Im Garten eines Kraken

Bühne „Kill your Darlings. Streets of Berladelphia“, das neue Stück von René Pollesch, pendelt zwischen Verzweiflung und Komik

Es gibt eine sehr schöne Szene in René Polleschs Inszenierung Kill your Darlings. Streets of Berladelphia an der Berliner Volksbühne. Der Bühnenregen ist auf das leere Rund heruntergegangen, es haben sich Pfützen gebildet, und dann setzt Morrisseys Song Life is a Pigsty ein, das Leben ist ein Saustall, eine Ballade, wie man früher gesagt hat, mit leicht treibendem Schlagzeug und zögerndem Gesang.

Und dann beginnen die 15 Mitglieder des Chors – der hier kaum spricht, sondern zuerst ein Körper ist, ein Körperchor –, munter wie Kinder durch die Pfützen zu rutschen und charmante Akrobatikfiguren zu vollführen, und Fabian Hinrichs, der einzige Schauspieler dieses Abends, zieht mit nacktem Oberkörper den Planwagen, ein Brecht-Zitat vom Fatzer-Themenwochenende, auf der Stelle, unter der sich die Drehbühne bewegt, und das ist ein großer, schöner Moment, weil er den Schmerz des Morrissey-Songs füllt mit kindlicher Freude an Freiheit.

Schmerz

Die Schönheit dieser Szene ist irritierend, weil man sich in ihr verlieren kann, das René-Pollesch-Theater doch aber ein Theater ist, mit dem man sich wappnen will gegen die Zumutungen einer durchrationalisierten Welt.

Kill your Darlings schwankt zwischen den Lockungen dieser Schönheit und der Verzweiflung am Selbst, die brüchiger, dissonanter ist als ein Popsong. Man spürt, wie schwer es der Abend hat, gegen die einfachen, schönen, aber eben auch billigen Gefühle anzukämpfen, die Popmusik als emotionaler Verstärker eines (Liebes-)Schmerzes produziert.

Deswegen auch „Kill your Darlings“, das Beste haben wir rausgestrichen, sagt Hinrichs, dieses Kraftwerk seiner Egomanie, dieser Schalk, der Verzweiflung auch deshalb heiter gestaltet, weil er wie kein anderer zwischendurch lausbubenhaft grinst. Das Beste haben wir rausgestrichen, weil wir es nicht ertragen, nie wieder Theater spielen könnten. „Warum machen wir das?“, fragt Hinrichs nach der zweiten grandiosen Szene, einem Leerlauf, bei dem er hilflos in einem wunderbaren Krakenkostüm rumhampelt, während der Chor „Turnhalle“ spielt, seine Mitglieder auf eine ranzige Matratze mit irgendwelchen Sprüngen fliegen. Die Antwort sei richtig gewesen, aber nicht zu leben, deshalb sei auch sie rausgestrichen worden.

Universelle Bilder

So pendelt Kill your Darlings zwischen Verzweiflung und Komik. Chor und Hinrichs absolvieren beeindruckende Körper­skulpturen, die politischen Gehalte bleiben auf hübsche Punchlines reduziert („Der Kapitalismus tritt heute als Netzwerk auf“), die Mittel des Theaters (unter den Requisiten: ein Kleinbagger, ein neonleuchtender Hubschrauber) werden vergnügt inszeniert. In den schwächeren Szenen ergibt das eine Nummernrevue, nonstop Nonsense.

Die Leerstelle, das, was fehlt, und das, worum der Abend kreist, ist der Schmerz einer unglücklichen Liebe, der in Kill your Darlings erstaunlich deutlich artikuliert wird („Warum hast du nicht mehr angerufen? Du hast doch meine Nummer.“). Dieser Schmerz lässt sich, wie Popmusik das macht, in große, universelle Bilder übersetzen – das Plantschen im Morrissey-Song. Aber das Gefällige daran ist das Persönliche, was dabei verlorengeht. Weshalb Hinrichs am Ende eher sich und dem Stück als dem Zuschauer zuruft: „Wenn wir jetzt auseinander gehen, dann tut nicht so, als wären wir Freunde.“ Die richtige Schönheit des falschen Gefühls ist manchmal schwer zu ertragen.

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11:00 28.01.2012
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Ausgabe 41/2021

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