Ich geb' uns nicht so schnell auf

Polizeiruf In "Liebeswahn" kommt Rostock mit der Räuberpistole vom Folterkellersex stellenweise schlicht daher wie eine "Tatort"-Folge aus Leipzig, rettet sich aber über die Zeit

Polizeiruf Rostock (NDR-Redaktion: Daniela Mussgiller) ist ein Darling unter den Sonntagabendkrimis. In Liebeswahn präsentiert sich der Schauplatz allerdings so indisponiert wie die sogenannten Bayern aus München in ihren unsouveränsten Auftritten der laufenden Saison – dem 1:1 gegen Freiburg oder dem 3:2 gegen die Berliner Hertha. Soll heißen: Viel geht nicht, aber selbst der ausgedünnte Kader (verletzungsbedingt? Pöschi, gespielt von Andreas Guenther, fehlt) ist in Rostock so stark aka hat so viel Kredit, dass er die Folge über die Zeit rettet.

Mit Thomas Stiller fungiert als Autor und Regisseur ein Mann, der für den Tatort München gedreht und in Rostock bereits an einer Folge mitgeschrieben hat. Das im Laufe der Zeit ausgebildete Sendergebietssensorium verbindet mit Liebeswahn allerdings alles, was man an den Tatort-Folgen aus Leipzig (MDR-Redaktion: Sven Döbler) eher nicht schätzt: übertriebene Emotionalisierung, cheape Effekte, grobe Konflikte.

Schon der Fall ist doof, auch wenn man – Torture Porn strikes back – das natürlich alles auch mal machen kann. Die Adaptionsschwierigkeiten zeigen sich spätestens in dem Moment, in dem das endkrasse Kinobild mit der rausgeschnittenen Zunge sich in das Taxi des arglosen Rostocker Chauffeurs setzt und damit in der Realität ankommt. Besser dazu passen würde eine exaltierte, komische oder wieauchimmer Reaktion des Droschkenkutschers; so rumpelt es bei der Fallannahme.

Anybody's Volker

Wir sind hier nicht bei Wünsch dir was und wollen auch nicht immerfort den Formatstalinisten geben, aber all die positiven Gefühle von Rostock verdanken sich nun mal einem relativ spezifischen Realismus: nicht in dem Sinne, dass es das gibt, sondern in dem Sinne, dass das Revier (die Fälle seit je weniger) auf eine gewöhnlich-betriebsame Weise lebendig war. Diese Lebendigkeit verlangsamt Stillers Inszenierung, das Buch gibt als Matchplan nicht viel her.

In den Stanzen des Sportberichts, mit denen sich die ganze Kritik bestreiten lässt: pomadig. Everybody's Volker (Josef Heynert) hat einen – vermutlich die furchtbarste aller Stanzen – "gebrauchten Tag" erwischt. Selbst wenn man einrechnet, dass das Tête-à-tête mit Vivienne (Fanny Staffa), der Frau vom Boss und Freund, logischerweise belastet ("Ich fühl' mich ja auch scheiße") – das Sympathische an der Volki-Figur ist doch der multitaskende Pragmatismus, die pfandfinderhafte Lässigkeit, patent zu sein.

Bukoff (Charly Hübner) guckt beim Angeklampfertwerden durch Dr. Clara Fischer (die ersten Sätze im Krankenhaus klingen schrecklich aufgesagt: Alma Leiberg) wie das Schwein ins Uhrwerk – auch das irgendwie too much fürs Rostocker Gefühl, das doch eine gewisse Zartheit, Detailliebe, Sinn für Nebensächlichkeit haben könnte (dass Bukoff etwa schon aufmerken könnte, als Vivienne sich bei der ankommenden SMS am Frühstückstisch kurz freut, dann angeblich nur eine negativ zu bescheidende Diensttauschanfrage erhalten haben will).

Bad Fluch!

Und nicht zuletzt Chief Röder (der große Uwe Preuss), der viel zu weit weg ist vom Ball aka den Dialogen, die er schnarren muss ("Können sie gleich als Unterstunden aufschreiben"). Frau Königs (Anneke Kim Sarnau) Avancen in Richtung Bukoff laufen kühl ins Leere, auch nicht die feine englische, wie man früher sagte, wobei damit die storyline gemeint ist, nämlich dass der Flirt zwischen Bukoff und Frau König von ihm runtergekühlt ist auf Als-wäre-nie-was-gewesen.

Zudem war Rostock groß darin, die Doppelbelastung zwischen Ligabetrieb (Fälle lösen) und internationalem Wettbewerb (Privatleben führen) voneinander trennen zu können. Hier muss sich nun die liebeskranke Ärztin als nie vermisster Link zwischen beidem in den Vordergrund spielen, was ärgerlich ist, weil die Sehnsucht nach Gewohnheit doch gerade von einem nebenher verhandelten Ehestreit am besten repräsentiert werden kann: dass die Arbeit Grund und Ablenkung vom Zerwürfnis sein kann, nicht aber damit unmittelbar verbunden. Das führt zu einer Dampfhammer-Rhetorik wie in der Szene, in der Vivienne die Rosen, die ihr Bukoff als vom Verehrer ausgebreitet nahelegt, freudig zur Hand nimmt, um sich – sind doch nicht von ihm! – daran zu stechen: Bad Fluch wie sonst nur bei Dornröschens.

Und wenn wir bei den ästhetischen Auflösungen sind: Ebenfalls voll nicht Rostock ist diese Halbfischaugenästhetik der Kamera (Marc Liesendahl), die von oben die Räume verengt, statt sie aus der Hand oder mit Sinn fürs Tableau zu präsentieren. Als schlimmste Idee muss aber diese – schon in ihren Überblendungen unfähige – Parallelmontage vom psychosomatischen Asthma-Röcheln des Bukoff-Kindes und dem Orgasmus-Entgegengestöhne Viviennes kritisiert werden: Wie offensichtlich abseits möchte man Vivienne in ihrer Rabenmutterhaftigkeit denn stellen? Etwas Denunziatorischeres hat man lange nicht gesehen. Das ist doch keine Art.

Langer Ball nach vorn

Und schließlich lässt die Geschichte vor allem im letzten Drittel ihr größtes Potential liegen. Wenn schon eine so sexualkrasse Psychonummer gefahren wird, hätte man sich doch wenigstens dem Indizienthrill mit mehr Sorgfalt widmen können. Statt gezielte Pässe in Richtung von Bukoffs später Selbsterkenntnis zu spielen (dass diese Briefchen kein Quatsch sind; dass alles was mit ihm zu tun hat; dass all die Zeichen, also auch die Rosen, neu gelesen werden müssen), entscheidet sich der Polizeiruf immer nur für hintenrum.

Heißt: Als die Zeit knapp wird, weiß Frau König plötzlich wieder, wo sie die – alter Tatort-Aficionado-Scherz – krasslila Briefe schon mal gesehen hat, und über eine Dienstplanabfrage wird ratzfatz die Verbindung hergestellt zwischen dem ersten Toten und Bukoff. Geschickt geht anders, das ist als dramaturgisches Mittel wie der lange Ball nach vorn in der 92. Minute. Fürs vollendete Tiki-Taka des Drehbuchs hätte es allerdings auch eine glaubwürdigere Verwechslung gebraucht – wie sollte denn Martina Reuter (Sandra Borgmann), die ihre Sexualpartner, wie rührend, immer noch im analogen Anzeigengeschäft findet, je ernsthaft als Bukoff-Verfallene in Frage gekommen sein?

So bleibt vom ganzen Gewese um den Folterkellersex das Gefühl zurück, dass nach Shades of Grey jetzt auch der Tatort Fortbildung fürs bürgerliche Sexualleben betreibt: from the bottom to the top oder andersrum.

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21:45 12.01.2014
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