In den Trümmern vom Irak

Tatort Bananenrepublik Österreich: In der Folge "Zwischen den Fronten" wird der Glaube in die Sonntagsrede als Ausdruck von politischer Realität gehörig erschüttert

Zur Bibigeisterung muss zuerst gesagt werden, dass der Wiener Tatort unbedingt eine Merchandising-Kollektion auflegen sollte, in der neben diesem immer etwas zu großen, zu langen und zu speckigen Ledermantel sowie der kanonischen unsexy Schultertasche unbedingt die endkrassen Strickjackhemden mit grenzpsychedelischen Mustern zu führen wären, die die Bibi (Adele Neuhauser) in der neuesten Folge im Büro aufträgt.

Die Folge heißt Zwischen den Fronten, was die zahlreichen Anhänger einer avancierten Poetik der Titels den Kopf schütteln lässt in der Weise, in der ein Fußballfan den Kopf schüttelt, sollte ein Spieler der eigenen Mannschaft eine aussichtsreiche Chance, if not: einen Elfmeter versemmeln. Es ist so: ohne Not. In der Folge (Buch: Verena Kurth, Regie: Harald Sicheritz) steckt doch so viel mehr, als der Allerweltstitel anzudeuten vermag.

Der etwas lieblose Titel passt nun aber, insofern der Tatort selbst eine Weile braucht, ehe er merkt, was er eigentlich kann. Am Anfang von Zwischen den Fronten geht's recht verschwenderisch zu mit dem Wiener Fame. Kann man daran sehen, dass die Wiesnerin (Stefanie Dvorak), die halbstalkig einen ziemlichen Crush on Brummbär Eisner (Harald Krassnitzer) hat, hier so offensiv in dieser Weise inszeniert, also von der Bibi aufgezogen wird, dass man Mitleid bekommen mag: Der Reiz der gebremst pathologischen Selbstaufdringlichkeit von Seiten der Wiesnerin in Richtung des Brummbären besteht doch darin, dass das so nebenher inszeniert wird wie zuletzt mit diesem tollen, kommentarlosen Rollorunterlassen. Darauf aber offensiv anzuspielen, ist wie Tafelsilberverhökern: vulgär.

Ab in die Ecke

Kummer bereitet in Zwischen den Fronten die Musik (Lothar Scherpe), die auf großen Ertapper macht (etwa beim Rumgestehe vorm Palais Liechtenstein) und immerfort Balkanopopgebläse ausatmet, wenn nur jemand Moslem sagt. Moslem, fast perfide, muss hier recht häufig gesagt werden, und perfide eben, weil in Zusammenhängen, die gar nicht zusammen hängen. Datenschutzrechtsbasierte, internetvernetzte Globalisierungspowerkritik hat doch im richtigen Leben so was von nicht oft mit dem Zauberwort der Desavouierung von allem – "Islamismus!" – zu tun, dass es einem infam vorkommen mag, wie in Zwischen den Fronten Dinge via Herkunft – Kasim Bagdadi (Samy Hassam) heißt schon fast wie die Hauptstadt von dem, was er Motherland callen könnte – in eine Ecke gestellt werden, damit so ein prophylaktischer Volkszuschauerzorn daheim vor der Knipse sagen kann, dass irgendwo auch eine Grenze ist und die Toleranz aufhört.

Besser wird das, weil hinten raus die rechtsradikale Lateiner-Sekte die Verantwortung für alles übernimmt und in deren beschränktem Weltbild Systemstabilisation und Islamophobie sich easy "Gute Nacht" sagen. Ob das politisch so präzise gearbeitet ist, lassen wir mal offen: Die Hardcore-Nazis stehen dem System, in dem wir leben, doch nicht so nahe wie der hier performte Kulturaustrofaschismus der Wiener Eliten um Oberst Basti "Steve Martin" Moslechner (Oliver Karbus) und Mag. Michalski (zieht ins Matthias-Richling-Ähnliche: Alfred Dorfer) es in den Hinterzimmern seiner inneren Hässlichkeit tut.

Froh ist man, dass es dann doch nicht reiner Privatismus war, der zur Tat führte, zumal diese Miami-Tropical-Wintergarden-Palm-Amerikaner mit der promisken Weltverbessererin (Geneniève Boehmer) an der Spitze auch etwas mühsam sind: Die Aussprache von Eisner und Bibi ("Schörmäns") begeistert doch mehr als das Gayle-Tufts-Denglisch, das seine Wirkung seit je viel hübscher im Geschriebenen entfaltet.

Banana Republic

Wo die Explosion ein wenig nach dem kargen Budget aussieht, das dafür zur Verfügung stand, gewinnt Zwischen den Fronten am Ende in seiner doch recht tapfer durchgehaltenen Apparatsskepsis. Zwar braucht es zum Reinkommen in die politische Intrige viel des üblichen Schnepfisms (cold as ferngesteuert: Susanne Wuest als BVD-Lady), aber der offene Schluss (diese Arsch-Nasen-Metapher vom Eisner!) und das Vorzeigen von Überwachung machen was her.

Wenn man überlegt, wie sich das für jemanden anschauen muss, der nicht Teil der sogenannten westlichen Welt ist, die laut Eigenauskunft demokratisch-gerecht doch heller als jeder Polarstern, man könnte desillusioniert werden. Looks like a verdammte Bananenrepublik oder wie auch immer wir dazu sagen, wo Korruption das Zepter führt.

Einen Satz, der nördlich vom Inn eine andere Bedeutung annimmt: "Ich kenn' mich ja nicht aus bei der Staatssicherheit"

Eine Taktik, die gegen repressive Systeme hilft: "Wenn sie uns einzeln zusammenscheißen müssen, sind sie schneller müd'"

Eine Androhung, die Führungskraft vermissen lässt: "Einmal noch so was, und ich bitt' meinen Chef, ganz nach oben zu berichten"

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21:45 17.02.2013
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