Ist die pipi?

Tatort Münster schafft uns oder warum Axel Prahls Thiel und Jan Josef Liefers' Boerne die Verlängerung des Heinz-Rühmann-Humors ins 21. Jahrhundert sind: "Der Fluch der Mumie"

Münster ist mühsam. Auch im nun 17. Fall des Ermittlerduos Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers) bleibt unklar, was das alles eigentlich soll. Das ganze Elend von Münster steckt diesmal schon in der Typografie zu Beginn: Für Der Fluch der Mumie sind die Titel in einer Schrift gehalten, die den Stil von Groschenheften zitiert. Das könnte ein Witz sein, wenn sich der Tatort tatsächlich pulp fiction trauen würde – am Ende ist aber wie immer der Schuldige gefunden und überführt. Dass es sich dabei um den von Thomas Lawinky gespielten JVA-Leiter Bausch handelt, ist keine Überraschung. Nicht nur weil Lawinky, wo er auftritt, zumeist die Bösewichter spielt, sondern mangels Alternativen. Der einzige andere Aspirant – der frisch aus der Haft entlassene, jugendliche Delinquent und temporäre Obduktionshelfer Lechner (Tobias Schwenke) – kommt schon deshalb nicht in Frage, weil er sich mit der liebenswerten Boerne-Assistentin "Alberich" Briefe schreibt; anders als gewöhnlichen Tatort-Figuren würde ihr kein Drehbuch der Welt ein Tête-à-Tête mit einem Mörder zumuten.

Womit wir beim Leiden wären: Münster will alles sein, nur nicht gewöhnlich. Und probiert deshalb in jeder Folge einen Balanceakt, der jedes Mal misslingt – lustig und Tatort zugleich. Münster ist eine Schwundstufe der beliebten Krimiserie, die unfreiwillig daran erinnert, dass der Preis für Originalität hoch ist in Zeiten der allsonntäglichen Grundversorgung mit einem neuen Krimi. Also gibt es: Klamauk. Der eitle Boerne und der knurrige Thiel, die immer wieder in Situationen geraten, in denen der eilte Boerne vorweg marschiert und der knurrige Thiel widerwillig hinterher (diesmal beim Einbruch in das archäologische Institut Schorlemer) – wie oft haben wir das jetzt schon erleben müssen?


Während Axel Prahl als ostentativer St.-Pauli-Fan und bodenständiger Fahrradfahrer sich sein Image als Anscheißer mit Herz ruiniert, weil er zu viel feineren Tönen fähig ist, als Inszenierung und Buch von ihm je verlangen (manchmal hat man tatsächlich das Gefühl, ihm beim Aufsagen seiner Sätze zuzuschauen), gibt Jan Josef Liefers den Fatzke, der – es geht ja auch um Ermittlungen – aber auch etwas zu den Ermittlungen beiträgt. Der Mangel an Mordverdächtigen in Der Fluch der Mumie hat auch damit zu tun, dass der Münster-Tatort mit den Grillen seines Klamauks derart beschäftigt ist, dass die Ermittlungsarbeit zwangsläufig liegen bleiben muss. Die kindischen Eifersüchteleien, die sich Boerne mit seinem Archäologie-Kollegen Kastner (Justus von Dohnanyi) liefern muss, die Liebesgeschichte von "Alberich", die Gelegenheitsarbeiten von Vater Thiel – all das kostest Zeit, die für den eigentlichen Fall dann fehlt.

Und es macht die Auflösung schal und absehbar, weil dieser ganze Familienzirkus in die Ermittlungen scheinbar integriert wird. Man braucht keine Fantasie dafür, um zu wissen, dass der Brieföffner, den Lechner Alberich schenkt, noch hilfreich sein wird; dass Lawinky durch seinen Handyton verraten werden wird (wobei man es dem Drehbuch von Stefan Cantz und Jan Hinter schon hoch anrechnen muss, dass das Handy nicht in dem Moment klingelt, in dem Lechner gerade mit der von Friederike Kempter gespielten Ko-Kommissarin Krusenstern beim Klingeltonraten sitzt); dass Lechner den Mörder in dessen Gegenwart verrät, damit dieser noch die Chance auf eine Geiselnahme mit Verfolgungsjagd kriegt; dass Lechner hauptberuflich Klempner ist und deshalb den leitmotivischen Wasserschaden in dieser Folge im Hause Thiel/Boerne beheben kann (wofür es, Witz, naturgemäß keinen Klempner mehr gebraucht hätte); dass Ko-Kommissarin Krusenstern zu Kommissar Thiel sagt, nachdem dieser in eine Autowaschanlage gesteckt hat: "Endlich mal wieder ne anständige Dusche."


Münster ist, und dafür ist diese Folge beispielhaft, Unterhaltung, die so nur in Deutschland möglich ist. Der so genannte kleine Mann (Thiel), der sich ins Fäustchen lachen darf über die eitle Obrigkeit (Boerne) – das ist die Verlängerung des Heinz-Rühmann-Humors ins 21. Jahrhundert. Der brave Bürger auf der Couch soll sich kurz über seine Obrigkeitshörigkeit auf die Schenkel klopfen, weil der Professor ja so ein Trottel ist – dabei bleibt der Professor, siehe oben, in Wirklichkeit immer auch Mann der Tat, ernsthafte Hauptfigur, weil er die Fälle dann doch löst.

Und so ist das Übelste am Münsteraner Tatort diese Biederkeit, die permanent an plumpestes Amüsement appelliert: Wie gerade in dieser Folge über alle Menschen geredet wird, die keinen Ariernachweis bis ins Mittelalter erbringen können ("Lassen Sie sich nie mit einem Kameltreiber ein", "Roter Libanese oder Schwarzer Afghane") beziehungsweise nicht im Rasse-Lehrbuch von 1935 stehen (all die ermüdenden Anspielungen auf "Alberichs" Größe), das mag für manchen als Ausweis von besonders viel und womöglich noch "erfrischender" Unkonventionalität gelten – es ist aber leider nur dumm, ignorant und öde.
Nach so einer Sendung hätte man statt Anne Will eigentlich Heinz Schenk im "Blauen Bock" erwartet.

Stehende Wendungen gegen den Strich gebürstet (1): "Ich habe keine blasse Ahnung"
Stehende Wendungen gegen den Strich gebürstet (2): "Klappern gehört zum Handwerk"

21:45 16.05.2010
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