Jetzt wird's spannend

Tatort-Wiederholung Beau Visage: SF-Kommissar Reto Flückiger hilft zum zweiten Mal bei Klara Blum in Konschtanz aus, bevor er sich selbständig macht. Sonst geht's um Schönheitschirurgie
Jetzt wird's spannend
Noch einmal ermitteln die deutsche Kommissarin Klara Blum und der Schweizer Kantonspolizist Reto Flückiger gemeinsam in einem grenzüberschreitenden Fall

Foto: daserste.de

"Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" (Jürgen Marcus), aber dummerweise fängt das neue Leben vom schweizerischen Kantonspolizistengentleman Reto Flückiger (Stefan Gubser) in Luzern an – und das sagt der smarte Eidgenosse der verliebten Klara Blum (Eva Mattes) ausgerechnet beim Tête-à-Tête in der lonely Bar. Eigentlich hätte er sich dabei auch in die Kamera drehen können, denn die Versetzung nach Luzern bedeutet zugleich die Nobilitierung zum SF-Tatort-Kommissar: Flückiger darf künftig allein ran und muss nicht nur mehr auf Amtshilfe für Konschtanz hoffen, mittels derer er nun mehrfach eingeführt wurde.

Nun, den Perlmann (Sebastian Bezzel) wird's freuen. Denn wenn der Reto Klara schöne Augen macht, bleibt schon dramaturgisch für den Assistenten der Kommissarin kaum mehr als eine Statistenrolle (vom Los des lokalen Gerichtsmediziners Dr. Wehmut aka Benjamin Morik ganz zu schweigen – in Der schöne Schein obduziert nur der Schweizer Kollege namens Simon; vielleicht eine subtile Form der Rache an all den Deutschen, die in der realen Schweiz Arbeitsplätze besetzen). Zwar versucht das Drehbuch von Susanne Schneider für Perlmann Verwendung zu finden in Form eines Undercover-Einsatzes in der Schönheitsklinik "Beaulac", die für Aficionados der Schweizer High-End-Hotellerie fortwährend nur als Zusammensetzung aus "Beau Rivage" (Genf) und "Baur au lac" (Zürich) lesbar ist. Aber dieser Undercover-Einsatz ist bei Lichte betrachtet eine ABM auf hohem Niveau: Die Akten, die Perlmann des Nachts liest, hätten auch einfach beschlagnahmt werden können.

Für die Details, die das Mitfiebern erst zum Spaß machen, hat Der schöne Schein sowieso nicht viel übrig. Die Gemengelage ist, um es höflich zu sagen, komplex: Die die Klinik führenden Ehepaare, die sich seit dem Studium kennen, pflegen nicht nur Intimbeziehungen kreuzweise, sondern auch kriminelle untereinander beziehungsweise auf eigene Faust. Da kommt man mit Psychologie irgendwann nicht mehr mit: Die fesche Klinikbesitzerin Bonnie Marquardt ist mit dem Anästhesisten Peter (der Geschäftsführerfrisör von letzter Woche: Johann Bülow) verheiratet, einem Filou, der statt sich weiterzubilden im Schwarzwald Edelpuffs besucht, dem sie aber dennoch von ihrem Verhältnis ("ficken") erzählt, das sie mit Holger Riekert (Andreas Pietschmann) hat, der die Klinik zugleich mit Billigimplantaten aus China betrügt, um sich – und irgendwie ja auch seiner Frau Gloria (Ursina Lardi) – einen sonnigen Lebensstil zu finanzieren (Yacht, Auto, fancy Glashaus). Jeder hat also ordentlich was auf dem Kerbholz, was Verdächtigungen erschwert, aber eben billig ist, weil man das irgendwann nicht mehr in seine Vorstellungen von Wahrscheinlichkeit und Vernunft integrieren kann. Und gesellschaftspolitisch folgt daraus: nichts. Dass das Schönheitschirurgenmilieu für Sympathiepunktgewinne nicht taugt, ist keine besonders aufregende Erkenntnis.

Krasskorruptes Kuddelmuddel

Und dann passen diese ans Zimmer Frei-Bilderrätsel erinnernden Morde ("Der Fisch stinkt vom Kopfe her", "Mitgehangen, mitgefangen") – die gegen Ende die Höhen des geflügelten Wortes verlassen und in die Ebene der Konkretion wechseln (Peter Marquardt im Rollstuhl mit Intubationsknebel auf dem Rollstuhl vor dem Golfloch lässt sich nur vor dem Hintergrund seines Hobbys und des Schicksals der Hausmeistertochter verstehen) – von Anfang an nicht zum Klinikführungspersonal; so viel Symbolismus gehört ins Arsenal des psychopathischen Serienmörders, der das Alte Testament noch gelesen hat. Dass Flückiger ihn am Ende zu Tode stupst, wird genauso wenig thematisiert wie das Wohlergehen des von Zöllner (Samuel Weiss) im Heim seiner Tochter anästhesierten oder getöteten Polizisten.

Klara Blum, Perlmann und der Schweizer Beau wirken von dem Blendwerk mit seinem moralischen Ausgang (Gloria Reikart hätte die Zöllner-Tochter zur Wiedergutmachung am liebsten noch im Rettungswagen adoptiert) etwas überfordert: Wenngleich wir alle die Länderwitze und Schweizvergleiche ("Frauenwahlrecht", "bei euch ist der Kaffee besser") ablehnen, kommt man schwer umhin, in Gubser nicht gerade einen Blitzgneißer zu sehen. Zu einem Zeitpunkt, da dem Zuschauer schon der Kopf schwirrt von diesem krasskorrupten Kuddelmuddel, das sich hinter der schicken Klinikarchitektur verbirgt, sagt der den spitzfindigen Satz: "Mensch, da wird doch irgendetwas vertuscht." Ach, nee. Die Erde ist eine Kugel! Freuen wir uns auf den SF-Tatort aus Luzern, Premiere soll am 17. April sein.

Ein Utensil, das wir langsam nicht mehr sehen können: diese transparenten Stellwände, auf die Tatort-Kommissare ihre Verdächtigungsskizzen schreiben

Ein Sprichwort, das wir noch nie gehört respektive auf einer transparenten Stellwand gelesen haben: "Die kleinen Fische fängt man, die großen Fische lässt man laufen"

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21:45 16.01.2011
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Ausgabe 41/2021

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