Matthias Dell
Ausgabe 2114 | 05.06.2014 | 06:00

Katheder der Kultur

Selbstoptimierung Juliette Binoche und Clive Owen tragen in „Words and Pictures“ einen Streit im Namen der Kunst aus

Katheder der Kultur

Dina Delsanto (Juliette Binoche) kommt als Kunstlehrerin an die Prep School, an der Jack Marcus (Clive Owen) Literatur unterrichtet

Foto: Screenshot, Youtube

Es ist nicht ohne Hintersinn, wenn ein Film sich Words and Pictures nennt. Denn was machte das Kino anderes, als dieses „Und“ zu organisieren? Film ist, wo bewegte Bilder und Dialoge sich „Gute Nacht“ sagen. Weshalb die sogenannte siebente Kunst in Fred Schepisis romantischer Komödie als Kriegsgewinnler aus der Auseinandersetzung zwischen den, kulturhistorisch gesehen, vorgeschalteten Disziplinen Literatur und Malerei hervorgeht, die sie selbst angezettelt hat.

Words and Pictures geriert sich die meiste Zeit also als „Words vs. Pictures“. Die Rivalität, die im Film tatsächlich „Krieg“ heißt, trägt die Gesichter zweier Lehrer, deren Ähnlichkeit schon die Parallelmontage zu Filmbeginn betont. Dina Delsanto (Juliette Binoche) kommt als Kunstlehrerin an die Prep School, an der Jack Marcus (Clive Owen) Literatur unterrichtet. Beide werden als Meister ihres Fachs erzählt, für die die Lehre nur eine Ausflucht ist: Delsanto leidet an chronischer Polyarthritis, die ihr das Malen erschwert beziehungsweise nur noch mithilfe von Manschetten und anderem Gerät gestattet; so erweitert die wackere Künstlerin im Laufe des Films die Spielarten des Action-Painting um eine Drehtechnik (bäuchlings auf dem Bürostuhl) oder mit einer der Hängelampe abgeschauten Seilzugapplikation. Marcus ist krisenhaft, insofern er allein lebt, in einer Schreibblockade steckt und dem erwachsenen Sohn eher Last als Vorbild ist.

Die dramatische Botschaft des Films – die Sonne größten Talents wird zeitweise verdeckt von den Wolken lösbarer Probleme – hat den Vorteil, dass sie sich von der Hauptfigurenbeschreibung (Buch: Gerald Di Pego) problemlos aufs Lernziel der Schulklasse übertragen lässt: Delsanto und Marcus geben sich als fordernde, strenge, elitistische Lehrer („Will nicht jemand die Welt verändern?“), die ihre Schützlinge auf die Arbeit am künstlerischen Selbst einschwören wie Supercoachs das Büroheer von Investmentbankern auf die richtigen Margen.

Fern ist das Klima des Wettbewerbs Schepisis Konversationskomödie sowieso nicht: Der Showdown zwischen Wort und Bild soll in einer geplanten Veröffentlichung im Literaturmagazin der Schule stattfinden, das nicht nur die Ergebnisse der Schülerarbeiten abbilden soll. Vielmehr fordert Marcus, der die Lehrerschaft permanent mit angeberischen „Wer kennt die längsten (Wörter mit den meisten Silben)“-Spielen nervt, die Kollegin zum direkten Duell heraus: sein Essay über und gegen ein Bild von ihr. Nebenher steigen durch das Gewese die Aktien beim Direktor, der eigentlich die Einstellung von Marcus’ Publikation vorgesehen hatte, sich aber durchaus vom kunstmerkantilen Denken anstecken lässt („Bringen Sie mir die Essays!“).

Der Film ist – trotz dramaturgischer Unwuchten und einiger Längen – auf faszinierende Weise unsympathisch. Permanent werden große Namen aufgerufen (Shakespeare, Turgenew, Martin Luther King), um die Kraft und Bedeutung von Kunst zu beschwören, die aber immer nur als Möglichkeit zur Selbstoptimierung funktionalisiert wird. Sie schürt bei den Schülern Erwartungen, die sich nach dem Studium als gut bezahlte Tätigkeiten bei Finanzdienstleistern, Unternehmensberatungen oder in ähnlich halbseidenen Kontexten erfüllen sollen.

Schepisis Film reiht sich damit ein in die Tradition der unangenehm-prätentiösen Kunstsakralisierung, die über den pathetischen Walt-Whitman-Ausruf „O Captain! My Captain“ den Club der toten Dichter (1989) als einen Klassiker des Genres offensiv zitiert. Words and Pictures funktioniert als Sedativum für bürgerliche Schichten, die Bücher im Regal und den Theaterbesuch an sich schon als Ausdruck von hochstehender Kultur nehmen – und für den Ausschluss, den die Wahl einer privaten (sic) High School als Schauplatz etwa bedeutet, blind sind. Spannend daran ist allein, wann dieses Material in einem René-Pollesch-Stück verarbeitet wird.

Words and Pictures Fred Schepisi USA 2013, 112 Minuten

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 21/14.