Kälteidiotie

Tatort Münsteraner Klassik: In der Folge "Hinkebein" ist alles wieder so, wie Liebhaber von Thiel und Boerne es mögen. Und zur Abwechslung sieht der "Tatort" auch gut aus

Erinnert sich noch jemand an Bulle? Bernd Bulle, gespielt von Oliver Bokern, trat in den ersten Folgen des Münsteraner Tatort als Polizeipraktikant in Erscheinung. Eine Figur, der man den lustigen Drehbucheinfall, der sie war, schon am Namen ansah: Ein "Bulle" , der Bulle heißt, bietet bei jeder Vorstellung die Möglichkeit zum Gag, vergleichbar mit Columbos Bassett имени Hund. Bulles Aufgabe bestand in der Reduzierung des antiken Chors auf die größtmögliche Stulligkeit, eine Art Zip-Datei der Mauerschaueckstehers, der sich so dümmlich gab, wie ernsthafte Charaktere nicht sein wollten. Bulle war eine Figur, die nur auf einer Ebene funktionierte, weil Ironie ihr als Mittel nicht zur Verfügung stand, ein Edelkomparse, der am Schauplatz des Verbrechens auflief wie Pik 7. Vermutlich war das (fehlendes Entwicklungspotential, mangelnde Beweglichkeit) ein Grund, warum die – das ist tatsächlich nur deskriptiv gemeint - Kopfgeburt Bulle in der Wirklichkeit des fertigen Films nicht überleben konnte und bald ausdelegiert wurde. Ein anderer dürfte das Stammpersonal von Münster gewesen sein, das in seinem beträchtlichen Umfang die Maßlosigkeit der Playlist (4 Hits!) Christian Wulffs beim „Strapfenzeich“ (Ulrich Deppendorf) schon immer vorwegnahm.

Bulle ist back – könnte man nun zumindest auf den ersten Blick meinen, da in der Folge Hinkebein der Pressemensch der Münsteraner Polizei die russischen Gäste begrüßt. Diesen Michael Hausner treibt Arndt Schwering-Sohnrey mit einiger Lust ins eben Dümmliche des in solchen Positionen erwarteten Pressesprechens, wo jeder Satz von den Zwecken des Dauerlächelns und Imagebuilding untergehakt wird, was in der Digitalkommunikation durch Heerscharen von Smileys und Bataillone von Ausrufezeichen ausagiert würde.

Der Gedanke des Remakes of Bulle ist von Bedeutung, insofern Hinkebein sich nach den Ausflügen ins Rheinische des Tatortism  und den Formatermüdungen wieder an das erinnert, was Münster sein soll – und was von den Liebhabern geschätzt wird. Jan Hinter und Stefan Cantz, die prägenden Autoren des Münsteraner Tatort, greifen zurück auf die klassische Form: slapstickige Thiel-Boerne-Duelle („Verdienen Sie sich was dazu beim Chinesen?“); die per Crossdressing variieren (Thiel im Anzug, um die russische Delegation zu begrüßen); leichte Figurenentwicklungen (Nadeshda kriegt ein Techtelmechtel mit einem der Delegierten) beziehungsweise Konzentration aufs Kerngeschäft des Charakters (Frau Staatsanwalt und das Rauchen, Vatter Thiel und das Kiffen), dadaisierende Sprachwitze („War wie Wien, wie war Wien?“), ein Kriminallfall, der mit der Spannung des Whodunit hantiert und gleichzeitig Raum für die Privatismen lässt, die im Fall der russischen Delegation motivisch durchgehalten werden und am Ende falllösungsentscheidend sind.

Schal returns als Schnuppi

Kurz, es gibt bei dieser Geschichte zweifellos eine Könnerschaft zu begutachten, die sich im Sinn noch für Details zeigt. Boerne etwa darf beim Geständnis seiner einstigen Love Affair mit der alkoholkranken Katja Braun (Tanja Schleiff) sehr schön den richtigen, nämlich sich unterscheidenden Gebrauch von Plusquamperfekt und Perfekt demonstrieren: „Ich habe diese Dame seit Jahren nicht gesehen, ich hatte diese Dame seit Jahren nicht gesehen“. Die einstige Kollegin hatte kurz zuvor nach langer Zeit wieder angeklampfert beim „Tiger“, wenngleich nur aus dem Kalkül, ein Beweisstück im durch des Zuhälters Rückkehr auf die Szene aktualisierten Falls des Sexarbeiterinnenmords beiseite zu schaffen.

Manfred Stelzer inszeniert souverän durch, und sogar die Kamera (Tomas Erhart) darf diesmal was wollen, sie sucht Distanz und Fluchtwege, also eine Tiefe des Bildes, auf die im Fernsehen zu Gunsten des reibungslosen Durchschauens häufig verzichtet wird – die Szenen im Schlachthaus von Ersatzvater Jörg Braun ("Schal" von letzter Woche als Schnuppi this time: Ole Puppe) oder auch die Blicke in die Asservatenkammer, der Ausflug ins Kino – das ist nicht ohne Reiz und Geschmack.

Wer Münster mag, wird also zufrieden, wenn nicht begeistert sein. Zumal die Anlage des Tatort als Schwank sich immer auch gegen Einwürfe schützt, die den Fernsehfilm auf die Streckbank des Realitätsabgleichs legen wollen. Dass der, sorry guys, große Wolfram Koch als Zuhälter fehlbesetzt ist, fällt nichts ins Gewicht, solange er vor Thiel im Kinosessel einen großen Monolog halten darf. Und was die Aporien des Handwerks betrifft, so kann auch hier Milde walten: Als klar ist, dass es noch einen biologischen Vater von der pubertär-derangierten Braun-Tochter (Michelle Barthel – immerhin länger als Koch und Puppe nicht mehr in einem Tatort als Problemjugendliche zu sehen gewesen) geben muss, kommt naturgemäß Presse-Hausner ins Visier des nach möglichen Kandidaten kramenden Zuschauergedächtnisses; schon weil es keinen anderen männlichen Verdächtigen mehr gibt. Das ist aber ebenso einer durch das Format limitierten Erzählökonomie geschuldet wie die vielleicht etwas lieblose, weil nicht ausführlich erzählte Überführung des falschen Alibis von Pflegevater-Braun (Filmkopie kaputt, Ninotschka statt Sein oder Nichtsein).

Für den, der mit Münster seine Probleme hat, bleibt das alles aber eine immer hohle Kunst, geht Hinkebein den Weg aller Virtuosität, die nichts will – sie verkommt zu purer Mechanik. Nun ist es vielleicht nicht richtig zu sagen, dass Münster nichts will, aber das, was Münster will, ist nicht viel: Zeitgenossenschaftsberuhigung und elaborisierende Gemütlichkeit. Dass der Zuhälter Heinrich Kock heißt, wäre etwa ein Kalauer, der für diesen Geist spricht, dass im Kino, in das Thiel barfuß stürmt, Die Drei von der Tankstelle läuft, dass Kocks Flucht aus den Händen von Klemm (Mechthild Großmann) mit dem "Gesundheitsterror" verwoben wird, die ewigen „Alberich“-Witze.

Praxisferne Schauspielernamen: Arndt Schwering-Sohnrey (als Hausner)

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: „Heute wollen sie mich wohl mit aller Gewalt zum Kotzen bringen“

21:45 11.03.2012
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