Jetzt freu dich mal nicht zu früh

Polizeiruf Magdeburg fängt in der Folge "Der verlorene Sohn" nicht gut an und wird dann nur manchmal besser, weil die Akteure schon reden müssen wie die Leute in der Talkshow danach

First Time Magdeburg, und dann wird ein, wie der etwas antiquiert wirkende Begriff in der dazugehörigen Breitenwahrnehmung lautet: Ausländer von Neonazis gejagt, die so neo sind, dass sie fancy Masken tragen, hinter denen auch Globalisierungsgegner vor Bankfurter Frankhäusern ihre Nichteinverstandensein performen könnten. Kommt das cool? Eher nicht so.

Wenn die Wörter sich für eine Bildbeschreibung selbst aufstellen (Ausländer, Neonazis, gejagt), stimmt etwas mit dem Bild nicht. Das Bild kann gar nicht inszeniert werden, weil es immer schon da ist – und dass heißt, seufz, nicht, dass es im – was dann eben auch noch dazu gehört an weiteren Wörtern – Osten kein Problem mit Neonazis gäbe. Das heißt nur, dass man so nichts erzählen kann. Die allerdöfste Weise, in der Magdeburg als Sonntagabendkrimischauplatz das Licht der Welt erblicken kann, ist: so (Buch: Christoph und Friedemann Fromm, Regie: nur Friedemann).

Ganz so doof geht nicht weiter oder nicht immer weiter, das blinde Bild bleibt aber nicht das einzige, was der Folge Der verlorene Sohn äußerlich ist. Im Slang des Hackepeters müsste man von halb und halb sprechen, der Sportreporter würde beim ersten Einzelzeitfahren auf Licht und Schatten entscheiden. Wer Ansprüche hat, kann enttäuscht sein: Der Reiz des neuen Sonntagabendkrimis (SAK) ist ja doch immer, dass er in terms eines sportlich-saisonal-historischen Wettstreits auf Überbietung aus sein könnte, dass er der Reihe eine neue Idee schenkt oder auch nur einen guten Ansatz – den derzeit Gesamtführenden tunnelt durch etwas, was noch keiner gesehen hat.

Das Kampfmaschinenhaftere

Beim Polizeiruf ist das zuletzt München und Rostock gelungen, beim Tatort Frankfurt und Münster. Gelingen kann man dann daran messen, dass weniger ambitionierte Schauplätze das Neue einfach nur standardisieren wollen. Saarbrücken hat sich an einer Übersetzung des Lustig-"Inkorrekten" aus Münster versucht, und Magdeburg sticht jetzt Conny Mey und Fränki Steier aus dem Teig, der da zusammengerührt wird.

Herausgekommen sind Marion Brasch (den wahren Vornamen wird René Artois in den Kommentaren preisen) und Heiko Drexler, beide leicht variiert ins Kampfmaschinenhaftere (Brasch) und Säurigere (Drexler), was aber leider nur bedeutet, dass die Figuren nicht so genau sind wie "dereinst" (Th. Mann) in Frankfurt. Dabei könnten die Schauspieler das bestimmt: Claudia Michaelsen kriegt von ihrer Toughness sowieso so einen dropsigen Zug um den Mund, und Sylvester Groth ist unter den Aggregatzuständen des Schauspielens eher flüssig oder gasförmig, weshalb man gerade ihn stärker begrenzen müsste durch einen konsistenten Entwurf.

Tatsächlich müssen beide aber mit einer Doppelbelastung dealen: Die Sätze sagen und Sachen machen, die die Konvention vorschreibt, und daneben erst sie selbst sein. Brasch etwa ist durch diese krasse Sohn-Geschichte (Vincent Redetzki) völlig überdeteminiert; bei dem Thema das eigene Kind auch noch an den Drums der Nazi-Band – wie hätte das je gut gehen können? Gerade der Zusammenraufprügelei gegen Schluss merkt man an, wie wenig intensiv so was eigentlich doch total Intensives ist (dass die eigene Mutter dem eigenen Sohn beruflich begegnet und dann auch noch Mordaufklärerin ist): die Verzweiflung, die da darin stecken soll, spürt man nicht.

Hin und her

Umgekehrt hat "Paragrafen-Drexler" seine Moment, wenn er Angst vorm Gesetzesübertritt hat und deshalb "Panik-Drexler" sein Nick sein müsste. Das mechanistisch-anlyrisierte Sprechen von Groth müsste sich doch für mehr nutzen lassen als die Werktagsmelancholie dem halbverwaisten Kind gegenüber, das, die irgendwie auch erwartbare Kehrseite des gekillten "Ausländers", dann in seiner Unschuld überhöht wird.

Es geht immer so hin und her. Wenn man findet, och, der Schwenk über die Elbebrücke (Kamera: nicht Hans Fromm, sondern Anton Klima) war gerade aber mal ein Raumdeuter, dann steht die Nazi-Band statt in einem Probenraum auf einer Probenbühne herum, als wüssten sie, dass sie dabei vom Fernsehen gefilmt werden und Fernsehen ist, wenn's nach mehr aussieht als richtigem Leben.

Und wenn man denkt, dass der erste Post-NSU-SAK doch von allein ein anderen Blick aufs Thema öffnen müsste, dann benehmen sich die Nazis doch wieder nur so wie immer. Immerhin fordert der Vorgesetzte Lemp (trägt den Hemdkragen mit distinktiver Distanz zum Hals: Felix Vörtler) gerade, dass am besten ein Nazi als Mörder des Samuel Layé (Jerry Kwarteng) ermittelt würde (weil das der Behörde keine Vorwürfe einbringen würde, die man dem Verfassungsnichtsnutz macht). Dass am Ende das Standortmarketingargument zur Nazi-Bekämpfung (Dann kommen weder Investoren noch Touristen) von den Nazis konsequent in Lokalpolitik umgedreht wird (Wir investieren selber, brauchen also auch keine Investoren mit russischem Background), ist dem Film vermutlich eher passiert. Ein bisschen originell.

Günni Jauch vor der Zeit

Das Zweitschlimmste, wenn auch nicht ganz so schlimm wie in der allerschlimmsten letzten Woche, ist, dass man die Verwicklungslogistik im Fall irgendwann nicht mehr nachvollziehen kann. Wobei man auch wieder Merkste-Selber-Bingo spielen könnte mit den Dialogzeilen: "Was kommt denn bitteschön als Nächstes ans Licht?" ist eine Frage, die eigentlich ein Verantwortlicher bei den Drehbuchdiskussionen dieser arg vollgestopften Geschichte hätte stellen müssen.

Das Schlimmste ist hier aber, dass die meisten Akteure schon die diskursiv erwartbaren Erklärungen raushauen, mit denen man erst ab 21.45 Uhr im Sprechpuppenrund von Günni Jauch rechnen würde: "Combat 18, 1 8, A H, Adolf Hitler" oder auch "Wir sind die, ohne Jobs, 150 km zur Arbeit". Da reden keine Menschen miteinander, sondern Wandzeitungssätze, Zeitungsartikel und Günni-Jauch-Statements. Was für einen Journalisten, der sich die Wirklichkeit immer nur zusammengoogelt dann eine um so größere Enttäuschung ist, weil man sich doch von einem Drehbuch erhoffen wollte, dass es mal rausgeht in diese Wirklichkeit, statt die Szenebeschreibungen aus den Texten zu copypasten, die von Zeitungen geschrieben wurden.

Es ist noch, wir müssen das Positive hervorheben, viel Luft nach oben. Und ein hübsches Detail für die etwas verblasene Action (gerade zum Schluss): Wie da so eine Bahnsteig-S-Bahn-Abfahrtsszene gedreht werden muss, in der Brasch zu spät kommt, der Zugfahrer sie aber noch sehen kann, weil der Zug in dem jetzt nicht so metropolenhaften Magdeburg nur aus einem Waggon besteht. So was kommt in New York einfach besser, wenn da ein ausgewachsener Zug durch die Station rasselt.

Ein Hinweis, mit dem man jedem Chef eine Freude macht: "Ich schätze einen anderen Umgangston"

Eine Ortsangabe, die uns aus dem Herzen spricht: "Chez Koslow"

Etwas für den Grabstein: "So war Matze eben"

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21:45 13.10.2013
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