Kohlendioxid raus!

Medientagebuch Zwischen platzenden Wasserbetten und perfekten Bratkartoffeln: Pro7 sorgt für gutes Klima

Wie ernst es der Gesellschaft mit der Sorge um den Klimawandel ist, kann man daran erkennen, dass Umweltschutz als Thema im Privatfernsehen angekommen ist. Jahrelang verhielt es sich mit dem Umweltschutz wie mit der Straßenverkehrsordnung: eine abstrakte wie trockene Sache, die dem Unterhaltungsinteresse des Fernsehens äußerlich blieb. Für die Straßenverkehrsordnung gab´s die drei Minuten 7. Sinn, für "grüne" Themen die Tipp-Rubrik von Ratgebersendungen und Kinderprogramme wie Löwenzahn.

In diesem Jahr hat die Politik ein randständiges Thema zur höchsten Staatsangelegenheit nobilitiert, und das ist ein Vorgang, der ohne Verwandlung nicht funktioniert. Das deutlichste Zeichen dieser Verwandlung: Wo früher von der "Umwelt", die es zu schützen galt, die Rede war, sagt man heute "Klima". Die plötzliche Massentauglichkeit des Klimaschutzes erklärt sich daraus, dass er nicht länger für eine ideologische Spielart des Denkens gehalten wird, für oder gegen die man sich entscheiden kann. Klimaschutz, wird bedeutet und macht ihn zugleich so dringlich, ist eine Notwendigkeit, eine Realität. Er geht uns alle an.

Alle sind in der attraktiven Zielgruppe der jüngeren Fernsehzuschauer zu einem nicht unbeträchtlichen Teil Pro7-Gucker. Dort gibt es nun Co2ntra, keine Sendung, sondern eine Mischform aus Kampagne und Rubrik. Co2ntra erfüllt also zwei Aufgaben, und wenn man sich das Ungefähre des Sendeplatzes - inmitten des so genannten Wissensmagazins Galileo (Montag bis Freitag, 19.05 Uhr) - vor Augen führt, liegt der Schluss nahe, Pro7 sei zuerst am Werbeeffekt interessiert, den das Engagement für den Klimaschutz (oder besser: die Assoziation mit dem Engagement für Klimaschutz) heute versprechen mag. "Mit Pro7 das Klima schützen", heißt der Slogan zu Co2ntra, der weniger mit Aufklärung und Information zu tun hat als mit dem Abschöpfen des Rahms, der sich auf der Milch des Zeitgeistes bildet. Klimaschutz bei Pro7 steht in der Tradition einer Imagepflege, die "We love to entertain you" zum Senderschlagwort erkor, nachdem der massentaugliche Robbie Williams mit großem Erfolg Let me entertain you gesungen hatte.

Der Trend ist eine Form der Verwandlung, mit der Klimaschutz fürs Privatfernsehen zugänglich gemacht wurde. Eine andere findet auf der Ebene der Visualisierung statt. Da die so genannten Sendergesichter allesamt einem gleichförmigen Ideal von jugendlicher Schönheit entsprechen und also kein "Experte" wie Peter Lustig mit Nickelbrille und Latzhose zur Verfügung steht, wird die Präsentation nicht dem Klimaschutz, sondern der Klimaschutz der Präsentation angeglichen. Die Hintergrundfarbe von Co2ntra ist ein Hellblau, das in seiner Poppigkeit von der Erinnerung an einen natürlichen Himmel weit entfernt ist. Vor diesem poppigen Hellblau versinkt eine mit zupackend und gleichsam minimalistisch wirkendem Trägerhemd und einer Jeans bekleidete Sonya Kraus in künstlichem Wasser. Sonya Kraus hat den großen Vorteil, dass sie außer für Pro7 allgemein für nichts steht und folglich für alles herhalten kann. Das Versinken im Wasser mag an das Szenario einer Sintflut gemahnen, die schon irgendwie in der befürchteten Klimakatastrophe enthalten sein wird, auch wenn die Sorge um die Erderwärmung eher das Gegenteil vermuten ließe. Vordergründig geht es bei dem Spot freilich um Erotik, mit der man den Zuschauer für alles interessieren kann, für Klimaschutz oder auch für Sendungen, die Sonya Kraus moderiert.

Die Rubrik Co2ntra schließlich macht nichts anderes als Galileo sonst auch: den Warentest. Da wird unter Tetrapak, Glasflasche, Einweg- und Mehrweg-Plasteflasche nach der CO2-ärmsten Verpackung gesucht, was einen Haufen unvergleichbarer Fakten produziert, durch überzeugende Darstellung am Ende aber auch einen Sieger. Ein andermal werden verschiedene Denkmodelle zur Verhinderung der Erderwärmung präsentiert, kommensurabel gemacht durch strikte Hierarchisierung.

Solch große Fragen verblassen allerdings neben den Herausforderungen, die sich bei Galileo vor und nach Co2ntra stellen: Die perfekte Bratkartoffel. Putzen im Schlachthof. Oder: Wann zerplatzt ein Wasserbett? Dafür karrt man Football-Mannschaft samt Cheerleader ran, Elefanten, Kronenleuchter, Kräne, Autos. Der CO2-Ausstoß spielt glücklicherweise keine Rolle mehr.


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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

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