Keine Einzelfälle

Ersetzbarkeit Warum es auch ohne Steve Jobs und Heinrich von Pierer geht. Das Dschungelcamp lehrt uns, dass in der Welt, in der wir leben, jeder ersetzbar ist

Man kann es zynisch nennen, was dem Handelsblatt zum Rückzug von Steve Jobs ein­gefallen ist. Der Apple-Chef ist erneut erkrankt – und in der deutschen Wirtschaftstageszeitung wird dazu eine Expertin zitiert. Die lobt, dass die Firma diesmal offen darüber spreche, be­mängelt aber auch, dass nichts darüber gesagt werde, wie lange sich Jobs zurückzieht: „Das ist beunruhigend.“

Sentimentalere Gemüter könnten einwenden, dass Jobs’ Äußeres und das, was man von seinem Zustand weiß (Krebs, Probleme mit der implantierten Leber) beunruhigend seien. Aber am Ende hat die Expertin, die klare Ansagen haben will und sich für die persönlichen Probleme von Jobs nicht interessiert, vermutlich mehr verstanden von der Welt, in der wir leben, als die Apple- Aktienkurse, die flugs gefallen sind, weil davon ausgegangen wird, dass Jobs an der Spitze von Apple nicht ersetzbar sei.

Im Keller ist der Kurs von Heinrich von Pierer seit 2007, als der langjährige Siemens-Chef im Zuge der Korruptionsaffäre den Vorsitz des Aufsichtsrats aufgeben musste. Am 26. Januar wird Pierer 70, und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich die Ausgestaltung dieses Feiertags auszumalen, wären die Schmiergeldzahlungen von Siemens nicht pu­blik geworden.

Ein wenig von dem alten Glanz („Mr. Deutschland“) versucht Pierer nun zurückzuerobern. Man kann das albern nennen. In seiner unlängst vorgestellten Autobiografie mit einem Titel, der eher auf Radfahrer-Memoiren schließen lässt (Gipfel-Stürme), äußert sich Pierer, der weiterhin davon überzeugt ist, nie mit Korruption in Berührung gekommen zu sein, zu seinem Fall. Dass er durch seinen Abgang Gegenstand von un­günstiger medialer Berichterstattung geworden ist und zahlreiche vorherige „Freunde“ sich von ihm abgewendet haben, mag persönlich unangenehm sein. Aber am Ende zeugt dieser Vorgang von mehr Verständnis von der Welt, in der wir leben, als Pierers Insistieren auf seinem Nichtwissen: Medien machen ihre Arbeit und „Freunde“ hat nur der Siemens-Chef – ganz egal, ob er Heinrich von ­Pierer oder Peter Löscher heißt.

Vor dem Hintergrund von Jobs’ Rückzug und Pierers Autobiografie ist es eine schöne Koinzidenz, dass seit vergangener Woche das RTL-Dschungelcamp wieder geöffnet hat. Das Dschungelcamp ist die Erfindung eines privatwirtschaftlich organisierten und hoch entwickelten Medienzeitalters, es ist eine Börse, deren Parkett aus dem Morast der medialen Wertschätzung ist. Die Währung, die hier gehandelt wird, ist öffentliche Anerkennung – und nebenbei echtes Geld, das die bedürftigen Gefallenen erst dazubringt, unappetitliche Praktiken über sich ergehen zu lassen (Insekten essen, in Kakerlaken baden, von Dirk Bach verspottet werden).

Völlig einerlei ist dabei, wer sich gerade aus dem Sumpf seiner Bedeutungslosigkeit zu ziehen versucht, wie die mittlerweile fünfte Staffel beweist – besetzt wird hier wie im Theater mit den immer gleichen Typen (Macho, Zicke und so weiter). Das kann man zynisch finden. Aber es ist am Ende ehrlicher als die Geschichten, die über Jobs erzählt werden oder die Pierer sich selbst glaubt – dass das Wohl eines weltweit bedeutsamen Unternehmens mit outgesourceter Produktion an einem genialen Lenker hängt. Oder dass man als Chef eines anständigen deutschen Globalunter­nehmens mit Korruption nichts zu tun haben kann.

Die Lehre des Dschungelcamps lautet, dass es in der Welt, in der wir leben, den Einzelfall nicht gibt: Jeder ist ersetzbar.

10:00 22.01.2011
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