Klaus und Frieda in love

Tatort: Sonntagabend Das Vermächtnis einer Geschassten: "Borowski und die Sterne" ist ein Kieler Tatort, den die gewesene NDR-Fernsehfilmchefin Doris J. Heinze noch verantwortete.

Nach den Bekanntwerden der Vorgänge im NDR, wo die Leiterin der Abteilung Fernsehfilm, Doris J. Heinze, offenbar ein System zur Programmgestaltung entworfen hatte, das auch mit nicht legalen Methoden eine klare Vorstellung dessen entwickelte, was Doris J. Heinze für einen guten Fernsehfilm hielt, schaut man den Tatort aus Kiel mit anderen Augen. Redaktionell betreut nämlich hat den Tatort: Doris J. Heinze. So wird Borowski und die Sterne zu einer Art Vermächtnis der suspendierten Fernsehfilmchefin.

Man sucht nicht nur nach dem Täter. Man sucht auch nach dem, was die Bewunderer von Frau Heinzes Kunst den "Heinze-Touch" genannt haben. Der hat ein wenig von seinem Zauber verloren, seit man von ihrer Günstlingswirtschaft weiß, und überzieht die ganze Folge mit einem Generalverdacht. Profitierte etwa der – zweifellos großartige – Schauspieler Hermann Beyer von Heinzes Vetternwirtschaft? Beyer spielte im ebenfalls vom NDR verantworteten Polizeiruf aus Schwerin den Vater des Kommissars Hinrichs (Uwe Steimle, der, wie vermutet wird, wegen seiner Kritik an einem Heinze-Drehbuch gegenüber einer Heinze-Vertrauten nun nicht mehr den Kommissar Hinrichs spielt), und spielt hier nun den Wäsche-Unternehmer Saloschnik, der das tote Ex-Groupie Maggie (Helen Schneider) schließlich heiratete? Oder war die Rolle des krebskranken Wäscheunternehmers und gewesen Marine-Offiziers nur der Versüßer für den Abschied vom Schweriner Polizeiruf, der auch Beyer traf? Man tappt im Dunkeln. Könnte aber sagen: Wenn Heinzes Gespür nur immer so treffend gewesen wäre wie im Fall von Hermann Beyer, man würde sie schon jetzt vermissen.

Aber man muss immer alles negativ sehen? Nein. Geblendet vom "Heinze-Touch" in seinem ganzen Funkeln erscheint dieser Tatort als Erfüllung aller Wünsche, die man je an einen Fernsehfilm gehabt hat: Die Folge ist witzig (als Borowski darauf hingewiesen wird, dass sein wiederholtes Auftauchen als Kommissar im Hotel, von dessen Balkon Maggie gestürzt wurde, die Gäste beunruhigt, bietet er an, zur Beruhigung der Gäste Beamte in Zivil zu schicken), informativ ("alle 3 Minuten versucht ein Mensch in diesem Land, sich das Leben zu nehmen, alle 47 Minuten schafft es einer"), offen für Verwerfungen der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft und zugleich weltläufig (Borowskis Tochter aus Übersee auf dem Anrufbeantworter: "Denkst Du bitte an die Überweisung für den Internship, also das Praktikum), anschlussfähig an Sehgewohnheiten für Menschen, die vor allem Privatfernsehen schauen (den Rockstar Bodo, "Bundesverdienstkreuzträger, manche vergleichen ihn mit Goethe", spielt Hugo Egon Balder, der aber, wie sich beim Sonnenbrille-Abnehmen – Rockstar! – und irritiertem Kopfwackeln zeigt, mit Schauspielern wie Beyer – das Bluthusten! – nicht mithalten kann), intelligent (C.G. Jungs Begriff der "Synchronizität" wird mehrfach anschaulich gemacht), popkulturgesättigt ("der alte Rock'n'Roll-Mythos", körnige Bilder of the wild days, Henning "Hendrix" Krause, Janis Saloschnik), filmgeschichtsbewusst (der Versuch, von Wäscheunternehmer Saloschnik, "Hendrix" Krause umzubringen in dessen Dampfsauna mittels Türversperrung und Temperaturregleraufdrehung zitiert einen James-Bond-Beginn, wo Sean Connery ähnliches passiert), romantisch (Borowski und Frieda Jung sind "in love", endlich!), spannend (es gibt eine Tote, es wird ermittelt, es gibt einen Täter) und außerdem kommt man bequem auch nach 23 Minuten noch "rein" in den Film (es gibt eine Tote, es wird ermittelt, es gibt einen Täter).

Was will man mehr? Nur Nörgler werden sagen: Borowski und die Sterne ist der Sieg des romantischen Fernsehfilmschmonzes über den Krimi, da der Fall (die DNA löst alles von alleine) nur das ist, was zwischen den Annäherungen von Klaus und Frieda geschieht. Schalten Sie also auch beim nächsten Kieler Tatort wieder ein, wenn es, leider vermutlich ohne Doris J. Heinze, heißt: "Herzen in Aufruhr. Werden Klaus und Frieda ihre Liebe leben – against all odds?"

ALS DIE NACHKRIEGSMODERNE NOCH AN SICH SELBST GEGLAUBT HAT: das wunderschöne Kieler Maritim-Hotel

KÖNNEN TOURENDE ROCKSTARS SO WAS GLAUBWÜRDIG SAGEN? "Ich bin immer für Dich da."

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

Matthias Dell

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen