Sogenannter Klartext

Sprachkritik Der Begriff "Ausländer" ist verschlagwortet mit Einwanderung und Kriminalität. Das war nicht immer so. Doch wer ihn heute noch verwendet, sehnt sich nach gestern
Matthias Dell | Ausgabe 51/2014 20

„Ausländer“ sei ein Begriff, den sie gar nicht verwenden würde, erklärte Amelie Deuflhard unlängst in einem Radiointerview. Die Leiterin der Hamburger Theaterstätte Kampnagel sieht sich mit dem Wort allerdings konfrontiert – durch eine Strafanzeige der lokalen AfD. Die will in Ecofavela Lampedusa-Nord, einem Flüchtlingsquartier als Kunstprojekt, „Beihilfe zu Ausländerstraftaten“ erkennen und hat Anzeige erstattet.

Dass Deuflhard den „Ausländer“ nicht in ihrem aktiven Wortschatz führt, würde ihr von der AfD und deren Freunden vermutlich als eklatante Schwäche ausgelegt – als Ausdruck „weichgespülter“ Sprache, „politisch korrekten“ Denkens, als gestörte Beziehung zum sogenannten Klartext, der als Axt im Walde von Onlinekommentarspalten seinen Anhängern Erleichterung verschafft.

Der Witz ist nur: Das Wort „Ausländer“ trägt zur Klärung eigentlich nur bei in einem spezialisierten und formalisierten Bereich wie dem Staatsangehörigkeitsrecht. Darüber hinaus erscheint der Begriff viel zu luftig, um damit präzise etwas beschreiben zu können. Definitorisch würden darunter die schwedische Diplomatin und der französische Managerinnengatte nämlich genauso fallen wie der aus Syrien geflüchtete Arzt, der hier in einem Heim untergebracht ist; gemeint ist, wo „Ausländer“ als Problembenennung grassiert, aber immer nur der aus Syrien geflüchtete Arzt.

Schaut man im Archiv nach, so ist der Begriff keineswegs immer abwertend gemeint gewesen. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg drückt „Ausländer“ vor allem Distanz aus, es ist das Wort, in dem die verschiedenen (westlichen) Länder „Sie“ zueinander sagen. „Den ‚Deutschen Schlagerwettbewerb‘ im Juni gewann zum siebenten Male hintereinander ein Ausländer – diesmal der Südafrikaner Howard Carpendale“, heißt es in einem Stern-Artikel von 1970, und selbst der kommt erstaunlich wenig volkstümelnd daher. Der Deal, dem der Text nachspürt, scheint eher darin zu bestehen, dass die dem Showgeschäft sowieso nicht so verbundenen Deutschen sich durch Gitte und Gus Backus, Vivi Bach und Bill Ramsey halt ein bisschen internationales Leben in die eigene Bude holen.

In den Folgejahrzehnten findet der Begriff „Ausländer“ dann zu der Bestimmung, die Hamburgs AfD bei der Klage im Sinn hat, er ist gebunden an Einwanderung und wird verschlagwortet mit Kriminalität, bis im wiedervereinigten Deutschland „Ausländer raus“ zum Schlachtruf eines wieder hemmungslosen Nationalismus wird. Das ist 20 Jahre her, und trotz Pegida-Märschen, AfD-Klagen und rechtsextremer Brandstiftung ist der allgemeine Diskurs über Flüchtlingspolitik heute ein anderer. Was sich gerade am Begriff vom „Ausländer“ erkennen lässt: Die, die ihn immer noch verwenden in abwertender Absicht, sehnen sich nach gestern. In eine Welt, die nicht so kompliziert war wie die globalisierte der Gegenwart, sondern in der sich noch klare Grenzen ziehen ließen zwischen hier und da.

„Mit der Übersiedlung meiner Eltern nach Mecklenburg 193... begann ein andres Exil. Ich war Ausländer, wie damals in Mecklenburg jeder, der dort nicht geboren war“, heißt es in einem Prosafragment des im sächsischen Eppendorf geborenen Dichters Heiner Müller. Schöner lässt sich die Schlichtheit der Differenzierung, zu der ein Begriff wie „Ausländer“ taugt, nicht beschreiben.

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06:00 18.12.2014
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