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Tatort Mehr grundlegende Einführung in die heterogene Welt des jüdischen Glaubens als Kriminalfilm klassischen Zuschnitts: Der Münchner "Tatort: Ein ganz normaler Fall"

Könnte Köln sein. München präsentiert einen Themen-Tatort à la bonne heure, wie der Sportreporter alter Prägung sagen würde, denn das Thema ist heikel: Judentum. Heikel, weil a) Religion und b) deutsche Vergangenheit. Oder: a) deutsche Vergangenheit und b) Religion. Wie auch immer.

Bekanntlich wird in unserer beschaulichen Runde hier das Knarzen an der Bearbeitung geschätzt, also die Momente, in denen die Unvereinbarkeit von gelungener Kunst und ernsthafter Erwachsenenbildung hervortritt wie ein großer Bühnentragöde aus dem Dunkel der Nullergasse in den Glanz des Schlussapplauses. Wer es sich leicht machen will, kann der ganzen Folge Verklemmtheit attestieren, aber gewonnen ist damit nichts: Deutsche Filme über "das Judentum" können gar nicht anders als "verklemmt" sein – die Frage ist allein, wie mit der Verklemmung oder besser: dem nach der Erfahrung des Holocausts nicht mehr unschuldigen Verhältnis zwischen Juden und Deutschen umgegangen wird.

"Ein ganz normaler Fall" (Buch: Rochus Wolf, Daniel Hahn) nimmt den belasteten Zusammenhang einerseits volley – und lässt den Franz (Udo Wachtveitl) und den Ivo (Miro Nemec) einfach alles aussprechen, was an schwierigen Gefühlen mitschwingt, wenn deutsche Kommissare in einer Synagoge ermitteln: "das fremde Milieu, die Synagoge, die 'jüdischen Mitbürger'", kurz: die Verkrampfungen. Und der Franz sagt: "Ich bin jedenfalls überhaupt nicht verkrampft", was jedenfalls überhaupt nicht stimmt. Und später sagt der Ivo, der ja einen nicht-deutschen Background hat, jeder habe sein nationales Päckchen zu tragen. Das ist eigentlich eine gute Geschäftsgrundlage.

Die Hosen voll

Nur leider hält der Tatort (Regie: Torsten C. Fischer) sich, andererseits, viel zu oft nicht daran. Um tatsächlich alle Ecken der im Grunde lobenswerten Problemdiskurserhellung auszuleuchten, und weil das auf Kosten der innewohnenden Logik geht, ist man als Zuschauer not amused. Als der Franz und der Ivo den orthodoxen Fränkel (Alexander Beyer) nach großer Verfolgungsjagd (watch out, Halle!) abführen, sagt der Fränkel dreimal, dass er seine Kippa verloren habe, und in dem Moment müssen der Franz und der Ivo dann so schwerhörig-ignorant sein (was überhaupt nicht zu ihnen passt), dass sie die Kippa nicht holen, damit der Staatsanwalt am nächsten Tag die Hosen voll haben kann wegen des an die Zeitung geschickten Handyfotos der jugendlichen Parkbankabhänger. Oder dass der Franz unbedingt nach Dachau will – ein ebenfalls im Grunde lobenswertes Ansinnen gerade in diesem geschichtspolitisch schwierigen bayrischen Kontext –, nur sind die Erinnerungen an die verpasste Klassenfahrt so lieblos draninszeniert, dass die finale Fahrt in die KZ-Gedenkstätte, mit der der kundige Zuschauer umgehend rechnet, etwas bemüht wirkt.

Die Idee des Aussprechens von Selbstverwickeltheit wird in Ein ganz normaler Fall leider nicht nur in der Figur des Staatsanwalts durch eine ungünstige Anlage verwässert. Diese straighte Gemeindejustiziarin (Ulrike Knospe), die den Begriff von den "jüdischen Mitbürgern" von sich weist, kommt ja noch ganz informativ. Aber die Vermieterin der Geliebten von "Ich heiße zwar so, bin aber nicht" Großmann (der "Stasioffizier aus 'Weissensee'" und upcoming Tatort-Kommissar in Dortmund: Jörg Hartmann) als vorturteilsbefallene Agentin des schlechten Deutschen ist ein bisschen cheap, vor allem weil sie so am Rande erscheint und den Kommissaren Wohlgefühle verschafft, die sie doch eh nicht haben.

Am stärksten leidet der Tatort folglich unter seinem eigenen Staatsanwalt, also einer übergeordneten Instanz, die es unmöglich macht, das Erbe des deutsch-jüdischen Verhältnisses ein wenig nüchterner zu erzählen (also sich nicht bis in die Credit-Typo und die Musik dem Gegenstand anzuschmiegen) und sich auch nicht, wo man vom deutsch-jüdischen Erbe handeln will, gleich "dem Judentum" nähern zu müssen. Schaut man nur auf den Plot, dann gibt es keinen richtigen Mord (der Verdächtigenauflauf legt eine Subspezies des "Etappentods" nahe) und auch keinen zurechnungsfähigen Täter – Unfall mit Todesfolge bei verminderter Schuldfähigkeit, weil Aaron (Florian Bartholomäi), der als reiner Tor am Ende auf Geheiß vom Ivo und vom Franz auch noch seinen Papa wieder finden darf (früher wäre das eine Udo-Samel-Rolle gewesen: der große André Jung), doch als Kind Meningitis hatte –, und das sieht wiederum so aus, wie wir uns Senderängste vorstellen: dass beim Zuschauer und der Welt ja nicht "hängen bleiben" darf, dass im Tatort Juden sterben und das vielleicht auch noch durch die Hand von Nicht-Juden. Mit dem Fokus allein auf die heterogene Welt des jüdischen Glaubens, produziert der Tatort genau das Gegenteil von den Entexotisierungsbestrebungen, die die Justiziarin formuliert.

Fachwörter Dropping

Sollten solche Ängste existieren, empfiehlt es sich, nur Tatorte über Heiden zu drehen beziehungsweise nur Rosamunde-Pilcher-Filme über Juden. Oder über den eigenen Fernsehbegriff nachzudenken. Außerdem zeigten solche Ängste, dass Ein ganz normaler Fall dem Bewusstsein, das er von der deutschen Geschichte doch richtigerweise hat, selbst nicht traut. Dabei wären gerade diese tighten Regeln (Zeitschaltuhren!) des chassidischen way of believe eine Herausforderung für jede Krimihandlung. Der Tatort entschließt sich dagegen für eine grundlegende Einführung ins "Judentum", bei der in der ersten Hälfte so viele Fachwörter gedroppt werden, die man später noch mal bei Martin Buber nachschlagen will, dass man getrost vergessen kann, es mit einem Krimi zu tun zu haben.

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21:45 27.11.2011
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