Irgendwas mit Afrika

Kino Die Oscar-Preisträgerin Caroline Link bringt mit „Exit Marrakech“ einen bestürzenden Film heraus: Hässliche Deutsche machen Urlaub in den Krisengebieten ihrer Seele

Es gibt eine Stelle in Caroline Links Film Exit Marrakech, an der man kurz die Hoffnung haben könnte, der Film wüsste um seine Möglichkeiten. Der 16-jährige Ben (Samuel Schneider) reist in den Ferien zu seinem Vater Heinrich (Ulrich Tukur), der in Marokko ein Theaterstück inszeniert. Die Kulisse ist prächtig, das Hotel luxuriös. Nach der Premiere fragt ein lokaler Journalist den Regisseur, ob ein solch pompöser Kulturexport nicht unpassend sei angesichts der Armut in Marrakech. Der Regisseur antwortet halbherzig und sagt, was Theaterleute zur Rechtfertigung ihrer automatisch politischen Kunst eben sagen: dass doch auch in einer Emilia Galotti-Inszenierung alles drinstecke, was man an gesellschaftlichem Diskurs brauche. Wirklich Rede stehen muss der Regisseur aber nicht, er wird zu einem Foto mit seinem Sohn gerufen. Danach kommt der Film nie wieder auf diese Frage zurück.

Dabei könnte gerade das doch spannend sein: der Druckausgleich im Wohlstandsgefälle. Vor Lampedusa ertrinken Leute, die aus Verzweiflung sich an die überfüllten Barken ruchloser Schlepper hängen, in der Hoffnung, dass damit das bessere Leben beginnt. Der Norden Afrikas ist seit zwei Jahren Dauergast in den Abendnachrichten, in denen er mit Rebellion oder Krieg assoziiert wird. Aber der deutsche Film fährt nach Marokko wie ein Tourist ins All-inclusive-Resort, wo die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes allenfalls für den Transfer vom Flughafen bis zum Hotel relevant sein könnten, weil sich darauf der Kontakt mit dem jeweiligen Land beschränkt.

Degeto-Schmonz

Vermutlich geht es völlig am Thema vorbei, von Exit Marrakech etwas anderes zu erwarten als den üblichen Degeto-Schmonz, der zur Hauptsendezeit den deutschen Zuschauer mit seinem exotistisch ausgemalten Fernweh versöhnt. Aber dass der übliche Degeto-Schmonz zum Standard des deutschen Films geworden ist, zählt dann leider doch zu den unschönen Entwicklungen. Folglich macht einen nicht nur der Kinostart eines solch austauschbaren Fernsehfilms fassungslos, sondern auch die begleiteten Blurbs von namhaften Zeitungen (FAZ: „Ein großartiger Film“), die entweder sehr gut zurechtzitiert sind oder etwas sagen über die Standards der Kritik, die der übliche Degeto-Schmonz verdorben hat.

Zu den erschütternden Eindrücken dieses Films gehört nämlich auch, dass der Film einer Oscar-Gewinnerin schon deshalb unmöglich großartig genannt werden kann, weil er handwerklich daherkommt wie ein Abschlussfilm. Es gibt keine Handlung im Sinne des Wortes, die Leute tun nichts, sie posen nur vor Dekors rum: im Theater, auf Dachterrassen, am Hotelpool, im Restaurant.

Über allem liegt ein Problem, das nie richtig artikuliert wird und deshalb immer nur von Presseheftprosa beschrieben werden kann („Während die beiden immer weiter auseinanderdriften...“). Der Sohn verliebt sich dann in eine junge Sexarbeiterin (Hafsia Herzi), die er romantisch retten will, was dann irgendwie misslingt, weshalb das Mädchen dafür bestraft und in einer miesen Drogenhöhle vom Film zurückgelassen wird.

In der zweiten Hälfte hat der Vater den Sohn, der auch Diabetiker ist, dann wiedergefunden, und die gemeinsame Fahrt der beiden kommt daher wie die Verfilmung der Spesenabrechnung: Hotelzimmer und Essenswünsche beherrschen die Dialoge, das Problem verschwindet wie die Versöhnung zwischen den Schnitten.

Noch betrüblicher ist, das Bild zu betrachten, das Exit Marrakech vom Deutschen im Ausland entwirft: Herrenmenschen auf Krisengebietstourismus, wobei das größte Krisengebiet immer die deutsche Seele ist. Weder Tukurs Theatermacker noch Schneiders Internatsschnösel noch die aus Paris zugeschaltete Mutter (Marie-Lou Sellem) ist sympathisch. Über die eigenen Privilegien denkt sowieso niemand nach.

12:53 23.10.2013
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