Weise, wie er reingeschnitten wird, wo immer eine Frage ins Herz der Ermittlungen zielt, relativ früh verdächtig ist. Würden wir mit der schönen 20.40-Uhr-Regel des Tatort-Watchblogs diestaendigereise.de arbeiten (Tätervorhersage), hätten wir auf Hellwig getippt.

Aber es gibt in Kaltes Herz tolle Bilderrätsel, die neben DNA-Checkung und anderen avancierten Techniken der Investigation zum Kerngeschäft des Detektivs gehören: Fotos, Filme, auf denen der entscheidende Hinweis versteckt ist und nur noch erkannt werden muss. Es gibt in Kaltes Herz ferner tolle Schauspieler – Miriam Horwitz als prekäre Mutter ist derartig erfrischend unverstellt, dass man das Arsenal an Verdächtigen fast beklagen möchte, das ihre Auftritte begrenzt; Thomas Lawinky empfiehlt sich, wenn er so weiter altert, für die Darstellung von Diether Krebs im großen, noch zu inszenierenden Diether-Krebs-Biopic (Teamworx, go for it!), und Falk Rockstroh als Jugendamtsleiter trägt sehr krustig sitzende Anzüge. Zum dritten gibt es in Kaltes Herz einen Witz, der nicht nur aus dem gut funktionierenden Zusammenspiel der beiden Kommissarsdarsteller resultiert. Und der bemerkenswert ist, weil Franzi Lüttgenjohann (Tessa Mittelstädt) zum Glück klein gehaltene Schwangerschaftsparallele zum Fall nicht nur zum Scherzen einlädt. Groß ist das Cameo vom Bremer Assistenten Karlsen (Winfried Hammelmann), den Schenk auf dem Gang trifft: "Karlsen, was machst du denn hier?" – "Fortbildung". Hübsch: der running gag mit der Beifahrertür von Schenks dernier cri aus der Asservatenkammer (Ballauf: "Scheiß Tür, scheiß Auto").

Kurzum: So soll es sein.

Ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Antworten: "’n Frosch" (Franzi Lüttgenjohann auf die Frage nach dem Verursacher ihrer Schwangerschaft)

Klassische Angestelltensorgen: "Ich wollte raus, dieses ganze Elend, jeden Tag."

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

21:00 08.07.2012
Geschrieben von

Kommentare 8