Ich mag Mädchengemüse

Tatort Ein Titel, der nicht zu viel verspricht: "Der Tote im Nachtzug" heißt der Frankfurter "Tatort", in dem die fesche Conny Freude macht und Fränki zum Problembären wird

Hach, das ist doch mal ein Titel! Der Tote im Nachtzug – dass ein Tatort heute so heißen kann, wo doch der City Night Line zwangsläufig für eine Entzauberung jener Schlafwagenfahrt stehen muss, die im Transeuropaexpress noch Abenteuer, Wagnis und große, weite Welt versprach. Der Titel weckt umgehend sentimentalöseste Erinnerungen an good ol' Herb Reinecker (Derrick, Der Kommissar), in dessen Büchern die Bewegung als solche keinen guten Stand hatte, weshalb Züge am Münchner Hauptbahnhof bevorzugt spätere Mordopfer (zumeist junge Ladies) anlieferten oder gleich den Toten servierten, und dann befragte Derrick in seiner eitlen Ungeduld die "Zugsekretärin", und am Ende mischten Geheimdienste wie der MAD (Militärische Abschirmdienst) mit oder es ging um Drogenschiebereien von zwielichtigen Gestalten.

Warum wir das erwähnen? Weil Der Tote im Nachtzug (zudem nach wahren Begebenheiten) all die Erwartungen, die der Titel verspricht, einlöst: wunderbares Holz im Schlafwagen, polnische Zugsekretäre, die vielleicht noch etwas krustigere Krawatten tragen könnten, Schienenaufnahmen, die noch von gefährlicher Welt träumen, Drogenschiebereien, und der MAD macht seine Aufwartung. Regisseur und Autor Lars Kraume hat eine Episode aus dem Buchhit Die Spur des Bösen des einstigen Profilers Axel Petermann bearbeitet.

Der Akzent der Folge liegt auf den Ermittlungen und auf den Interaktionen des neuen Frankfurter Ermittlerduos Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Fränki Steier (Joachim Król). Was bedeutet, dass die drogenbasierte Schattenökonomie des Afghanistaneinsatzes in Gestalt des unehrenhaft entlassenen Sanitäters Rüdiger Lange (Stephan Grossmann) eher am Rande vorkommt. Geht in Ordnung, weil der Fall interessant ist, die Stimmung stimmig und die fesche Conny wieder so herrlich durch die Klinkerbauflure des Polizeireviers schlenkern darf, dass es eine Schau ist.

Der ist doch süß

Man freut sich an der Lust, mit der Nina Kunzendorf und Kostümbildnerin Katharina Schnelting die Feschheit der Conny ausstatten mit textilem Overkill von dem, was wir früher Geschmack nannten (dieses türkise Oberteil!). Und sieht auch die Gefahr, dass es mit der Flapsigkeit der Figur womöglich übertrieben werden könnte. Ist dann aber beruhigt, weil Nina Kunzendorf da vor sein müsste: Der Reiz von Conny Mey besteht in einer Direktheit, die rhetorisch als Prinzip durchgehalten wird. Conny Mey ist buchstäblich – sie kennt keine zweite Ebene, ist also eine unironische Figur, die auf die Frage von Fränki, wie sie den checkerhaften MAD-Commander Thomsen (Benno Führmann) zur Informationsweitergabe bewegen konnte, wahrheitsgemäß unprätentiös antwortet: "Ich habe ihm einen geblasen." Und nach Fränkis So-was-sagt/macht-man-doch-nicht-Schock ebenso wahrheitsgemäß unprätentiös hinterherschiebt: "Ich mag sportliche Männer, der ist doch süß."

Dem Charme von Connys Direktheit kann man sich schwer entziehen, was nicht nur das Dauergegrinse von Thomsen und Conny beim Date zeigt. Als Thomsen sich in aller Frühe aus Connys Kiste verabschiedet, weil er los muss und keinen Schlaf findet neben der schnarchenden Frau, da trifft selbst Benno Führmann bei seiner Erklärung ("Du schnarchst") so genau die lovely Tonlage, wie er in seinem Schauspielerleben selten eine getroffen hat. Die Sexualpolitik von Conny Mey ist wahrlich beeindruckend, weil es Kunzendorf gelingt die Figur zwischen Attraktion, Kalkül und Gefühl auszubalancieren: Sie will von Thomsen Infos, sie will aber auch seinen Körper, und die geschickte Vermengung dieser Interessen macht das Selbstbewusstsein der Figur aus.

Daraus erwächst Frankfurt auch ein Problem: In dem Maße, in dem Conny strahlt, wirkt Fränki verschattet. Steier präsentiert sich als ausgewachsener Problembär: Der Lonely-Wolf-Entwurf, zu dem gehört, dass Fränki offenbar keinen festen Wohnsitz hat und vor dem Zu-Bett-Gehen auf dem Bürosofa sich dem Regiment von König Alkohol unterwirft, wirkt hier lächerlich, weil er eben nicht allein das Zentrum der Aufmerksamkeit beanspruchen kann, sondern neben dieser Frau vielmehr überflüssig zu werden droht. Fränkis Einsatz im Zugabteil mit diesem "Sequenz-Dings" scheint allein vom Mitleid Connys alimentiert zu sein, die dem Kollegen auch mal ein gutes Gefühl verschaffen will (die angebliche Expertise Fränkis – "Niemand kann einen Tatort besser analysieren als Sie" – ist nämlich als Ringelpiez mit Anfassen für den verklemmten Mann inszeniert). Es ist wie in Kiel vor zwei Wochen: Wo die Frauen einmal etwas können dürfen, braucht man die Männer nicht mehr. Vermutlich steckt darin die Erklärung, warum es mit der Gleichstellung so lange dauert und die Quote auf ewig als Teufelszeug zurückgewiesen wird.

Eine Drecksau aus dem Osten

Fränki jedenfalls findet keine befriedigende Antwort auf den Charismaüberschuss seiner Kollegin. Er versucht sich in abgegriffenen Machtdiskursen wie Rassismus ("Pole, Russe, irgend so ein Drecksack aus dem Osten"), der Króls Leisigkeit nicht steht und von der feschen Conny sofort allerliebst über den Kopf gestreichelt bekommt ("Sind sie Rassist? Oh, nein, Sie sind auch noch Rassist"). Die Defensive seines Geschlechterkonzepts macht aus Fränki bislang eine ziemlich mühsame Figur: Blumen dissen und cholerisch-chefmäßiges Rumgebrülle, weil einem die Autorität keiner mehr glaubt, das ist alles so fünfziger Jahre. Man wünschte sich eine Vorspultaste für die gesellschaftliche Modernisierung, damit dieses Häufchen Selbstmitleid als Mann endlich im 21. Jahrhundert ankommt. So geht das jedenfalls nicht weiter.

Das winnetoueske Ende, bei dem der Lange-Witwe (Inka Friedrich) trotz besseren Wissens die Lebensversicherung überlassen wird, zieht sich etwas und ist auch nicht richtig zwingend, ist im Kern aber nichts, wogegen man etwas haben könnte.

Noch eine schöne Reverenz an den ewigen Reinecker-Trouble: "Ich hasse das, Todesnachrichten überbringen" (Fränki)

Und noch eine schöne Reverenz an das permanente Münze-Werfen von Schüttes Frankfurter Vorgänger:
"Leiche oder Zeugen?"

Ein Pleonasmus auf hohem Niveau? "Hochgeschwindigkeitsblutspritzer"

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21:45 20.11.2011
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Ausgabe 43/2021

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