Jeder schlägt für sich allein

Im Kino Birgit Grosskopfs zarte Mädchengang-Elegie "Prinzessin" und Jan Bonnys verhinderte Ehe-Tragödie "Gegenüber"

Gewalt ist keine Lösung, weil sie nie am Ende eines Konflikts steht, sondern ihn ins Unendliche verlängert. Gewalt zu erzählen, bedeutet also eine Geschichte zu erzählen, die keinen Anfang und kein Ende hat und Höhepunkte, Umschwünge oder Zuspitzungen fortwährend unterläuft, und damit immer nur gefangenen bleibt in der Agonie des ungelösten Konflikts. Davon zeugen zwei aktuelle deutsche Filme, die ihre flachen Dramaturgien an dem ausweglosen Lauf der Gewalt angenähert haben.

In Birgit Grosskopfs Film Prinzessin - der im letzten Jahr beim Max-Ophüls-Festival den Preis des saarländischen Ministerpräsidenten gewann und nun endlich in den Kinos zu sehen ist - tritt die Gewalt ansatzlos zutage. Der Dämmer einer leeren S-Bahn, eine Mädchenclique, breitbasig verteilt im verwaisten Abteil, und eine unbeteiligte Passantin, die nicht weiß, wohin sie ihren Blick heften soll, weil jeder Zentimeter des Raums den anderen zu gehören scheint. Yvonne (Henriette Müller) steht auf, die Anführerin der Viererbande, und schlägt, ohne Grund, ohne Erklärung, zweimal zu.

Grosskopfs Film folgt der Gruppe bei ihren ziellosen Gängen durch irgendeinen Randbezirk im Ballungsraum Rhein-Ruhr. Eine unwirtliche Welt: unter Brücken, in Tunneln, vor den riesigen Wohnhäusern - überall schweigt Beton. Prinzessin spielt zwischen den Jahren, ein paar Tage nach Weihnachten und kurz vor Silvester, aber die Wärme, die vom Fest der Familie ausgehen soll, streift die Mädchen nur als dekorativer Klimbim in einem Einkaufszentrum. Das Leben der vier hat keine Feiertage, der Alltag besteht aus der immer gleichen perspektivlosen Suche: rumhängen, abziehen, zusammenschlagen, trinken, feiern. Kontakte zu Jungs, die erste Liebe kommen kaum vor oder sind, wie in den Erzählungen von Jenny (Desirée Jaeger) auf Sex reduziert. Einzig Katharina (Irina Potapenko), Kind russischer Migranten, lebt in etwas, das man familiären Zusammenhang nennen könnte, dem sie deshalb zu entkommen versucht, weil das abgekoppelte Leben unter Zugewanderten eine Stigmatisierung bedeutet. Die Kulturen sind geschieden, gleichwohl sie eigentlich vermischt sind, und Anerkennung gibt es nur bei den Deutschen. Am Ende, als Katharina sich vom gewalttätigen Streunen verabschieden will, wird ihr diese Anerkennung folgerichtig wieder entzogen. Eine vage Hoffnung, zumindest ein Ziel hat Prinzessin in der halbjährigen Gefängnisstrafe, die Yvonne antreten muss. Der anstehenden Disziplinierung - und dem vorläufigen Ende der Geschichte - entzieht sich Yvonne einfach so: Sie kehrt zur Gruppe zurück für die paar Tage, die Polizisten nach ihr suchen werden.

Prinzessin ist trotz seiner Drastik durchaus ein unentschiedener Film. Birgit Grosskopf schwankt zwischen Psychologie, die im Falle von Katharina etwa einen Ausstieg aus der Banalität des Rabiaten motiviert, und Beobachtung, die den Zuschauer nicht mit eilfertigen Erklärungsmustern versorgt. Diese Unentschiedenheit ist am Titel abzulesen: Prinzessin, das sich wohl auf die "zu rettende", unschuldigere Katharina bezieht, könnte auch auf Yvonne gemünzt sein, deren harter Stolz nur Gewand einer kindlichen Verletzlichkeit ist, das gegen das gewalttätige, liebesfeindliche Lebensumfeld Schutz verheißt. Erlösung suggeriert der Choral O virga ac diadem, der motivisch den Film aber so zurückhaltend akzentuiert, dass die Gefahr des Sozialkitsches, der sich mit der Idee einer deutlich ausgestellten "Errettung" verbände, gebannt bleibt.

Jan Bonnys Film Gegenüber, der in diesem Mai auf dem Filmfestival von Cannes lief, hat mit Prinzessin viel gemein. Vor allem äußerlich: der räumliche Hintergrund ist ebenfalls aus trostlosem Beton, den zeitlichen bildet wiederum das Weihnachtsfest. Auch hier geht Gewalt geschlechteruntypisch von Frauen aus, und wenn auch die Protagonisten von Gegenüber - ein kleinbürgerliches Ehepaar, er Polizist, sie Grundschullehrerin - älter, erwachsener sind als die allein gelassenen Mädchen in Prinzessin, so bedeutet das nicht, dass sie mündig wären. Georg, den Matthias Brandt mit unprätentiöser Stoik und stummer Verzweiflung spielt, versagt vor den traditionellen Anforderungen an sein Geschlecht: Er ist der untaugliche Schwiegersohn, der noch immer auf die Schecks des Patriarchen angewiesen ist, um das Studium seiner Kinder zu finanzieren. Formal gibt sich Bonnys Film konsequent: Gegenüber beschränkt sich aufs Beobachten, keine zusätzliche Musik bietet Halt oder verstärkt Gefühle. Die Handkamera schottet, vor allem wenn sie Georg von hinten folgt, das Drama des schwachen Mannes gegen die Außenwelt ab, der kühle Schnitt sortiert die Filmbilder wie Akten in einem Büroschrank. Georg ist scheinbar ein Vorzeigeehemann, der seiner Frau auch nach Jahren der Ehe Blumen mit nach Hause bringt oder Schokoladenweihnachtsmänner in den Briefkasten stellt. Dass die Fassade, an deren ständiger Aufhübschung Georg mit ritualisierter Aufmerksamkeit arbeitet, die Kluft zwischen dem Paar verbirgt, zeigt sich schon zu Beginn. Anne (Victoria Trauttmannsdorff) versteckt ihre Zigaretten, während Georg den erwachsenen Kindern (Anna Brass, Pablo Ben-Yakov) lachend erklärt, dass die Mutter schon lang nicht mehr rauche. In diesem um Jovialität bemühten Lachen liegt der Kern von Georgs Scheitern, den der Film gekonnterweise nie völlig freilegt: Das Harmoniebedürfnis des zaudernden Mannes geht so weit, dass man nie sicher ist, ob er sich die Lügen über sein Leben nicht längst als Wahrheit glaubt.

Das Unerhörte an Gegenüber besteht in der schmerzhaften Art und Weise, in der das Ehepaar aufeinander bezogen ist. Wo Georg seine Ruhe und Routine will, sucht Anne nach einem Mann, an dem sie sich reiben, spiegeln, bewähren kann, und - weil sie immer nur ein konfliktscheues Nichts findet - das notfalls mit Gewalt. Die Szenen, in denen Anne Georg mit ihrem Fäusten und Füßen traktiert, bis ihr die Kraft ausgeht, sind für den Betrachter mitunter quälend, gerade weil sie so schmucklos und unvermittelt inszeniert sind. Nicht einmal Annes Seitensprung mit dem Kollegen (Wotan Wilke Möhring) entlockt dem hinzukommenden Georg Gefühle von Wut oder Aufbegehren. Das ist der vielleicht beklemmendste Moment des Films: Wie Georg nach Hause kommt, das Paar beim Sex überrascht und am Tisch Platz nimmt, um Suppe zu löffeln. Später sitzt er, wie ein Kind, das seine Schlüssel vergessen hat, ein Stockwerk höher, um den Abgang des Kollegen nicht mit ansehen zu müssen.

Die Ausweglosigkeit des Dramas, von dem Gegenüber an manchen Stellen vielleicht etwas ungelenk erzählt, liegt in dem männerbündlerischen Umfeld, das Georgs einzigen Zugang zur Außenwelt bildet. Ob Anne ihn beim Sex auch geschlagen habe, will Georg von dem Kollegen wissen, der ihm entgeistert entgegnet, er sei doch nicht pervers. Das die Gewalt in der Beziehung zwischen Anne und Georg aber höchstens entfernt an eine Spielart des Sexuellen erinnert, macht das Reden darüber noch schwerer: Georgs Wunden will keiner sehen. So ist Gegenüber im Gegensatz zu Grosskopfs eher elegischem Film Prinzessin eine Tragödie, die kaum stattfindet: Weil Georg, wenn er sich wehrt, nur selbst schuldig wird. Und weil es, wenn Georg sich nicht wehrt, so ewig weiter geht mit der Gewalt.


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