Ich weiß, was ich tue

Tatort Kindesmissbrauch findet am häufigsten in Fernsehfilmen statt: Die Dortmunder Folge "Auf ewig Dein" lüftet ästhetisch etwas unentschieden das Geheimnis von Fabers Trauma

Das Dominospielen der Sonntagabendkrimi-Koordination bei der ARD geht weiter beziehungsweise fängt wieder an: An die Saarbrücker Folge vom letzten Sonntag, in der es um pretendeten Kindesmissbrauch ging, lässt sich das vierte Dortmunder Abenteuer problemlos anlegen. Hier kriegt es Homo Faber (Jörg Hartmann) mit einem Kindermörder in zweiter Generation zu tun, was zugleich Ursache von Fabers seit dem Start von Dortmund ausführlich performtem Trauma ist. Da geht also was zu Ende. Was man von diesen Kindesmissbrauchsfilmen zur permanenten Mittelschichtsverunsicherung nicht sagen kann.

Markus Graf heißt der Sohn von Vater Graf (den Faber einst, so will es die Legende, in good ol' Lübeck mit seinen Ermittlungen in den Freitod trieb), gespielt wird er von Florian Bartholomäi leider mit weltferner Blässe – der Film (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) kann sich nicht recht entscheiden, ob er nun einen hanniballecterhaften Kinosuperbösewicht haben will, der mit seinem Jäger bei Sterne-Essen Rededuelle auf, wie es in solchen Zusammenhängen wohl an mancher Stelle heißen würde, Augenhöhe führen kann. Oder ob es sich für die delikate Pathologie interessieren soll, die – wenn der Vater dem eigenen Sohn das Töten und Vergewaltigen beibringt – vermutlich trostlos ausfiele.

Auf ewig Dein passt also nicht immer mit sich selbst zusammen. Es gibt das übliche Informationsaufgesage, das mehrmals die eigene Parodie streift, weil es natürlich absurd es, wenn sich zwei Kollegen, etwa die Kids Nora (Aylin Tezel) und Kossiken (Stefan Konarske), gegenseitig brav fallrelevante News um die Ohren referieren, die doch eigentlich nur für die Zuschauerin bestimmt sind. Oder wenn Kossiken ansatzlos bei Queen Bönisch (Anna Schudt) einfällt mit seinem Text, um sich neue Anweisungen abzuholen.

Callboys Klientin

Auf der anderen Seite deutet Auf ewig Dein die Möglichkeiten von Komplexität an, die selbst ein Tatort haben kann (Buch: Jürgen Werner): Dass Bönisch ihren Part-Time-Lover-Callboy auf dem Revier vernommen sieht, führt zu diesem doch mal sehr schönen Dialog mit dem Bearbeiter Krüger (Robert Schupp). Wobei das Schöne sich zeigt daran, dass über die Nebensächlichkeit (das Bedienen des Computerprogramms) ernsthaft gesprochen wird, während Bönisch sich doch eigentlich für ganz andere Dinge interessiert – nämlich was der Callboy kriegt.

Dass der sie dann noch in der gleichen Folge zu erpressen versucht und vom eingeweihten – mal versuchen, nicht süffisant zu grinsen, wenn die Frau sich als Callboy-Kundin outet; hat fast geklappt – Faber in alter Sergeant-Blackjack-Manier in die Schranken gewiesen wird, hat eben auch damit zu tun hat, dass so ein Tatort zweimal im Jahr keine Zeit hat, sich um wirklich gut erzählte Nebenstränge zu kümmern.

Ärgerlich ist dabei, dass die motivische Nähe einer Abtreibung der Nora-Schwangerschaft zum Kindsmord so polemisch inszeniert werden muss, wie in der Szene, in der Nora eigentlich gegen Fabers Zynism ausreiten will. Ein Motiv lebt doch auch von einer gewissen Dezenz, von der Chance, dass die Zuschauerin etwas entdeckt und sich freut, weil der Film es ihr nicht als Lernaufgabe in Ethik ausgesprochen hat.

Aber das Indirekte, Nebenherige ist nichts, was in diesem Leben noch zum Geburtstag von Regisseur Dror Zahavi eingeladen wird. Der gibt auf die Zwölf, als müsste der Tatort in seinem Zweitjob noch TV-Movie der Woche sein. Der Filter (Kamera: Gero Steffen) trägt diese Woche braun (letzte Woche: blau), die Dekors (warum lebt Stettern, gespielt vom großen Hans-Jochen Wagner eigentlich im Hotel?) orientieren sich an der schick-charakterlosen Langeweile des zeitgenössischen Hotelwesens. Und die Musik (Jörg Lemberg) plappert dazwischen, wo sie nur kann.

Und das, wo manche sagen wird, dass es besser kaum sein kann.

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21:45 02.02.2014
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Ausgabe 42/2021

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