Keiner kann sagen: I love you

Bühne "Schmeiß dein Ego weg!" heißt René Polleschs neueste Inszenierung an der Berliner Volksbühne - sie macht ernst mit der so genannten vierten Wand im Theater

"Wir haben vor 200 Jahren mit einer vierten Wand gespielt, aber da war sie noch nicht da.“ Sagt Martin Wuttke in Schmeiß dein Ego weg!, der jüngsten Inszenierung des Autorenregisseurs René Pollesch, die in der Berliner Volksbühne Premiere hatte. Wuttke behauptet – wie Woody Allens Der Schläfer – nach zwei Jahrhunderten Tiefschlaf aufgetaut worden zu sein; er trägt eine schicke Uniform mit eindrucksvollen Schulterstücken, spricht mit der bei Pollesch üblichen munteren Verzweiflung, und der Witz an diesem tollen Satz ist, dass da in der Berliner Volksbühne nun tatsächlich eine vierte Wand steht.

Der Bühnenbildner Bert Neumann hat den holzvertäfelten Zuschauerraum über die Bühne hinweg verlängert, so dass das Geschlossene des Theaterraums noch deutlicher hervortritt als sonst. Das Reden von der vierten Wand, einer Theatermetapher für die Trennung von Bühne und Publikum, erfährt hier Konkretion – was erstmal nur dazu führt, dass Schauspieler und Zuschauer enger zusammenrücken. Polleschs Diskurstheater, das mit den Formen des Konversationsstücks spielt, braucht nicht viel Platz. Die tatsächliche vierte Wand ist aber nicht nur ein Witz, sondern Schauplatz eines Denkens, das jeglichen Verdacht auf Innerlichkeit („Seele“) ablehnt und auf das setzt, was da ist („Körper“) und was nicht verwechselt werden kann mit einer Projektion.

So wird die Trennung zwischen Bühne und Saal beständig bearbeitet in dem Text, der immer wieder Bezug nimmt auf die Probleme der Repräsentation, vor denen jede Theateraufführung steht. Darüber handelt Pollesch – wenn nicht schon immer, so doch eine ganze Weile – und der Umstand, dass beim erfahreneren Betrachter von Polleschs Werk das Gefühl einer spürbaren Drosselung des Diskurstempos eintritt, spricht womöglich dafür, dass in diesem thematischen Feld ein vorläufiger Endpunkt erreicht ist. Die Reflektion zwischen dem Innen und Außen des Theaters und dem Innen und Außen des Menschen am Beispiel des Geldes („alle schauen auf die 20 Euro, aber niemand sieht das Papier“) führt ins Jenseits der Sprache: „Sprechen, wir beide, wie soll das gehen? Wie soll ich jemals sprechen vor dir, vor dir, du Körper, ich bin doch so konkret mit dir“, sagt Margit Carstensen am Ende – untermalt von einer schön pathetischen Musik, was ein beinahe Schlingensief’sches Moment ist (der so oft wie kein anderer Texte über Georges Delerues Musik aus Godards Die Verachtung gelegt hat) – und was deshalb ein wenig wie ein Kniff wirkt, den insbesondere dieser Text nicht nötig hat.

Avancierte Schriftdarstellung

Schmeiß dein Ego weg! ist ein für Pollesch durchschnittlicher Abend: Das Verhältnis von Text- und Spielclips, das in den frühesten Inszenierungen Remis ausging, ist unverhältnismäßig, ohne dass darin eine neue Form erkennbar würde wie bei dem grandiosen disparaten Abend Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang vor einem Jahr an der Volksbühne, und der raumfahrereizellenweiß gekleidete Chor findet seine Bestimmung am besten in den Momenten, in denen seine Mitglieder avanciert Schrift darstellen („I love you“).

Andererseits ist selbst ein mittelmäßiger Pollesch-Abend anregend – und sei es nur, weil man neben dem geschätzten Martin Wuttke und Christine Groß zum ersten Mal sieht, wie die große Margit Carstensen ein Gedicht aufsagt und danach schimpft: „Scheiße, immer mache ich was falsch.“

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12:30 21.01.2011
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Ausgabe 41/2021

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