Kuchen am Stück

Tea Party Die fragmentierte Öffentlichkeit als Voraussetzung für den Erfolg der Tea Party. Über eine Begegnung mit dem alten Amerika

„Ich bin Republikaner in vierter Generation“, ist einer der ersten Sätze, die James Baughman sagt, um fast seufzend anzufügen: „Es ist eine harte Zeit.“ Nicht nur wegen des Verweises auf die Familiengeschichte wirkt Baughman, Jahrgang 1952, wie ein Mann aus einer anderen Epoche. Man merkt ihm an, dass er Lust hat an der Auseinandersetzung, dazu aber Respekt für den politischen Gegner rechnet. Eine Tugend, die an das alte Amerika erinnert; in Filmen würden solche Figuren von Tommy Lee Jones gespielt.

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Baughman ist Journalistikprofessor an der Universität von Wisconsin-Madison. Als Ort für eine Begegnung hat er ein Café vorgeschlagen, nicht sein Büro, was den Gegenstand, um den es gehen soll, schon bedeutet: der Zustand einer medial vermittelten Öffentlichkeit in den USA.

Diese Öffentlichkeit ist fragmentiert, was für den Erfolg der Tea Party als politischer Drückerkolonne von der Straße eine Bedingung ist. Fragt man Tea-Party-Aktivisten nach ihren Rezeptionsgewohnheiten, ihrer nachrichtlichen Grundversorgung, hört man von populären Radiotalkern, selektiven Mailinglisten, obskuren Internetseiten und Murdochs Fernsehsender Fox News.

Die magischen Kanäle

Dadurch wird eine Realität sichtbar, von der in theoretischen Modellen selten ausgegangen wird: Dass die Bürger das Ende einer Öffentlichkeit mit einigen wenigen, autoritären journalistischen Leitmedien eben nicht nutzen, um sich noch breiter und umfassender zu informieren, sondern sich einen Korridor errichten, in dem nur Platz hat, was die eigene Weltsicht bestärkt, auch wenn es mit der faktischen Welt nichts zu tun hat. Diese Kanäle sind tatsächlich magisch.

Man sollte meinen, sagt Baughman, dass der Mensch nicht Lust hat, immer nur Kuchen zu essen, sondern auch einmal Obst oder Gemüse. Der Blick auf die eingeschränkte Medienwahrnehmung der Tea-Party-Aktivisten korrigiert die Annahme: „Es ist wohl so, dass viele Kuchen bevorzugen.“ Das Internet ist das Werkzeug, das die Fragmentierung nach eigenem Gusto sichtbar und praktikabel macht. Die Geschichte dazu ist aber älter.

Baughman verweist auf zwei Einschnitte in der jüngeren US-amerikanischen Mediengeschichte. 1987 schaffte die Federal Communications Commission (FCC), die Zulassungsbehörde für Radio und Fernsehen, die sogenannte Fairness-Doktrin ab. Bis dahin wurden Lizenzen an Sender nur vergeben, wenn sie ausgewogen berichteten, verschiedene politische Sichten auf einen Gegenstand reportierten. Der Kongress versuchte, die Doktrin wieder einzuführen, aber Präsident Ronald Reagan legte sein Veto ein. Dabei befürchteten damals nicht wenige Konservative, so Baughman, dass der Wegfall der Regelung vor allem linke Talkradios hervorbringen würde. Das Gegenteil ist eingetreten, der Boden für Moderatoren vom Schlage Rush Limbaughs wurde bereitet, und Baughman hat bis heute keine Antwort darauf, warum es unter den bedeutsamen Talkradios keine populäre linke Stimme gibt.

Im globalen Ohio

Die zweite Neuerung war die Gründung des TV-Senders Fox News 1996 mit Roger Ailes an der Spitze, dem einstigen Medienberater von Nixon, Reagan und Bush senior. Ailes‘ Modell war aus kommerzieller Sicht brillant, sagt Baughman, er führte als Unterscheidungsmerkmal zwischen Fernsehstationen Parteilichkeit ein, Ideologie. „Ailes selbst würde das verneinen, aber er hat es getan.“

Das Resultat sind die verzerrten Rückkopplungseffekte zwischen Publikum und Sendern, die sich gegenseitig ihrer Ansichten versichern. Die seriöse New York Times gilt im Umkehrschluss den Tea-Party-Anhängern als Lügenblatt und kommt in deren Erzählungen nur vor, wenn sie die Popularität der eigenen Bewegung erwähnt.So landet man am Ende der Begegnung mit Baughman noch einmal im alten Amerika. In meiner Heimatstadt Cleveland in Ohio, erählt er, gab es einen bekannten Baseballspieler, Bob Feller. „Feller war eine erzkonservative Marie-Antoinette, aber er las bis ins hohe Alter jeden Tag die New York Times.“ Und sei es nur, um sich darüber aufzuregen.

Der Autor wurde gefördert von der Otto- Brenner-Stiftung und Netzwerk Recherche

09:57 30.08.2012
Geschrieben von

Ausgabe 22/2020

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