Ist das neudeutsch?

Polizeiruf 110 Das ist die Sprache, die der Gegner versteht: Die Rostocker Folge "Stillschweigen" treibt den Grimm aus, den Dortmund hinterlassen hat. Bukoff et al. in großer Form

Das Antidot zur richtigen Zeit! Wem Dortmund von letzter Woche noch schwer im Magen liegt, dem muss der Rostocker Polizeiruf: Stillschweigen wie Regulax vorkommen, das fix eingeworfen alle Blockaden löst. Das Tolle ist, dass man in Rostock sehen kann, wie in der Praxis eines Films aussieht, was in Dortmund sich selbst unklare Theorie eines Entwurfs war.

Die Figuren haben hier einen kräftigen Ausdruck, sie wissen, was sie zu tun haben, und als Zuschauer kann man sie auseinanderhalten. Das gilt zuerst, latürnich, für Blackjack Bukoff, den schnaufenden Haudrauf der Szene (wie der allein atmet!), den Charly Hübner schwitzig und mit behänder Plautze durch die Folge jagt. Die "Sprüche", in denen sich in Dortmund nur das Grinsen des Drehbuchautors über seine eigene Witzigkeit spiegelte, weil sie rumpelig ausgegeben wurden wie der Plastikbecher im Kaffeeautomat, sind hier in die Figuren integriert: Man glaubt Bukoff seinen Jargon, die Direktheit und den Zynismus ("die Kneippkur der Vernehmungsmethoden") so sehr, dass man sich vorstellen kann, wie der Drehbuchtext mit den Schauspielern und ihren Vorstellungen von den Rollen entwickelt wird.

Frau König (Anneke Kim Sarnau), mit der wir ja immer ein wenig fremdelten, fällt dahinter nicht zurück, und tatsächlich hat das Führungsstreitgerangel mit Bukoff, dem die LKA-Lady vorgesetzt ist, in Stillschweigen, wo es um – hot shit – Rocker-Crime geht, Boden unter den Füßen; es dient nicht nur der Performance von scheinbar unangepassten Machern gegenüber dem grundblöden Oben. Man kann bei Bukoffs "Yes, Sir"-Paraden sehen, was es für einen Aufklärungsbulldozer wie ihn bedeutet, Genderfragen in sein Bild vom Machen einzubauen. Für die Souveränität, mit der Bukoff und Frau König in ihre Rollen eingewandert sind, spricht zudem das spielerische Rumgeäffe ("Oh, Gott, Frau König, das hab ich total vergessen", die sächsisierenden DDR-Erklärungen) – das ist Dooftun mit Abitur, self-ironic Ausweis des Überdrusses an standardisierten Krimi-Dialogen, ein Nein gegen die mühsame Informationsvermittlung, mit der sich anderswo abgeplagt wird.

Mikro-Expressions-Reading

Selbst der Privatismus von Frau König, diese Adoptions-Heim-Kindheitsstory, am Ende ein Wiedersehen mit Kühlungsborn beschert (Heißt das nun, dass wir eines Tages erfahren werden, dass sie – eine von uns – in der DDR geboren ist oder nur, dass man in Kühlungsborn auch Urlaub machen kann, wenn man seit je part der so genannten freien Welt war?), selbst dieser Privatismus ist Fall driven wie die ganze Folge, weil er by the way dieser Beobachtungsminireaktionsmethoden eingeführt wird – Rrroooolf aka der Wendland-Bauer (Thomas Sarbacher) hat Frau König tief ins Herz geschaut.

Was man von der Wahrnehmungstechnologie – in Konschtanz gab's ja mal diesen Professor Uri Geller-Cipolla mit seinen "Mikro-Expressions" – nun hält – dass das ein nachvollziehbarer skill von Frau König ist, der hilft, deren Ermittlungsarbeit von der Bukoffs zu unterscheiden, macht den Zuschauer froh. Ein bisschen läppisch wirkt nur, dass der Wendland-Bauer erst auf den Schlamm haut, wie er sich durch Literaturstudium im Knast die Lesbarkeit abtrainiert hat, um bei der Befragung durch Frau König rumzuhampeln mit dem Fuß wie ein Kleinkind, das was ausgefressen wird.

Aber das sind die Konventionen des Fernsehens, die Stillschweigen in seinem Zugriff auf Wirklichkeit hier und da normieren. Hier wäre etwa das Zusammensperren von gleich zwei Unterzutauchenden in einem Haus – so arm und unprofessionell kann das LKA doch nicht sein. Andererseits, nach allem, was man über den Verfassungsschutz und seine Freunde im Rahmen der NSU-Morde-Aufklärung so gehört hat, "wundert mich nichts mehr" (Petra "The Voice" Pau). Da wäre Sarbachern selbst, der so eine schöne Matte angeklebt bekommen hat und trotzdem wie die Fernsehnase aussieht, die im Heer der sauber gecasteten Rocker (melden sich da dann eigentlich auch real existierende?) die Führungsarbeit unter den Verdächtigen übernehmen muss.

Problembär der Herzen

Es ist eben nur Fernsehen, aber das lässt sich verschmerzen, weil man Rostock gerne zuschaut. Bei der Aufzählung des zu lobenden Personals sind wir ja lediglich unterbrochen worden (Take that, Dortmund!). Everybody's Volker (Josef Heynert) ist schon lange Darling und enttäuscht auch hier nicht, weil er notfalls mit Bukoffs Frau ins Kino geht und so wunderbar den Umfang der Drogenlieferung überschlagen kann. Und seinem Antagonisten, dem ehrgeizigen Pöschel (Andreas Guenther), der zurecht von der Google Map des Wochenendhäuschen nichts wissen darf, die Meinung sagt: "Das liegt daran, dass du einfach scheiße bist, Pöschi." Pöschi hat's nicht leicht, gerade mit unserer Sympathie, aber auch das ist dem Rostocker Polizeiruf hoch anzurechnen, dass da mit dem unzuverlässigen, neugierigen, devianten Problembären eine Figur dazugehört, die ambivalent ausfällt und trotzdem nicht verraten wird. Zu bemängeln am aktuellen Fall wäre lediglich, dass das Spiel an – noch ein Darling – dem herrlich schnarrenden Chief Röder (der allergrößte Uwe Preuss) weitgehend vorbeiläuft.

Die Zeichnung des Rockermilieus fußt auf den geläufigen Beschreibungen der Szene, wie sie sich in den letzten Jahren um die Auseinandersetzungen von Hell's Angels und Bandidos am Beispiel des Hannoveraner "Präsis" Frank Hanebuth including seiner Kontakte zur angeblich besseren Gesellschaft von schick gekleideten Anwälten gruppiert hat. Putzig im Wortsinne sind die Tätigkeiten, die man beim Hochdienen im Chapter so auf sich nimmt – das Bild von archaischer Männlichkeit, das zu performen die Rocker doch da sein sollten, kriegt Risse, wenn man vom Jobprofil des toten Ricky hört ("Er hat die Küche geputzt und ist irgendwann gegangen") oder von Rrroooolfs Alibi ("Tagesthemen geguckt, n Buch gelesen, Wäsche aufgehängt"). Alles sehr reinlich und gebildet, wobei letzteres immerhin einen gewissen Hang zum Kulturpessimism erklärt ("Der Klub ist nicht das, was er mal war"). Das Rocker-Ding wird in Stillschweigen allerdings eher thematisiert als durchgeführt – es geht Autor und Regisseur Eoin Moore ums Vorkommen und nicht darum, dass der Fall in die Widersprüche des wirklichen Diskurses intervenierte.

Kann man mit leben, solange die Figuren (abgesehen vom Wendland-Bauer) überzeugen. Dirk Borchardt darf als "Präsi" Bernd Tauber mal wieder den Pitbull in sich rauslassen, Alessija Lause als seine vom Rrroooolf geschwängerte First Lady ist eine Entdeckung ebenso wie Lilith Stangenberg, die Rickys Witwe Tabea schön boderlinend gibt. Zum Toten Ricky ("Ricky ist einfach cool") bleibt anzumerken, dass dieser Name im Polizeiruf seit je nicht auf der Seite Gesetzes wohnte – in der, wer erinnert sich nicht, großen Folge Abschiedslied für Linda von 1987, in der Christine Schorn als SV-Beitragskassiererin im Neubaublock zu Tode kommt, hinterließ ein Schlagercrooner namens Ricky ein ziemlich windigen Eindruck.

In the Mood for Stimmung

Unsere grundsätzliche Zufriedenheit hat erst Ruhe, wenn die eigensinnige Musik (Warner Poland, Kai Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum) und die Kamera (Bernd Löhr) gelobt sind. Löhr hält Distanz aus, wo Fernsehen immer Köpfe sehen will, weil man es als Zuschauer auf der kleinen Knipse schnell mit den Augen kriegt: Wie Everybody's Volker am Hafen den fliehenden Überläufer Slomo (Paul Maaß) verfolgt und ihn mit – yosen! – fancy Hüftgriff von hinten anspringt, hat große Klasse. Das Neonrot auf Bukoffs Antlitz im Rocker-Puff ist ein einfacher Effekt, könnte man meinen, aber er passt in the Mood, den Rostock verbreiten will. Genauso übrigens wie die paar Takte von Lana Del Reys Smashit Video Games (was das wohl kostet?), was dann auch noch mal die Differenz zu Dortmund in den Ausmaßen des Ärmelkanals deutlich macht: Wo dort Another World von Antony and the Johnsons dem Ganzen äußerlich bleibt wie die Zeitraffer-City-Lights-Totalen, weil mit so einem hübschen Lied in jedem Episodenfilm der Zwischenstand der Einsamkeitsüberbrückung von den Protagonisten durchgegeben werden kann, fügt sich der – zugegeben recht geräumige – Retro-Melancholism von Video Games in die Stimmung von Rostock.

Nicht zuletzt – hat Dortmund in uns wirklich so viel Schaden angerichtet, dass wir uns jetzt zwanghaft daran abarbeiten müssen; nicht, dass wir noch zum Therapeuten müssen, wenn das nicht besser wird, und in der Forschung den Begriff vom "Dortmund-Syndrom" begründen werden – gefällt Stillschweigen mit ein paar Details, die zur Grätsche an den durchformatierenden Fernsehenkonventionen taugen: Dass Slomo etwa nicht gleich weiß, wo er den Zündschlüssel an seiner derben Judaslohn-Scheese einführen muss, ist ein hübscher Fingerzeig in Richtung jener Kommissare, die in der Münchner Innenstadt immer einen Parkplatz finden.

Keine Metapher für die Ewigkeit, weil sie nach dem upcoming Ende des automobilen Individualverkehrs nicht mehr verstanden werden wird: "Jeder parkt mal in ner falschen Garage"

So klingt Fundamentalkritik im Rocker-Biz: "Dein Chapter ist doch eh im Arsch"

Ein Satz, der dem Paranoiker in uns den Angstschweiß aus allen Poren treibt: "Bernd, wir müssen über Freitag reden"

21:45 30.09.2012
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