Kolonialgeschichte geht nicht weg

Theaterfestival Eine theatrale Installation re-inszeniert die Völkerschau. Zum Nachdenken über Rassismus verleitet das nur bedingt

„Spielzeit Europa“ heißt ab diesem Jahr „Foreign Affairs“. Das klingt nach einer Globalisierung der Aufmerksamkeit, für die die belgische Festivalmacherin Frie Leysen verantwortlich sein soll, die als Grand Dame der Freien Theaterszene gilt.

Schon in den ersten Inszenierungen aber zeigte sich, dass die Größe des Bewusstseins der Weite des Namens mitunter hinterher hinkt. Exhibit B hat Brett Bailey, ein Regisseur aus Südafrika, seine theatrale Installation genannt, die sich einem Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte widmete – der Völkerschau, die zwischen 1875 und 1940 Menschen fremder – zumeist afrikanischer – Länder ausstellte wie Tiere im Zoo und sich großer Beliebtheit erfreute. Baileys Unterfangen kann man unerhört nennen, schon weil die deutsche Kolonialgeschichte kein Thema ist, das Günther Jauch pausenlos diskutiert.

Unbefriedigende Scham

Um so größer die Enttäuschung, dass Baileys Reflektion über das Problematische an einer Ausdrucksform von rassistischem Denken wie der Völkerschau auf der Hälfte stehen geblieben war. Exhibit B reinszenierte in einem alten Wasserspeicher nämlich tatsächlich: eine Völkerschau. Der Besucher schritt, angehalten von einem sich ironisch auf die Rolle des Impressarios beziehenden Bailey, ästhetisierte Tableaux vivants ab, die großteils genauso aussehen sollten wie in der ursprünglichen Version. Eine Differenz markierten die historisierenden Erklärtafeln und die Tatsache, dass afrikanischstämmige Asylbewerber von heute als „Indizien“, wie Bailey den Titel seiner Installation verstanden wissen will, in den Rundgang integriert waren.

Einzig in dem Tableau Dr. Fischers Wunderkammer wurde die starre, koloniale Anordnung aufgehoben und das Bild im Heute verortet: Eugen Fischer war einer der führenden deutschen „Rassehygieniker“, der dem einstigen Kaiser-Wilhelm-Institut vorstand (in dessen Räumen heute das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften sitzt) und als geachteter „Nestor“ der deutschen Anthropologie 1967 starb. Exhibit B zeigte die vier Totenköpfe seiner Wunderkammer als lebendige Sänger afrikanischer Klagelieder.

Der Fluchtpunkt eines konsequenten Nachdenkens über die Völkerschau hätte in Richtung solcher theatraler Brechungen gelegen. Denn natürlich ist es dem aufgeklärten Besucher der Jetztzeit unmöglich, ausgestellten Menschen ins Auge zu schauen, was dazu führte, dass man mit dem für 45 Minuten veranschlagten Rundgang rasch durch war. Die ästhetische Pointe von Exhibit B lag also darin, dass man etwas anschauen sollte, was nicht anzuschauen ist, was als Pointe aber leider so unbefriedigend wie die Scham ist, die man in der Installation verspürt.

Anstoß zur Selbstkritik

Positiv betrachtet, lässt sich festhalten, dass immerhin etwas in Bewegung gekommen ist – zu Exhibit B wurde ein Symposium veranstaltet, auf dem Bailey erstmals eine fundierte Kritik an seiner Inszenierung zu hören bekam, die bereits in sechs Städten zu Gast war. Das mit der Bewegung im Bewusstsein lag folglich weniger an ihm als an der Gruppe Bühnenwatch, die seit einem halben Jahr gegen die Reproduktion rassistischer Spielarten im Theater interveniert.

Von der Theaterkritik wird Bühnenwatch zumeist als „selbst ernannte Polizei“ gering geschätzt, was damit zu tun haben muss, dass argumentative Entschiedenheit und aktionistische Einmischung in russischen Kirchen oder chinesischen Diktaturen besser aufgehoben sind – dort betreffen sie einen selbst nämlich nicht.

Sehr eng fiel Federico Leóns Eröffnungsabend Las Multitudes aus, in dem man die seltene Gelegenheit hatte, 121 Darsteller auf der Bühne zu sehen. Die sollten eine ganze Gesellschaft abbilden, die sich jedoch schnell als Horrorkabinett der Homogenität erwies: Boy sucht Girl in allen Altersgruppen.

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16:00 15.10.2012
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