Matthias Dell
07.03.2012 | 14:25 26

Kein schöner Landschaft

Kino Die Verwandlung der DDR in eine Christian-Petzold-Landschaft: Der Film "Barbara" mit Nina Hoss ist ein reflektiertes Melodram, das Liebe nicht gegen Politik ausspielt

Ratatouille heißt das Zauberwort. Andre sagt es gegen Ende des Films zu Barbara, als er sie zum Essen zu sich einlädt, er sagt auch noch was von Auberginen, mit denen er Ratatouille machen will. Und der Zuschauer fragt sich umgehend, ob es das gegeben hat in der DDR 1980, Ratatouille und Auberginen.

Das ist eine Stelle in Christian Petzolds Film Barbara, von der aus man den gesamten Film verstehen kann. Einen Film, dessen historischer Rahmen den auf Zeitgeschichtsidentifizierung abonnierten Zuschauer an dieser Stelle fragen lässt, ob das stimmt, ob es das gab, dieses bunte Gemüsefremdwort in der DDR, die solange her ist, dass man nicht mehr weiß, ob die Vorstellung von Grauheit sich eigenen Erinnerungen verdankt oder all den Schwarzweißbildern, die man seither gesehen und von denen man gelesen hat. Die Filmkritik, die es gut meint mit Petzold und deshalb von Zeitgeschichtsidentifizierung nichts wissen will, geht darüber großzügig hinweg, und die Filmkritik, die es auch gut meint mit Petzold, aber streng ist bei der Zeitgeschichtsidentifizierung, lacht kurz und weiß es besser.

Womöglich gibt es aber noch einen dritten Weg, sich zu dieser Ratatouille zu verhalten. Nämlich sie für einen „Fehler“ zu nehmen, der bewusst gemacht wird, weil er all‘ die ganzen Gab-es-das-Fragen aufwirft. Und wenn man diesen Gab-es-das-Fragen folgt, etwa bis in Jutta Voigts Standardwerk Der Geschmack des Ostens von 2005, in dem von einem bürgerlichen Lebensentwurf die Rede ist, der auf Distinktion und Weltbezug auch am Essenstisch gesetzt hat, dann findet man zwar das Wort Ratatouille nicht, aber genügend andere Bezeichnungen, die man mit der erinnerten DDR jenseits des notorischen Ragout fin nicht verbinden würde. Und dann könnte man diesen Andre aus dem Film, der in der sich selbstversorgenden Provinz, in der er lebt, den Mangel mit Fantasie bekämpft – in der Klinik hat er sich ein Laboratorium eingerichtet, um Medikamente herzustellen, die er nicht bekommt –, dann könnte man diesen Andre und seine Ratatouille für möglich halten.

Sie separiert sich

Das wäre eine Geschichte, die einem der Film erzählt hätte, nicht eine, die im Besteckkasten der Zeitgeschichtsidentifizierung rumliegt und gegen das Licht der Projektion auf der Leinwand gehalten werden soll. Und spätestens hier würde man merken, dass es einen Punkt gibt, an dem es unerquicklich wird, als Detektiv ins Kino zu rennen und Gab-es-dies-gab-es-jenes-Memory zu spielen. Das ist die Botschaft der Ratatouille.

Und der Witz oder vielmehr die Qualität von Barbara besteht darin, dass einem der Christian-Petzold-Film nicht hilft, die DDR zu verstehen, sondern dass die DDR einem hilft, Christian-Petzold-Filme zu verstehen. Die DDR 1980, irgendein Provinzkrankenhaus, an das Barbara versetzt wird, weil sie sich durch einen Ausreiseantrag offen zu ihrer Dissidenz bekennt – das ist hier nur Material, ein Regelsystem, das den Raum definiert, in dem die Figuren sich bewegen können. Dem Geschichtsbuch muss der Film nichts beweisen.

Nina Hoss als Barbara bewegt sich sehr schweigsam, sehr vorsichtig durch diesen Film, sie wirkt distanziert, „separiert“, sagt der von Ronald Zehrfeld gespielte Andre ihr zu Beginn; ein Wort, das für einen lebenden Menschen etwas technisch klingt und Barbara gleich noch etwas weiter zurückzucken lässt, das aber zu Petzolds kühler Erzählweise passt. Nina Hoss hat schon in mehreren Filmen von Christian Petzold mitgespielt (Toter Mann, Wolfsburg, Yella, Jerichow); in Barbara versteht man ihre Einsamkeit am besten. Barbara verhält sich misstrauisch, weil ihre Umgebung sie überwacht (Rainer Bock als Stasi-Mann) und durchsucht; vor der muss sie ihre Gedanken und Fluchtpläne zum Geliebten im Westen (Mark Waschke) verstecken. Außerdem ist Barbara, wie sie sich in der Kantine an einen eigenen Tisch zum Essen setzt, stolz, hält sich für was Besseres: eine bürgerliche Frau aus dem großen Berlin.

Die Autonomie von Disco

Die Provinz erinnert an die Provinzen aus anderen Petzold-Filmen, in denen auch der Wind weht (Ton: Andreas Mücke-Niesytka) und die eigentlich märchenhaft sind. Barbara ist auch deshalb kein Film über die DDR, weil die DDR hier aussieht wie eine Christian-Petzold-Landschaft: weites Grün, karge Besiedlung und hinter dem tiefen Wald liegt das Meer. Diesen Naturraum kulturalisiert Petzold durch seine klugen, manchmal fast zu klugen Exkurse: den präzisen Einsatz einer Radioübertragung von den Olympischen Spielen in Moskau, einen Verweis auf Turgenjews Erzählung Der Kreisarzt, eine unglaublich anregende Interpretation Andres von Rembrandts Bild Die Anatomie des Dr. Tulp, so dass man in der anschließenden Nachfrage Andres an Barbara, ob das nicht zu schlaumeierisch daherkommt, den Regisseur und Drehbuchautor sein Publikum fragen sieht. Aber diese Anekdoten sind eigene Erzählungen, die neue Räume öffnen und sich nicht nur platt auf das wenden lassen, was man sowieso sieht.

Die schönste Referenz liefert der Abspann, zu dem nach einer harten Schwarzblende der schwermütig-hymnische Pop-Song At last I am free der Disco-Band Chic ertönt – ein Lied, das sein Ich verstecken muss vor der weißen, heterosexuellen Hörerschaft, eine ursprünglich schwule Form musikalischer Selbstverständigung (Disco) und eine afroamerikanische Geschichte (Freiheit).

Barbara ist ein Film, der Beziehung gesellschaftlich denkt. Eine Art reflektiertes Melodram, bei dem die Gefühle aus Angst vor falschen Koalitionen reduziert sind – auch wenn die Nina-Hoss-Figur die Erkenntnis über die Hölle der Hausfrau, die ihr Freund ihr nach der Flucht verspricht bei einer gemeinsamen Nacht im Interhotel, etwas stärker zeigen könnte als in einem Oberlippenbeben, ohne umgehend im Veronica-Ferres-Pathos zu landen. In Petzolds Film wird das private Glück nicht gegen die Zumutungen der Politik ausgespielt, vielmehr steht die Liebe hier in Verbindung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Man könnte auch sagen, Barbara ist ein Film, der die Frage nach der Freiheit des Einzelnen in Bezug auf unsere, westliche Gesellschaft verhandelt.

Kommentare (26)

Columbus 07.03.2012 | 17:19

Lieber Herr Dell,

Vielleicht ist ja diese "Dr.Tulp"- Anatomie (Schreibung Tulp, nicht Tulip, ´mal bei Gelegenheit korr.) des Petzold-Filmkosmos etwas zu aufgeladen, wenn dafür gleich, in einer Umkehr, die DDR als Staat und Situation zu einer Erkenntnishilfe für den Film wird.

Aber ihre dichte Besprechung, fast schon eine alltagstaugliche Soziologie für sich, sorgt bestimmt dafür, hinter dem, schon im Trailer erkennbaren Mühen um wirklich schöne und intensive Filmbilder, dann auch im Kino mehr zu sehen und zu hören.

Mein Lieblingssatz: "In Petzolds Film wird das private Glück nicht gegen die Zumutungen der Politik ausgespielt, vielmehr steht die Liebe hier in Verbindung mit gesellschaftlicher Verantwortung."

Beste Grüße
Christoph Leusch

Columbus 07.03.2012 | 19:44

Klaro! Dass aber die dF-Redaktion mittlerweile geistig so pastoralisiert und reformiert worden ist? - Ich mach mir ´mal keine Sorgen.

Dieses Programm, TULIP, da hätte selbst der Journalist keine Chance, dem Teufel und der Sünde zu entkommen. Selbst die Besten nicht! -Das wäre schade.

Nun gut, Männer hätten eine kleine Chance. An welchen Zeichen sollten wir die, bei Lebzeiten erkennen? Frauen höchsten als Marien, voll der Gnaden. Barbara geht auch!

Nur weiter
Christoph Leusch

luggi 07.03.2012 | 23:28

Die Kosten für eine Arztausbildung betrugen 1980 wieviel DM?
Wieder jemand, den man nicht billig "einkaufen" konnte.

Auch die Freiheit des Arztes damals war die, seine Patienten zu verlassen.
Welch eine schmachvolle Gedankenstruktur. Wenn ich keine Fachleute habe, dann ziehe ich sie aus dem Ausland ab.
Beispiel Pflegekräfte: ausgebidete Pflegekräfte werden aus dem Osten abgezogen und stehen der Pflege dann dort nicht mehr zur Verfügung. Prima. Spart GER Kosten.

Lusatia 08.03.2012 | 00:20

Nur mal kurz zur Info: ES GAB hin und wieder Auberginen in der DDR, sicher aber nicht immer und überall.
Ich habe eigenhändig in der ganz normalen Gärtnerei gekaufte Jungpflanzen im Folienzelt kultiviert und Früchte geerntet.
Das Rezept für Ratatoille gab es zumindest mal in einer Rezepte-Rubrik im monatlich erscheinenden "Magazin", wenn nicht gar auch im Kochbuch "Bei Freunden zu Gast". --
Bin gespannt auf den Film!

indyjane 08.03.2012 | 00:31

danke für ihre rezension - ihre überschrift - sehr treffend! mein persönlicher eindruck: ein petzoldscher kostümfilm, der kurze auftritt von thomas neumann (dem großen) als auto-bewundernder depp exemplarisch für die herangehensweise, christian p. war ja sehr stolz darauf, keine der üblichen ddr-symbole zu zeigen, doch die dialoge empfand ich als intellektuelle version von deko - weder kunstvoll noch stimmig, überwiegend ärgerlich klischeebeladen, die situationen starr, unlebendig (bei allem respekt für petzolds stil) - albern die singenden sowjetischen fallschirmspringer, unglaubwürdig theatralisch ulrich bock als stasi-schwein-chen, das thema torgau hineingewuchtet, durch ein süßes nett geschminktes mädel (ich hätte mir frau herzsprung für diese rolle gewünscht) - und das ende? keine hoffnung, sie würde sofort wieder als fluchthelferin in den knast wandern müssen - wie inkonsequent verkitscht -
ich habe auch an jutta voigt denken müssen, jedoch an ihr buch "westbesuch-vom leben in den zeiten der sehnsucht", wie sich ost und west die hucke volllügen/-spielen, ...
"liebe in zeiten des mißtrauens" was für ein thema, "Liebe ... in Verbindung mit gesellschaftlicher Verantwortung.." große idee, doch für mich war es ein dann doch langweiliger und und durch seine "hohen ansprüche" (Petzold: „Vielleicht kann der Film die Botschaft vermitteln: Lasst uns nicht Aufarbeiten, lasst uns Erzählen...") letztendlich denunzierender film -
dennoch, er ist eine anregung - zum ärgern - zum weiterdenken - über die überformung / veränderung von erinnerung durch erzählen, in welcher künstlerischen form auch immer...

Matthias Dell 08.03.2012 | 13:01

ursula winnigton war's, die im "magazin" world wide kochtipps gab. kommt bei voigt auch vor. und was die auberginen betrifft - in kontexten wie den spreewaldbauern wird man da bestimmt auch fündig.
www.freitag.de/kultur/0945-ddr-mauerfall-oekonomie-spreewald-planwirtschaft

und: wie viel "es gab" musste es gegeben haben, damit man, wer immer das dann ist, von "es gab" sprechen kann. dass der film einen darauf stößt, ist das interessante

Matthias Dell 08.03.2012 | 13:04

was der film denunziert, ist mir nicht ganz klar geworden. sonst kann man natürlich auch anderer meinung sein.
fand aber: die szene, in der zehrfelds andre dem rainer bocks stasimann in dessen familie hilft, hat etwas klischeehaftes. aber vor dem hintergrund der gesamten darstellung ist das auch wieder schlüssig: zum einen für das verantwortungsbewusstsein von andre. zum anderen auch für die stasifigur, die, wenn eben auch auf eine vielleicht zu leicht abzutuende weise, mensch sein kann, ohne so vermenschlicht zu werden, wie das entschuldungsfilme tun

MathisOberhof 12.03.2012 | 00:08

Von Christian Petzolds auf der Berlinale mit dem SILBERNEN BÄREN ausgezeichneten Film BARBARA sind Zeitungen und Feuilletons voll.

Des Lobes, der Trailer und Szenenausschnitte und der Interviews.

Ein Feuerwerk der Pressevorführungen, Schauspieler-Interviews, Hintergrundsendungen.

Deshalb darf der Plot als bekannt voraus gesetzt werden: Barbara, Ärztin an der DDR-Elite-Klinik CHARITE wird nach Ausreiseantrag, darauf folgendem kurzen Gefängnisaufenthalt in die mecklenburgische Provinz strafversetzt. Heimlich trifft sie sich weiter mit dem westdeutschen Geliebten, bekommt Westgeld zur Bezahlung der Fluchthelfer.

In Andre dem Chefarzt, der durch Erpressung zum (wider-und unwilligen) IM wurde, erlebt sie einen Arzt höchster fachlicher, moralischer und hippokratischer Ansprüche. Und einen Mann, der ihr vom ersten Moment an den Hof macht.

Flüchten oder standhalten ? ja das ist eine der vielen Fragen die dieser große Film behandelt.

Neben dem kraftvollen, ZIEMLICH BESTE FREUNDE, der Herz und Lachmuskeln bis zum äußersten in Beschlag nimmt, ist dies für mich der Film des (bisherigen) Jahres.

Für Linke, allemal parteipolitisch und östlich der Elbe verortete dagegen, oftmals ein Bauchschmerz. Wie so oft in den letzten Jahren, wenn es (auch) um die Verbrechen im Namen des Sozialismus ging.

Bei DAS LEBEN DER ANDEREN, bei WESTWIND, bei HOTEL LUX. Und nun bei BARBARA.

Dabei ist es erstmal ein herrlicher Liebesfilm.

Sah man vorher so herrlich wortlos, wie sich Interesse, Seelenverwandtschaft, komplementäre Ergänzung in Liebe verwandelt wie hier? Verschiedene Rezensenten haben deshalb nicht übertrieben wenn sie titelten: "Casablanca in der DDR"(ndr), "Liebe in Zeiten der Bespitzelung" (Münstersche Tageszeitung).

Und: es ist ein Film über eine schöne DDR. Der wohl meist zitierte Satz des Regisseurs war denn auch: "Die DDR war auch schön". Die Ostseeküste, der kühle Norden. DDR in schönsten Sommerfarben. Den FREITAG-Rezensenten Mathias Dell hindert dies nicht zum absurden Satz: "Barbara ist auch deshalb kein Film über die DDR, weil die DDR hier aussieht wie eine Christian-Petzold-Landschaft: weites Grün, karge Besiedlung und hinter dem tiefen Wald liegt das Meer. "

Vollends auf die Spitze getrieben wird dies Verfahren des FREITAGS-Redakteurs, wenn er den Großteil seiner Film-Besprechung der These widmet, es sei unwahrscheinlich, dass es in der DDR Auberginen gab und dass ein Arzt - wie im Film - einlädt zur Ratatouille.

Ich bräuchte gar nicht darauf verweisen, was mir 1976 die damalige Chefredakteurin der DDR-Frauenzeitschrift FÜR DICH, Marlis Allendorf, auf Westbesuch im bayerischen SDAJ-Pfingstcamp von diesem französischen Gemüserezept vorschwärmte; auch in den Kommentaren zu Dells BARBARA-Artikel melden sich alsbald "gelernte DDR-Bürger", die darauf hinweisen, dass es - wenn auch höchst selten - Auberginen zu kaufen gab, dafür um so öfters als Frucht von Hobby-GärtnerInnen und dass in der nicht nur wegen der erotischen Fotos begehrten DDR-Zeitschrift DAS MAGAZIN in den Spalten LIEBE PHANTASIE UND KOCHKUNST Ratatouille-Rezepte zu lesen waren. Bedenken wir schließlich, dass der Schauspieler Roland Zehrfeld, der im Film den Chefarzt Andre spielt, mit 11 DDR-Judomeister war, und das Land aus dem FF kennt, fällt die Ratatouille-Kritik in sich zusammen als peinlicher Versuch, mit Requisitenkritik, von der Qualität und Überzeugungskraft filmischer Szenarien abzulenken.

Das erlebe ich nun seit Jahren.

Als der Film, DAS LEBEN DER ANDEREN in die Kinos kam, drohte mir der Vorsitzende der örtlichen Linkspartei mit dem Bruch jeglicher Zusammenarbeit, sollte der Film in unserem linken MÜHLENKINO aufgeführt werden. Hauptkritik: Der Film sei schon deshalb falsch, weil er als Ex-Oberleutnant des MfS bezeugen könne, dass IM Ministerium niemals - wie im Film gezeigt - in Uniform Dienst ausgeübt worden sei.

Oder: Als der wunderbare Film: WESTWIND zwei DDR-Ruderinnen im Trainingslager am Balaton zeigt, die dort westdeutsche (unbedarfte) Jugendliche kennen lernen und in den Westen abhauen, war es eben jener Dell vom FREITAG, der behauptete, im Film sei die DDR mit allen Klischees abgebildet worden, obwohl doch alle Szenen nur auf ungarischem Boden spielen.

Oder: Als ich neulich voller Neugierde eine Veranstaltung der Hellen Panke zum sehenswerten Leander-Hausmann-Streifen HOTEL LUX besuchte, kulminierte die Kritik des von mir ansonsten hochgeschätzten international renommierten Experten für stalinistischen Terror, Dr. Wladislaw Hedeler in der Feststellung: Im Film sei die "Ekki", das "Exekutivkommitee der Komintern" falsch ausgesprochen worden.

Das Neue Deutschland verfolgt bei solch kniffligen Themen seit einiger Zeit die Taktik, lieber keine Besprechung zu veröffentlichen, sondern den Regisseur zu interviewen.

Die erste Frage des sehr lesenswerten Interviews lässt die Sichtweise der ND-Mitarbeiterin erkennen:

"In der DDR kann man nicht glücklich werden, sagt Barbara. Haben Sie erwartet, dass sich dieser Satz so stark einprägt?"

Es bleibt Petzold überlassen, darauf hinzuweisen, dass der Satz unwichtig, weil nur in der Konfrontation gesagt sei.
Ich verrate nicht zuviel, wenn ich darauf hinweise, dass auch für Barbara schlussendlich einiges dafür spricht, dass sie in der DDR glücklicher wird, als "bei den anderen".

Über die Rolle der Arbeit in Filmen in Ost und West, über den Faktor Zeit im DDR-Gesundheitswesen und andere Themen sagt der Regisseur dann noch manch überraschendes in diesem nd-Gespräch, was auch hier deutlich macht, dass er als Kind von DDR-Flüchtlingen eine hohe Affinität zu diesem Staat hatte.
In einem anderen Interview erzählt er, dass sein Vater trotz seines gefestigten sozialdemokratischen Antikommunismus auf dem Höhepunkt der ersten 'Ölkrise' überlegte, in die alte Heimat zurück zukehren.

Und dann noch der hippokratische Eid: Als Andre im Film der krebskranken Frau des Stasi-Offiziers verbotenes Morphium zur Schmerzlinderung spritzt, fragt die Stasi-gedemütigte Barbara: Machen Sie das öfters, Arschlöchern helfen? Und seine Antwort ganz Arzt: 'Ja, wenn sie krank sind!'

All jene, die in diesem Film reflexartig, Abwertung des Sozialismus oder gar der eigenen Lebensbiografie vermuten, sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Vorgeschichte zum Film die unterschiedlichsten Facetten hatte.

Angeregt wurde Christian Petzold zum Film durch die Novelle BARBARA von Herman Broch gleichen Namens, der von einer kommunistische (!!) Ärztin kurz vor der Machtergreifung der Nazis berichtet, die sich in einen unpolitischen Kollegen verliebt.

Und: Petzold zeigte seinem Film-Team die Verfilmung von Ernest Hemingways Roman HABEN UND NICHTHABEN, indem umgekehrt auf der französisch verwalteten Insel Martinique die Hauptfigur Harry als Kollaborateur des faschistischen Vichy-Regimes sich in Marie die Widerstandskämpferin verliebt und schliesslich selbst zum Widerständler wird.

Barbara, der Name kommt von den 'Barbaren'. Die Fremde.

Im vorliegenden Film: sehen sich viele Protagonisten gegenseitig als Barbaren: Für parteitreue Kommunisten war der Westen die Barbarei, für in Stasi-Haft entwürdigte, das DDR-Regime barbarisch.

Und sinnstiftend für das Verständnis des Films ist da noch die Sage von der heiligen Barbara von Nikomedien, der ihr eigener Vater den Kopf abhackte. Er war Offizier der kaiserlichen Leibgarde(!) und verlangte von seiner Tochter ihren Gottesglauben und ihre Jungfräulichkeit zu opfern. Was diese verweigerte.

Symbole über Symbole.

Das Ich und die Anderen, das Thema der Gegenwart.

Der Vater der Hauptdarstellerin, Nina Hoss, war auch so einer, der immer wieder die Seiten wechselte und sich doch treu blieb. Über Willi Hoss, seit seinem 16 Lebensjahr KPD-Mitglied, Funktionär, Mitglied des Parteivorstands der KPD, nach 25 Jahren wegen des CSSR-Einmarsches ausgetreten, als Kandidat der gewerkschaftsoppositionellen PLAKAT-Gruppe bei Daimler-Benz 40% der Stimmen auf seine Betriebsrats-Liste sammelnd, kritisiert nicht nur die Produktionsweise, sondern auch die Produkte, des westdeutschen liebstes Wohlstandssymbol, den Mercedes-Stern, Mitbegründer der Grünen, für sie im Bundestag und 2001 wegen der Zustimmung zum Afghanistan-Krieg wieder ausgetreten, ließe sich ein eigenes Kapitel schreiben - auch er also ein Grenzgänger, ein ganz großer der westdeutschen Linken, der seiner Tochter wohl viel mitgab auf dem Weg in die Schauspielerei.

Barbara - Flüchten oder bleiben. Ein Thema, das in dem Jahr hochaktuell ist, da einer, der in der DDR blieb -obschon ihr Gegner, nun Bundespräsident wird.

So viele, die es nicht mehr aushielten, bereicherten den Westteil: Ernst und Carla Bloch, Wolfgang Abendroth, Alfred Kantorowitz, Wolfgang Seiffert, Heinz Brandt, Hans Mayer, Gerhard Zwerenz, Leo Bauer, Heinz Brandt.

So viele die blieben, bereicherten den Ostteil und den Neuanfang der demokratischen Sozialisten, Robert Havemann, Rudolf Bahro, Dietmar Keller, Christa Wolff, Volker Braun und so viele andere.

Nein, nicht die Frage, wo das Individuum seine Heimstatt finden konnte, entscheidet über Glück oder Unglück. Wie und mit wem ich mich entscheide und unter welchen Umständen. Das ist es.

Und so gibt der Film auch für Tausende, die - wie ich - enttäuscht, die LINKE wieder verlassen haben, Hinweise, dass es hüben wie drüben, innerhalb wie außerhalb der gezogenen Linien Chancen für Glück und Selbstverwirklichung gibt.

Danke, Barbara, danke, Andre, Danke Christian Petzold, Hermann Broch und die vielen, die diesem Film den Stempel aufdrückten.

Fazit: Unbedingt ansehen.

goedzak 12.03.2012 | 00:38

Ich habe mir den Film i.G. nur wegen Deiner Rezension angesehen. Nicht bereut! (An Einzelheiten will ich nicht rummäkeln - Ratatouille ja oder nein, ist ja lächerlich.)
Der Hinweis, die Geschichte des Films eben nicht wie üblich als DDR-Doku zu sehen, war sehr animierend.

In den meisten Besprechungen passiert aber wieder genau das, auch hier in Blogs - die einen sind beleidigt, die anderen klatschen genau deswegen Beifall.

Ein Thema des Films, Jugendliche, die zur üblichen Integration in die von Normen, Regeln, Konventionen bestimmte 'main culture' unfähig sind, aus welchen Gründen auch immer (was in manchen Jargons dann 'schwererziehbar' heißt), wie werden sie behandelt, was passiert mit ihnen, sieht man ja öfter. Filme über Erziehungsanstalten, Jugendknäste, Heime, über Gewalt, autoritäre Erziehung, Missbrauch usw. Normalerweise wird das Sujet als Gelegenheit für Empathie und Spannung beim Zuschauer gesehen, nur seine Ansiedlung im Osten wird automatisch als Bericht über eine insgesamt totalitäre Gesellschaft interpretiert.
Da kam mir am Schluss dann schon der Gedanke an eine Fortsetzung: was passiert nun mit dieser jungen Frau, die so unbändig frei sein will, unfähig aber, sich gesellschaftlichen Zwängen zu unterwerfen, wenn sie dann in der anderen Lebenswelt angekommen ist?

Magda 13.03.2012 | 23:19

Wir waren heute im Kino und haben uns „Barbara“ angesehen.
Und sind ziemlich ratlos – eigentlich gestimmt wie indyjane – wieder aus dem Kino gekommen.

Wenn man keine Lust hat, sich selbst zum Ostalgie-Affen zu machen, sich dauernd sagen zu lassen, es stimme was nicht mit einem selbst, wenn man diesen Film, der behauptet, er spiele in der verflossenen DDR, anfremdelt oder wenn man keine Lust mehr hat, sich zu fragen, wo man denn gelebt habe, wenn man das alles zum Teil so albern und festgestrickt erlebt, dann kann man sagen: Ach ja, die Liebe ist eine Himmelsmacht auch unter dem geteilten Himmel.“

Kurzerhand: Wenn die Devise gilt, sich allerlei Unbehagen beim Anblick von Filmen dieser Art zu ersparen, dann kann man natürlich „Barbara“ als eine Liebesgeschichte unter Zwängen wie es sie in Geschichte und Gegenwart schon immer gab, sehen. Als ein Gleichnis.

Man kann – statt viel zu fragen - die Ästhetik einer ewig stürmischen Landschaft für sich genießen, froh, dass man den toten Briefkasten – wie haben die sich denn bloß darauf geeinigt – nicht selbst aufsuchen muss. Man kann dankbar konstatieren, dass der „Farbfilm hier nicht vergessen“ wurde. Man kann sich an Liebe auf dem Waldboden erfreuen, bei freier Sicht von allen Seiten. Man kann sich wundern, dass DDR-Rentner jeden Wessi, den sie sehen, anquatschen. Man kann sich fragen, welche Faszination für Barbara von diesem blässlichen West-Liebhaber ausgegangen sein mag.
Man kann die Anziehungskraft zwischen zwei Menschen – dargestellt mit sparsamsten Mitteln – sehr erotisch finden. Man kann aber auch fragen, warum Nina Hoss hier wirkt wie eine Politkommissarin, ausgestattet mit hoher Ethik, wie es sie im Osten nicht gab, sondern nur in wesdeutschen Arztserien, denn offensichtlich glaubt sie, dass sie nur dort ihre Ideale umsetzen kann.

Das kann man alles machen, aber ich tue das nicht , ich ärgere mich, denn der Film ist – erneut – mit allen Bestandteilen verziert, die man für die Beschreibung der DDR-Verhältnisse braucht: Stasi vom Schlimmsten, Leibesvisitationen im eigenen Heim, Freudlosigkeit und ständiges Misstrauen, Torgau und die Behauptung, ein Kind würde auf der Stelle zwangsadoptiert, wenn eine minderjährige Insassin des Jugendwerkhofs es bekommt. – all das ist ein Ratatouille der unterschiedlichsten bis zum Erbrechen schon verhackstückten Totalitarismus-Gemüse-Sorten.

Das hat nicht damit zu tun, dass man in irgendeiner Form die alte DDR en Detail sehen will, dafür reicht einer der alten Polizeiruf-Serien. Es hat damit zu tun, dass Kunstschaffenden zur DDR nichts anderes einfällt oder einfallen darf, als all dieses.
Die gleiche Geschichte hätte man auch anders erzählen können, ganz anders. Ohne diese dicke aufgetragenen Pflichtleistungen. Man weiß einfach nicht mehr und will auch nichts anderes wissen oder hat keinen Mut im Jahre sechs der kulturellen Wende nach „Das Leben der Anderen“.

In den Tagebüchern von Fritz J. Raddatz habe ich gerade eine Anmerkung über einen Grass-Roman gelesen:
„Distanzlosigkeit zur Wirklichkeit entlehrt die Kunst ihrer Wahrheit...Nur das Existenzielle zählt. DA liegt auch die Versehrung, die Grass sich und seinem Werk zugefügt hat.“

Ich habe das Gefühl, dass Petzold diese Maxime möglicherweise auch im Sinne hatte, er wollte eine Wahrheit zeigen, aber am Ende hat nicht einmal die Wirklichkeit gesiegt, sondern die ideologische Balancierstange. Die DDR war in vielem schlimm, nervtötend und unerträglich, aber sie war halt anders schlimm, als es hier zum 101. Mal gezeigt wird. Der Rest ist schöne Kunst.

goedzak 14.03.2012 | 09:28

"ideologische Balancierstange", tja, da ist was dran, das Turnen daran sieht man immer wieder. Man möchte es allen recht machen, besser gesagt, den einen (und sich selbst vielleicht), möchte, und den anderen muss man es recht machen (bzw. glaubt, es zu müssen). Es gibt eben auch in dieser Gesellschaft eine herrschende Meinung, von der abzuweichen mit gewissen Problemen verbunden ist.

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Ehemaliger Nutzer 14.03.2012 | 10:11

@ Magda

Dank für Ihre Filmkritik.

Nun sind mehr als 20 Jahre vergangen und ich hatte keinen Mangel an Gelegenheit "Westdeutschen" die DDR oder mein Handeln zu erklären.

Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass dieser Ansatz völlig sinnlos ist, es hat so etwas ethnologisches. Dann sagt man Indianer, gruselt sich vor dem Skalp, bewundert den Federschmuck und kauft sich im Shop des Reservates ein Andenken

Magda 14.03.2012 | 10:33

Danke für die Anmerkungen:

Mir ist noch mehr eingefallen, zwischen zwei Schlafphasen. Das fängt schon an mit einer Rundfunksendung, der die Heldin zu Beginn lauscht. Sie beschäftigt sich mit einer Wagnerinterpretation durch Wilhelm Furtwängler. Das ist natürlich auch eine Anspielung auf Anpassung in zwei Diktaturen. Der Gipfel war für mich erreicht als dieses Torgau als Vernichtungsanstalt bezeichnet wird. Und dann noch die Mädchen als so eine Art "Moorsoldatinnen" dargestellt werden. Ab da sagt man sich: So ist das gewollt, so soll das Elend gewesen sein, es war - einschließlich Stacheldraht - wie im KZ. Punkt Ende.
Wer dagegen was einwendet ist unmenschlich und relativiert. Sogar hier blinkt - ein bisschen Totalitarismusdoktrin für den Alltag durch.
Wer also lieb und gut und keine Apologetin des Grauens sein will, hält am besten die Klappe. Inzwischen mache ich das meistens auch, nachdem hier in der FC auch schon Leute über "Brüder und Schwestern hinter dem Todesstreifen" schwatzen.

@ Rapanui - ich denke auch, dass man da nichts mehr erklären kann oder muss. Die DDR nicht, sich selbst nicht, das Leben nicht.

Mir fällt auf, dass viele Filme aus der DDR gar nicht mehr im Fernsehen zu sehen sind. "Der Dritte" "Die Beunruhigung" "Sieben Sommersprossen" "Nächstes Jahr am Balaton" usw. Die hatten ja durchaus Bezüge zur Realität. Nur noch olle Polizeiruf-Klamotten. Es ist kein Interesse mehr an einer kontroversen Debatte, sondern ein Bild wird festgeklopft und da freut man sich schon, wenn die DDR auch buntkarierte Tischtücher hatte.

Und ganz zuletzt: Es wäre vielleicht ganz interessant, mal nachzufragen, welcher Film oder welche Filme die Verhältnisse in Westdeutschland gültig und einleuchtend zeigten oder zeigen. Wird man auch kaum noch was finden.

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Ehemaliger Nutzer 14.03.2012 | 11:14

@ Magda schrieb am 14.03.2012 um 09:33

>>>Mir ist noch mehr eingefallen,...

Das hört sich ja übel an. Ich habe eine Reihe von Petzold-Filmen gesehen, sehr beeindruckend - das sind ja "starke" Geschichten, die nicht verallgemeinert werden können. So widerspiegelt "Yella" ja nicht den "Risikokapitalismus der BRD", sondern ist eine persönliche Geschichte, die unter den Bedingungen des "Risikokapitalismus" passiert.

Warum funktioniert diese Erzählweise, die ich als sehr überzeugend empfinde, Ihrer Meinung nach hier nicht? Sind wir (mich ausdrücklich eingeschlossen) vielleicht schon neurotisch und verweigern uns der Sicht Petzolds auf eine Geschichte aus der DDR.

Magda 14.03.2012 | 15:02

@Rapanui - diese Frage mit dem "neurotisch" beantworte ich eher mit dem Ausruf: "Das hätten die wohl gern so". Ich habe nicht ohne Grund geschrieben im ersten Kommentar "Im Jahr sechs nach "Das Leben der Anderen". Es gibt ja auch hierzulande wirklich viele Methoden, eine Art Zeitgeist-und Meinungsteppich zu weben. Und da muss man einfach konstatieren, dass jetzt nicht mehr gelacht werden darf, es darf nicht mehr Alltag ohne irgendeine Bedrohung sein. Es muss bei DDR immer fies zugehen.

Alles an diesem Film nimmt Partei für die Heldin in ihrem spröden Charme. Die ist mitmenschlich, die ist ethisch sowas von top, die ist politisch offensichtlich auch auf dem Laufenden. Man muss schon verstehen, wer abhauen will aus der DDR ist der bessere Mensch. Wer dageblieben ist, hat einen Defekt oder was zu verbergen oder wie oder was. Das sind - Einzelschicksal hin oder her - unterschwellige ganz eindeutige Botschaften. Das muss der Petzold auch nicht mal mit Absicht machen, der ist auch "ein Kind seiner Zeit".

Ich wusste zu DDR-Zeiten, dass es Jugendwerkhöfe gab, aber wo die genau sind, wusste ich nicht. Ich wusste auch, dass der ganze Strafvollzug in der DDR ein Jammer und eine Schande war. Von Leuten, die drin gesessen hatten. Aber, ich kann mich zu dieser fürchterlichen Freudlosigkeit - trotz Farbe hin und wieder - überhaupt nicht verstehen. Das ist verordnet, das ist gewollt.

Die DDR ist noch zu nahe, noch nicht lange genug weg, als dass man nicht irritiert ist bein Zugucken. Ich habe mich auch gerade gefragt, ob Leute im mittleren Alter, die die DDR noch kennen, dem Film vielleicht anders "sehen".

Und wurde fündig

www.berliner-zeitung.de/kultur/wettbewerbsfilm--barbara--bei-der-berlinale-bitte-abstand-halten,10809150,11619348,item,0.html

Die Anke Westphal sieht es anders. Die ist aus der DDR - ich kenne sie ein klein wenig - und viel jünger. Aber, ich kann ihr nicht folgen.

Wie auch immer: Es gibt ja einen Kampf und Handel um diese Dinge. Und zwar das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam unter Martin Sabrow gegen den unsäglichen Klaus Schröder vom Forschungsverbund SED-Staat bei der FU. Das ist eine unendliche Geschichte.

Es gibt ein neues sehr interessantes, leider schwer lesbares Buch dazu Carola Rudnick: "Die andere Hälfte der Erinnerung".

Hier zwei Besprechungen

www.humanismus-aktuell.de/sites/humanismus-aktuell.de/files/pdfs/rezension_26_erinnerungspolitik.pdf

lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/9940

Da ist das alles auseinanderklamüsert. Es geht viel mehr um Politik und wenig um Historie. Ich nehme an, dass ich Ihnen da nichts Neues erzähle.

Rudnicks Buch ist teuer, hochgelobt und getadelt, weil es umständlich geschrieben und auch noch schlecht lektoriert ist. Und es ist mir zu teuer. Vielleicht kann ichs mir als Rezensionsexemplar an Land ziehen.

Es ist also wirklich ein weites Feld.

Kulturwissenschaft 15.03.2012 | 21:29

Im Endeffekt verhandelt der Film das jetzt wohl endgültig historisch festgeschriebene Dilemma des Ostdeutschen: Wer penetriert besser, die Stasi oder Westen?
Wenn das so weiter geht, wird mir in einigen Jahren wohl jeder Historiker nachweisen, daß ich gar keine DDR Bürgerin war, weil ich 1. für die Stasi wohl nicht interessant genug war( als wenn mich das nicht schon genug geärgert hätte) und 2. nicht in den Westen wollte.

In einem Interview sagt C. Petzold doch auch allen Ernstes, er habe an "Heißer Sommer" (zur Erinnerung: Chris Doerk und Frank Schöbel) gedacht, das hieße in diesem Falle ja wohl "Heißer Sommer im KZ"

(man könnte es ja Trash nennen, wenn der Film nicht so sterbenslangweilig wäre)

Kulturwissenschaft 15.03.2012 | 21:53

Neurose hin oder her ( entsteht ja auch durch unverarbeitete seelische Konflikte mit der Umwelt- die Betonung liegt auf unverarbeitet)
hier spricht ein Mensch mittleren Alters, der die DDR noch gekannt hat oder - nach diesem Film und vor allem den einhelligen Rezensionen! muß man ja sagen zu kennen glaubte

Ich war entsetzt als ich aus dem Kino kam, wenn dieses trostlose KZ, das da gezeigt wurde, die "nicht graue" (wie es ja überall hieß) DDR zeigen sollte, wie sehr muß man unsere westdeutschen Mitbürger bewundern, daß sie uns nicht zur Wiedervereinigung alle Holzpfähle in die Herzen rammten oder ähnliches - was müssen die für eine Angst vor diesen verlogenen, kinderquälenden Blockwart-Stasiexistenzen gehabt haben

Diese Rezensionen waren das, was mich vor allem schockiert hat, diese Einmündigkeit- der Film ist eigentlich nur ein besonders langweiliger Versuch besonders originell sein, da fühlte ich mich dann irgendwann fast heimisch gelangweilt- so wie in bester DEFA 80er Jahre Manier

aber wenn dieses "Geschichtsbild" sich immer weiter verhärtet, wird mir in einigen Jahren jeder seriöse Historiker bestätigen, daß ich keine DDR Bürgerin gewesen bin, weil ich keine Stasikontakte hatte und nicht in den Wsten wollte

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Ehemaliger Nutzer 19.03.2012 | 10:01

Danke Magda und Kulturwissenschaft für Ihre Einsschätzungen.

So müsste ich umgekehrt fragen, warum Petzold, der doch fähig ist - so einen Film gemacht hat. Es würde vielleicht bedeuten, dass der erschaffene Mythos vom "Unrechtsstaat DDR" nur mit dem Risiko der gesellschaftichen Ächtung befgart werden darf.

Ich höre Wenzel:

Und alle sahen’s ein bei dieser Feier / Wir werden immer schöner, immer freier / Und so wie Dick und Doof zusammen passen / So passen wir zu unseren Brüdern und Schwestern / Und darum Freunde, hoch die Tassen! / Vielleicht wird uns dereinst verziehn / Wir stammen aus dem Unrechts-, dem Unrechts-, dem Unrechtsregime!

JoergH 27.03.2012 | 09:11

Danke für die schöne Rezension!

Was mich wieder einmal befremdet ist die Debatte, die sich um den Film spinnt. Anscheinend gibt es ein Bedürfnis Filme mit zeitgeschichtlichen Themen, gerade über die DDR, entweder als historische Dokumente zu lesen und sich hinterher darauf zu beziehen mit dem Gestus "So war das also" - man nehme hier die West-Rezeption von 'Das Leben der Anderen'. Oder aber es dreht sich darum, was alles verfälscht dargestellt wird. 'Zeitgeschichtsidentifizierung' ist ein schönes Wort hierfür.

Mir erscheint Barbara wie ein Märchen aus einer fiktiven Welt ganz in der Nähe der unseren, wie so oft bei Petzold. Yella oder Gespenster funktionieren da ähnlich. Durch eine detailversessene Recherche und Ausstattung wir der Anschein von Realismus erzeugt. Aber das Geschehen erscheint surreal, wie eine Schlafwandlerphantasie. Ich weiß nicht wieso, aber ich muss nach einem Petzold-Film immer über Kubricks 'Eyes Wide Shut' nachdenken, ohne den Grund dafür genau fassen zu können.