Matthias Dell
Ausgabe 1415 | 15.04.2015 | 06:00

Jetzt geht’s los

Kulturpolitik Der Streit um eine neue Direktorin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ist eine große Chance

Was man mit der schönen Zeit alles hätte anfangen können! Seit Juni 2014 hat die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) an ihrer Spitze ein Leerstelle, seit mittlerweile neun Monaten ist das Haus ohne Direktorin, nachdem der ungeliebte Jan Schütte als Dekan ans Conservatory des American Film Institute in Los Angeles gewechselt war. Dass sich Schüttes Nachfolge rasch regelt, steht nach den Entwicklungen der letzten Zeit nicht zu befürchten – das ist vielleicht aber nicht das Schlechteste.

Denn der Prozess der Neubesetzung, der von Björn Böhning (SPD), dem Chef der Berliner Senatskanzlei und Vorsitzenden des DFFB-Kuratoriums, verantwortet wird, hat sich bislang als wenig produktiv und ziemlich verdrießlich erwiesen. Die Bilanz in Zahlen: zwei Kandidaten, die ihre Bewerbung wieder zurückgezogen haben; eine einstweilige Verfügung; zwei offene Briefe an Böhnings Vorgesetzten, den Regierenden Bürgermeister Michael Müller.

Die Schuld an der kulturpolitischen Malaise könnte man einer querulatorischen Studentenschaft zuschieben, die sich zu viel auf die widerständige Geschichte des Hauses einbildet (gleich der erste Jahrgang mit Harun Farocki, Wolfgang Petersen, Hartmut Bitomsky wurde 1967 zeitweise vom Studium ausgeschlossen; mit Holger Meins und Philip Sauber gehörten zwei spätere Terroristen zur Studentenschaft). Allerdings hieße das auch, im für eine Demokratie befremdlichen, weil intransparenten Verfahren der Direktorenfindung kein Problem zu erkennen. Das Versprechen Böhnings aus dem Herbst letzten Jahres, eine Entscheidung über die Stelle nur im Konsens mit der Studentenschaft zu treffen, erwies sich als ein leeres.

„Extrem unglücklich“

Im Dezember sollte nämlich der österreichische Regisseur Julian Pölsler zum neuen DFFB-Direktor berufen werden. Pölsler war der Kandidat des Kuratoriums, während die Studenten und Dozenten für die Kamerafrau Sophie Maintigneux votierten. In einem demokratischen Prozess hätten sich beide Bewerber präsentiert – und eine anschließende Diskussion in der einmal existierenden Findungskommission aus Kuratoriumsmitgliedern, Studenten- und Dozentenvertretern hätte sich auf die ideale Kandidatin geeinigt. Stattdessen galt Pölsler als designierter Direktor, der von seiner Bewerbung Abstand nahm, als der Protest der Studenten zu groß wurde.

Nach Wochen der Funkstille präsentierte Böhning Ende Februar Ralph Schwingel als quasi schon ernannten Kandidaten. Die Bewerbung des Produzenten war zu diesem Zweck auf September 2014, den Monat des Bewerbungsschlusses, rückdatiert worden – ein Vorgang, den Schwingel im Gespräch mit dem Tagesspiegel „extrem unglücklich“ nannte; man könnte auch „höchst peinlich“ und „offen verlogen“ sagen.

Am Mittwoch vergangener Woche hat nun auch Schwingel seine Bewerbung zurückgezogen. Eine einstweilige Verfügung, die Sophie Maintigneux unter anderem wegen Wettbewerbsverzerrung erwirkte, machte die sofortige Vertragsunterzeichnung unmöglich. Zudem ließen die studentischen Proteste nicht nach: Weil Fahrstühle und Treppenhaus blockiert waren, musste Schwingel seine Vorstellung in einem Kellergang des Filmhauses am Potsdamer Platz absolvieren.

Das kann man, wie mancher Beobachter, unanständig finden oder so darstellen, als seien die angehenden Filmemacher durchgeknallte Radikalinskis. Es ist nur leider falsch beziehungsweise tendenziös. Denn die Studenten wehren sich mit friedlichen Mitteln allein gegen das Gemauschel, das sich hier Verfahren nennt (die Person Schwingels ist tatsächlich nebensächlich), indem sie – für die beschränkte, aber wachsende Öffentlichkeit – Bilder produzieren wie das von Schwingel im Keller.

Denn damit dürfte ausgeschlossen sein, dass Böhning (von dessen Büro auf Nachfrage kein Statement zu Schwingels Rückzug zu vernehmen war) demnächst einen weiteren Kandidaten aus dem Hut zaubert, der mit Bewerbung vom September DFFB-Direktor werden soll – weil sich nun kaum mehr jemand finden lassen wird, der Lust haben dürfte, sich von oben durchsetzen zu lassen.

Und darin steckt die große Chance der – verglichen mit den Filmhochschulen in Potsdam, München, Ludwigsburg – kleinen DFFB, die im nächsten Jahr 50 Jahre alt wird: dass man sich darüber verständigt, was die Institution will, dass sie ihre Statuten offenlegt (sind derzeit nicht auffindbar) und die Besetzung des Kuratoriums klärt (sitzt aktuell keine Filmemacherin drin, nur TV, Filmwirtschaft und -verwaltung).

Die Position der Studenten, die auf künstlerischem Freiraum in dem Haus insistieren, und die Haltung Böhnings, der Zuschauer und Film als „Kunden“ und „Produkt“ denkt, mögen weit auseinanderliegen. Die scheinbar verfahrene, in ihrer Offenheit elektrisierende Situation eröffnet in Wahrheit aber den Raum, in dem man sich dem Eros einer grundsätzlichen Verständigung erst hingeben kann.

Schade ist es nur um die Zeit: Man stelle sich einmal vor, worüber man sich in neun Monaten freien Denkens hätte austauschen können.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 14/15.